Der nie endende Schatten

Helmut Donat21.10.2017Gesellschaft & Kultur, Wissenschaft

Die Vergangenheit des renommierten Instituts für Zeitgeschichte ist ins Zwielicht geraten. In der Ausgabe des „Spiegel“ vom 14. Oktober 2017 fragt Klaus Wiegrefe in dem Artikel „Suche nach Entlastung“, ob Mitarbeiter des Instituts jüdische Historiker im Zusammenhang mit der Erforschung des Holocaust ausgegrenzt und Naziverbrechen verharmlost haben. Die Frage ist berechtigt.

Es ist noch viel schlimmer, als es Klaus Wiegrefe dargestellt hat. Es handelt sich keineswegs nur um Einzelfälle, sondern um eine systematische Irreführung der deutschen und europäischen Öffentlichkeit darüber, in welchem Ausmaß nicht nur die Nazi-Elite, sondern große Teile der deutschen Bevölkerung an den Verbrechen beteiligt gewesen sind, von ihnen profitierten oder bereit waren, sich auf sie einzustellen und mit ihnen künftig zu leben. In diesem Sinne hat das Institut für Zeitgeschichte bereits in den 1950er Jahren die Aufklärung über die Verbrechen des Dritten Reiches massiv behindert.

Fraglos brachte das IfZ im Laufe seines Bestehens durchaus verdienstvolle Publikationen heraus, aber in dem Bestreben, die Verfehlungen der Deutschen wirklich durchschaubar zu machen, hat es weitgehend versagt. Bis heute ist das Institut dem Schatten erlegen, in dem es politisch großgeworden ist, den es gepflegt und dem es gedient hat – in dem es sich offenbar wohl gefühlt hat, bis heute bewegt und von dem es sich nicht zu lösen vermag. So ist es zum Beispiel der profunden Kritik des Londoner Germanistik-Professors Jeremy Adler, vorgetragen in der „Süddeutschen Zeitung“ im Januar 2016 und 2017, lediglich mit Ausflüchten begegnet und hat nicht den geringsten Versuch unternommen, den Einwand Adlers, die Herausgeber von Hitlers „Mein Kampf“ leisteten dem Antisemitismus Vorschub, zu widerlegen. Stattdessen bezeichnet zum Beispiel der Direktor des Instituts, Andreas Wirsching, die Kritik J. Adlers als „infam“ – und glaubt, damit einer inhaltlichen Auseinandersetzung ausweichen zu können. Dahinter steht offenbar die Hoffnung, allein die große Zustimmung zu der IfZ-Edition von „Mein Kampf“ sei Grund genug, jedwede Kritik daran als obsolet abtun zu dürfen.

_Was der bedeutende Historiker Götz Aly “zum IfZ sagt”:https://www.perlentaucher.de/essay/goetz-aly-das-institut-fuer-zeitgeschichte-und-die-verzoegerte-deutsche-ausgabe-von-raul-hilberg.html._

Zu einer weiteren und besonderen Verfehlung des Instituts zählt der „Fall Walter Gyßling“. In den Anfangsjahren des neuen Jahrtausend versuchte der kanadische Historiker Leonidas Edwin Hill (1934 – 2012), ein ausgezeichneter und weithin geschätzter Kenner der neueren deutschen Geschichte – er lehrte an der University of British Columbia in Vancouver – die Erinnerungen von Walter Gyßling „Mein Leben in Deutschland vor und nach 1933“ sowie dessen „Anti-Nazi: Handbuch im Kampf gegen die NSDAP“ in der Schriftenreihe des Instituts für Zeitgeschichte zu veröffentlichen – ohne Erfolg.

Wie ist die Haltung des Instituts zu erklären?

Die Gründe für die Ablehnung dürften mehr als anrüchig sein und verdeutlichen, wie fragwürdig das Institut beziehungsweise die für die Entscheidung Verantwortlichen mit der Aufarbeitung der Geschichte umgehen. Gyßling hat die NS-Bewegung seit ihren Anfängen in München nicht nur genau beobachtet. Er gehört zu den bedeutenden Gegnern des Nationalsozialismus und besten Kennern der NS-Bewegung und hat sich, so Arnold Paucker, deutsch-britischer Historiker und von 1960 bis 2001 Direktor des Leo-Baeck-Instituts in London, „im Kampf gegen den Nationalsozialismus und die NS-Diktatur unschätzbare Verdienste erworben“. Dennoch oder gerade deshalb erteilte man ihm beziehungsweise Leonidas E. Hill seitens des Instituts für Zeitgeschichte eine freundliche Abfuhr und unterließ es damit, einen weithin in Vergessenheit geratenen und vergessen gemachten Deutschen, der sich vor und nach 1933 entschlossen gegen den Nationalsozialismus gewandt und ebenso mutig für den Erhalt der Republik gestritten hat, in Erinnerung zu bringen. Wie ist die Haltung des Instituts zu erklären?

Wer war Walter Gyßling? Im März 1903 in das Münchner Großbürgertum hineingeboren, trat Gyßling 1917 dem bayerischen Kadettenkorps bei. Die Bekanntschaft mit dem Münchener Soziologen Franz-Karl Müller-Lyer und dessen pazifistisch-freigeistigem Kreis entfremdete ihn jedoch von den nationalliberalen Auffassungen seiner Familie. Begeistert begrüßte er das Ende des Ersten Weltkrieges und die bayerische Revolution. Mit einem seiner Münchner Jugendfreunde, dem späteren Historiker George W.F. Hallgarten, stürzte Gyßling sich in die Studentenpolitik, organisierte mit ihm die Ortsgruppen des „Kartells Republikanischer Studenten“, um den völkischen Kreisen an den Universitäten eine demokratische Organisation entgegenzusetzen. Als die Familie durch die Inflation ihr Vermögen verlor, musste er sein Jurastudium aufgeben. Gyßling wurde Mitarbeiter der Münchener „Allgemeinen Zeitung“, die sich gegen die politischen Schiebungen im Hitler-Prozess wandte.

Warum ist der Fall Gyßling relevant?

Seit Juni 1928 in Berlin tätig, erkannte der „Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“ (CV) sein Spezialwissen über die Nazis und schickte ihn zu Studienfahrten in die Zentren der NSDAP-Agitation. Gyßling wertete die umfangreichen, auf seinen Erkundungsreisen gesammelten Materialien aus, fertigte Berichte über die Ursachen der NS-Erfolge an und entwarf Strategien zu ihrer Bekämpfung. In seinen Erinnerungen legt er dar, wie die Lauheit und Haltung des Polizei- und Justizapparates das Aufkommen der Nazis erleichterten, sodass sie schon 1929/30 in vielen Kleinstädten ihre Terrorherrschaft aufrichten, jüdische Geschäfte boykottieren, ihre politischen Gegner misshandeln und ungestraft gegen die Anordnung der Behörden verstoßen durften.

Gyßling erkannte die Gefährlichkeit der Nazis, mit denen er bereits in seiner Münchner Zeit zusammengestoßen war, und baute ein großes Archiv auf, dessen Ziel und Zweck es war, die Sozialstruktur, Organisation, Ideologie und Agitationsformen der NS-Bewegung zu erforschen. Die Ergebnisse dienten zugleich als Grundlage für die Entwicklung einer antinationalsozialistischen Propaganda, die Erstellung eigener Materialien sowie der Erprobung und Erarbeitung neuer Kampfmethoden gegenüber den Nazis. Neben einigen großen politischen Tageszeitungen wertete das Archiv, nach seinem ersten Domizil „Büro Wilhelmstraße“ genannt, sämtliche periodische Publikationen der NSDAP aus. Zugleich kaufte es die gesamte nationalsozialistische oder sich mit den Nationalsozialisten beschäftigende Literatur. Weiteres Material ging Gyßling von den Provinzorganisationen des CV aus deren Arbeit zu. Ebenso erhielt er Informationen von einer Reihe von Agenten, die teils innerhalb der NSDAP herumspionierten, teils die NS-Kundgebungen besuchten und die dort gehaltenen Reden stenografisch protokollierten, sodass es kaum einen bedeutenden Redner der Nazis gab, dessen Argumentation und Rhetorik man nicht hätte bis ins letzte Detail studieren können. Gyßling selbst war als Gegenredner in NS-Versammlungen tätig sowie als Redner bei Großveranstaltungen gegen die Nazis.

Der „Anti-Nazi“ war gefährlich

Anfang 1933 umfasste das Archiv mehr als 800 Dossiers mit über 500.000 Stichworten und über 100.000 Querverweisen. Seit Frühjahr 1930 brachte Gyßling auf der Basis dieses Materials den „Anti-Nazi“ heraus, der bis 1933 eine Auflage von 180.000 Exemplaren erzielte und nach wie vor eine Fundgrube ist. Er führt dem Leser die Hohlheit und wirklichen Absichten der hochkriminellen NS-Bewegung in ihrer ganzen Niederträchtigkeit vor Augen, beschreibt die Mordgier der Partei und stellt dar, wie unredlich und haltlos die Führer der NSDAP dachten und argumentierten.

Ebenso flüssig und spannend lesen sich Gyßlings Erinnerungen. Sie sind für jeden interessierten Laienleser wie für jeden Historiker oder Journalisten ein Gewinn und stellen eine ausgezeichnete Quelle dar, wenn man den Ursachen des Scheiterns der Weimarer Republik auf die Spur kommen will. Beides – die Erinnerungen und der „Anti-Nazi“ – sind Zeugnisse eines anständigen Deutschen, der den wahren Charakter des Nationalsozialismus früh erkannte und als einer der bedeutenden Warner des deutschen Volkes gelten muss. „Junge Deutsche“, schreibt Arnold Paucker, „müssten sich an den Kopf fassen, wenn sie sich vor Augen führen, welchen Verbrechern ihre Großeltern oder Vorfahren einst nachgelaufen sind.“ Gyßling arbeitete während des Zweiten Weltkrieges als Journalist in Paris und Basel. Den Nazis entging er mit knapper Not. Er blieb Republikaner und optimistischer Rationalist. 1974 war er Hauptautor des „Humanistischen Manifestes“, das die wichtigsten Positionen der Freidenker-Vereinigung und ihrer Zeitschrift vertrat. Er starb im Oktober 1980 in Zürich – unbemerkt von der deutschen Öffentlichkeit.

Nochmal: Wie ist die Haltung des Instituts zu erklären?

Dass die Geschichte über Walter Gyßling hinweggegangen ist, daran hat nicht zuletzt das Institut für Zeitgeschichte einen besonderen Anteil. Den frühen und konsequenten Gegnern des Nationalsozialismus wollte das Münchener Institut offenbar keinen Platz einräumen und folgte damit einem in Deutschland nach 1945 etablierten politischen Trend, der die Schicksale jener, die wie Walter Gyßling lange vor 1933 gegen den Faschismus gekämpft haben, aus vordergründigen Motiven der Vergessenheit preisgegeben hat. Es ist daher nur konsequent, wenn die im Auftrag des IfZ herausgegebene sogenannte „kritische Edition“ von Hitlers „Mein Kampf“ jedweden Hinweis auf Gyßling oder sein „Handbuch im Kampf gegen die NSDAP“ unterschlägt. Seine Erinnerungen und sein „Anti-Nazi“ sind 2003 im Donat Verlag erschienen, gefördert vom Leo Baeck Institut in London und der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn. Dass das Institut für Zeitgeschichte damit offenbar nichts zu tun haben wollte, spricht Bände.

_Walter Gyßling: Mein Leben in Deutschland vor und nach 1933, und: Der Anti-Nazi: Handbuch im Kampf gegen die NSDAP, hrsg. und eingel. von Leonidas E. Hill. Mit einem Vorwort von Arnold Paucker, 504 S., Hardcover, 25.40 €, “ISBN 978-3-934836-45-7”:http://donat-verlag.de/._

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