Die Vorrangstellung des weißen Mannes ist heute zu Ende. Peter Scholl-Latour

Mehr Vision, weniger Mythos

Das Bildungsideal Humboldts ist überkommen – die Debatte um eine Reform dreht sich im Kreis. Für ein künftiges Finanzierungsmodell der Universitäten muss zunächst grundsätzlich geklärt werden: Was bedeutet Universität heute?

Wie in Deutschland das Thema Studiengebühren debattiert wird, hat viel gemein mit der Art und Weise, wie man in den USA über Schusswaffen oder in Frankreich über Frankofonie diskutiert. Die Diskussion dreht sich gern im Kreise und zirkuliert um eingebaute Halbwahrheiten und Mythen, die seit Langem immun gegen Kritik sind. Im “Land of the Free“ ist es die Verbindung einer anarchisch gestalteten lokalen und bundesstaatlichen Waffengesetzgebung mit einer vorgegaukelten Vorstellung von Freiheit; im Hexagon muss eine kaum hinterfragte Einzigartigkeit als Subventionsquelle für kulturelle Eliten herhalten.

Und in Deutschland? Hier ist es ein mythenhaft gewordenes Humboldt’sches Bildungsideal in der ihm unterstellten Zeitlosigkeit: Seit fast 200 Jahren wissen deutsche Bildungseliten scheinbar, was Universität ist und was es bedeutet, Student und Professor zu sein. An der Organisation und der Finanzierung habe sich nicht allzu viel zu ändern. Ebenso wenig am erstaunlichen Selbstverständnis, dass dies für und von der Gesellschaft bereitgestellt und die Kosten entsprechend getragen werden müssten.

Das Humboldt‘sche Ideal war nie Realität

Dass die Universitäten in einer Welt existieren, die sich Humboldt wahrscheinlich gar nicht vorstellen konnte, dass sie zu einem der wichtigsten Wirtschaftszweige herangewachsen sind, von der die Zukunft des “Landes der Ideen“ abhängt, und dass sie unter einem erheblichen Modernisierungsbedarf und einer eklatanten Unterkapitalisierung leiden – all das ist leichter zu übersehen, wenn man den verklärten Blick auf ein Bildungsideal gerichtet hält, welches immer Ideal und nie Realität war. Vermutlich nie Realität sein kann.

Wenn Politik sich an Mythen verortet, leidet sie an Rückwärtsgewandtheit mit Tendenz zur Irrationalität. Nur so lässt sich auch in Deutschland verstehen, wie mit dem Thema Studiengebühren umgegangen wird. Hier wird diese Diskussion von einer bequemen Universitätsromantik überlagert. Verstärkt durch den Bildungspartikularismus lädt sie zu erheblichem Opportunismus ein. Dass wir mit einem pluralen und zunehmend internationalen Bildungssystem leben müssen, wird kaum wirklich wahrgenommen.

Was also kann getan werden? Zunächst sollte ein Moratorium verabredet werden, Studiengebühren vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Diskussion auszusetzen und die Zeit zu nutzen, über Grundsätzliches nachzudenken, bevor die Situation noch unübersichtlicher und heilloser wird.

Vor den Studiengebühren müssen erst Stipendienprogramme vorliegen

Die wohl wichtigsten Fragen sind: Was bedeutet Universität heute? Welches Hochschulwesen wollen eigentlich Wissenschaftspolitiker, Hochschullehrer und Studierende? Was wird von ihnen erwartet und was erwarten sie von sich selber? Was bedeutet ein Studium, auch im Sinne einer Balance zwischen privatem und gesellschaftlichem Beitrag? Welche Erwartungen stellen nachrückende Abiturjahrgänge an die Universitäten? Dies vor dem Hintergrund politischer Entscheidungen, die Anzahl von Studierenden zu erhöhen, und demografischer Entwicklungen.

Und im zweiten Schritt sollte diskutiert werden: Welchen finanziellen Beitrag brauchen Hochschulen von Studierenden und welchen können sie erwarten? Erst dann, im Kontext der vorherigen Fragen: Welches Stipendienwesen brauchen wir für wen und wie wäre es zu finanzieren?

In der zeitlichen Sequenz sollten grundsätzliche Überlegungen vor politischer Umsetzung von Programmen erfolgen und Studiengebühren erst erhoben werden, wenn entsprechende Stipendienprogramme vorliegen. Und bitte das alles ohne Hinweis auf Humboldt und seine vermeintlichen Ideale.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Martin Lätzel, André Stern, Stephan Jansen.

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