Euer Hass ist unser Ansporn. Joachim Gauck

Freudige Hilfe aus christlichem Geist

Entgegen der Hoffnungen brachen nach dem Zweiten Vatikanum keine goldenen Zeiten für die katholische Kirche an. Dabei sind viele der Dokumente großartige Texte, theologisch wichtig und richtig.

Auch nach 50 Jahren besteht guter Grund zu heftigem Streit und fruchtbarer Diskussion. Denn die Antworten auf zentrale Fragen fallen nach wie vor unter Katholiken und anderen Christen, Wohlmeinenden und ganz Kritischen kontrovers aus: Was wünschte sich Johannes XXIII. im Herbst 1962 von seinem Konzil? Was wollten die fast 3.000 Bischöfe aus aller Welt mit dieser auffälligen Versammlung im Petersdom zu Rom erreichen? Was hat dieses Zweite Vatikanum eigentlich gebracht? Genug für die katholische Kirche, um für die nächsten Jahrhunderte gerüstet zu sein? Oder zu wenig, um in einer globalisierten Welt bei einer größeren Menschheit und ihren eigenen, und nun vielleicht anspruchsvolleren Gläubigen Gehör zu finden?

Schlagwörter entpuppten sich als Larven

Die Standard-Antwort, Bischöfe und Päpste – zuerst Johannes XXIII., dann, von der zweiten bis zur vierten Sitzungsperiode, 1963 bis 1965, Paul VI. – hätten „Aggiornamento“ angestrebt, ein Heranführen der Kirche „an den Tag“, befriedigt längst nicht mehr. Reform, Erneuerung, Verjüngung, Berücksichtigung der Moderne, Zuwendung zu den Menschen von heute, Aufnehmen des Zeitgeistes – diese Schlagwörter entpuppten sich als Larven, aus denen unverbindlich tanzende Schmetterlinge davonflogen. Progressiv-konservativ, rechts-links, gestrig-zukünftig scheinen untaugliche Disziplinierungsbegriffe. Aber was dann?

Drei Jahre nach seinem überraschenden prophetischen Einfall mit einem Konzil (im Januar 1959), 35 Monate, in denen manches Waghalsige, Unvorhersehbare eines solchen Projekts entdeckt worden war, verkündete Johannes XXIII. seinen Hauptgrund der aufwendigen Bischofsversammlung. In der hochoffiziellen Apostolischen Konstitution, „Humanae salutis“, vom „Erlöser des menschlichen Heils“, zum Weihnachtsfest 1962. Da spricht ein 81 Jahre alter Mann, ein Gütiger, ein Weiser, der sich Sorgen um die Menschheit in all ihren Problemen und Fragen macht und ihr beistehen will, soweit er kann, mit dem, was ihm das Kostbarste ist, einer „freudigen Hilfe“ aus christlichem Geist.

Genau das nahmen ihm damals alle Menschen guten Willens ab und liebten ihn dafür. Sie sahen in der Welt ringsum, dass vieles im Argen lag, viele in Bedrängnissen und Ängsten lebten: zwei Super-Machtblöcke festgefahren im Kalten Krieg – der wenige Monate später in der Kuba-Krise, genau zur Eröffnung des Konzils im Oktober 1962, beinahe in einen heißen atomaren ausgebrochen wäre -, Gärungen in den westlichen Gesellschaften, Aufbrüche in den lange kolonialisierten „Entwicklungsländern“ und so fort. Da tat ein gutes Wort wohl, über den „Frieden auf Erden“ – „Pacem in terris“, so der Titel seiner bekanntesten Enzyklika –, über Gerechtigkeit zwischen den Menschen, den gesellschaftlichen Schichten, den Völkern, ein hilfreiches Wort, das nicht durch Verbot verschärfte, sondern entspannend zum Guten ermutigte.

Und was waren die Worte des Konzils? Und seine Wirkungen danach? Johannes XXIII. hatte den Bischöfen als Aufgabe gestellt: Wie kann die Kirche, wie können alle christlich Glaubenden den Menschen in ihrer Unruhe und Angst helfen? Doch die Bischöfe beschäftigten sich vor allem mit sich selbst, mit der Kirche, mit kirchlichen Innereien. Zuerst mit der Frage aller Fragen, vielleicht unvermeidlich in einer menschlichen Institution, wer in der katholischen Kirche das Sagen habe, der Papst, die Römische Kurie, die Kardinäle des Heiligen Kollegiums, die Bischöfe aus den einzelnen Kirchen in aller Welt, die Mehrheit oder die qualifizierte Minderheit. Dabei wurden sie aufmerksam von der Öffentlichkeit beobachtet, die natürlich die Auseinandersetzungen zwischen Progressiven und Reaktionären, die Schau-Kämpfe zwischen purpurnen Kardinälen und violetten Bischöfen spannend fand. Schön etwa, dass der Kölner Kardinal Frings und sein theologischer Berater Joseph Ratzinger, nunmehr Benedikt XVI., für ein faires Verfahren vor der Inquisitions-Behörde, gegen die Macht der Römischen Kurie eintraten; aber das löste kein Menschheitsproblem.

Viele „Dokumente“ sind großartige Texte; theologisch wichtig, ja notwendig, weil sie Kirche und Glaubenslehre als „Offenbarungsreligion“ auf einen vernünftigen, mit der Vernunft kompatiblen Standard geführt haben (bei den „Heiligen Schriften“ der Bibel); darüber muss man nicht mehr streiten. Andere Einsichten, etwa im Verhältnis zu „den anderen“, den christlichen Kirchen und den nicht-christlichen Religionen, oder über Religionsfreiheit waren überfällig, bedeuteten jedoch nicht nur Aufarbeitung, sondern auch Aufgaben für die Zukunft; da muss nur mehr getan werden. Als Erstes beschlossen die Konzilsväter eine Liturgiereform, von der sich die Kirche mancherorts noch immer nicht erholt hat. Als Letztes verabschiedeten sie, schon etwas erschöpft, eine „Pastorale Konstitution über die Kirche in der Welt von heute“. Dazwischen lagen viele erbauliche „Dekrete“ über Innerkirchliches.

Braucht man dafür ein Drittes Konzil?

Begannen nun, wie von den Bischöfen beabsichtigt, goldene Zeiten für die Kirche? Im Gegenteil! Über die für mündig erklärten Laien brach die Enzyklika Pauls VI., „Humanae vitae“ (über die Weitergabe des menschlichen Lebens) herein, mit einer Sexualmoral, die „wenig hilfreich“ war, wie Kardinal Ratzinger öffentlich zugab. Gesinnungs-Aktivisten ließen von den strittigen Themen – unnötig, eine Liste aufzustellen! – für die nächsten Jahrzehnte nicht mehr ab. Symptomatisch war, dass auf der Synode der deutschen Bistümer Anfang der 1970er-Jahre in Würzburg am heftigsten, mit den meisten Wortmeldungen über die Zulassung von wiederverheirateten Geschiedenen zur Kommunion in der Messe gestritten wurde.

Andere Christen hatten diese Sorge nicht. Aber eigentlich sollte das Zweite Vatikanum die Katholiken zu „freudiger Hilfe“ für ihre bekümmerten, verängstigten Mitmenschen befähigen. Auch im 21. Jahrhundert, mit ganz neuen Problemen, etwa in der Medizin bei Beginn und Ende des Lebens. Braucht man dafür ein Drittes Konzil?

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Michaela Pilters, Paul Badde, Maria von Welser.

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