Häppchenlesen auf dem Vormarsch

Heinz Bonfadelli13.02.2011Gesellschaft & Kultur, Medien

Als Folge des zunehmenden Lesens am Bildschirm ist unser Leseverhalten extensiver und selektiver geworden. Netztexte mit Bildern und Querverweisen führen zu einer Herausbildung von neuen und umfassenderen Lesekompetenzen. Diese hybriden Formen der Aufbereitung von Informationen sind begrüßenswert, aber auch unser Bildungssystem muss sich dieser neuen Herausforderung stellen.

Nicht nur das Medium Buch und seine Zukunft ist in jüngster Zeit im öffentlichen Diskurs meistens unter negativen Vorzeichen thematisiert worden, sondern auch die Zuwendung zum Buch und das Lesen und Verstehen von Texten überhaupt hat seit der Einführung der PISA-Studien zu Kontroversen Anlass gegeben. Immerhin besteht nach wie vor ein Konsens sowohl in der Wissenschaft wie in der Gesellschaft, dass für das Funktionieren der modernen Wissensgesellschaft eine ausgebildete Lesekompetenz als Basis für die Medienkompetenz unabdingbar ist. Und auch Prominente wie beispielsweise jüngst Umberto Eco und Jean-Claude Carrière glauben nach wie vor an “die große Zukunft des Buchs“. Aber wie steht es um das Leseverhalten der breiten Bevölkerung tatsächlich? Die vorliegende Forschung, meist auf quantitativer Basis, bestätigt zwar, dass das Lesen von Büchern nach wie vor im Multimedia-Menü selbst der Jungen seinen Platz behauptet, allerdings vor allem bei den bildungsaffinen Segmenten (Fachbücher) und den Frauen (Belletristik). Gleichzeitig gibt es auch ambivalente Befunde, etwa dass “die Anzahl der jährlich gelesenen Bücher wie auch die zu Hause vorhandenen Bücher im Sinken begriffen sind(Link)”:http://www.theeuropean.de/nicholas-carr/4654-internet-und-intellekt.

Mehr extensives und selektives Leseverhalten

Neben diesen quantitativen Eckdaten ist ebenso ein qualitativer Blick gefragt, wobei hier die Datenlage spärlich ist. So findet offenbar ein Wandel von der intensiven Lektüre zugunsten des eher extensiven und selektiven Leseverhaltens statt, hat sich doch nach der Studie “Lesen 2008“ der Stiftung Lesen der Anteil jener deutlich erhöht, die Bücher eher in kleinen Portionen über längere Zeit lesen. Ebenfalls wird heute öfter erwähnt, dass man manchmal Seiten überfliege und nur das Interessanteste lesen würde. Das sog. Häppchenlesen ist also im Vormarsch. Dies ist nicht zuletzt eine Folge des zunehmenden Lesens am Bildschirm. Damit verbunden ist die Tendenz, dass verbale Informationen bzw. Texte nicht nur in (Fach-)Büchern), sondern speziell im Web und im Web 2.0 (Stichwort: “Facebook(Link)”:http://www.theeuropean.de/debatte/767-social-media oder Youtube) immer stärker mit (Bewegt-)Bildern verbunden werden. Wie dieser Wandel der Printkultur allerdings zu bewerten ist und welche Folgen er für die Leserinnen und Leser hat, ist noch weitgehend unklar. Während Kritiker vor den Gefahren von zu stark mit Bildern, Links und Querverweisen gespickten Texten warnen, kann man auch argumentieren, dass sich durch die Verbindung von verbalen und visuellen Codes die Verständlichkeit erhöht und als Folge die kognitiven Fertigkeiten nicht verkümmern, sondern neue und umfassendere Lesekompetenzen gefordert sind und sich auch herausbilden werden. Experimente zeigen etwa, dass komplex aufgebaute Internettexte die kognitiven Fertigkeiten der Internetnutzer tatsächlich vielfach überfordern und der Lernzuwachs im Vergleich zu linearen Internettexten oder sogar Buchtexten geringer ausfällt.

Neue Herausforderungen für das Bildungssystem

Zu warnen ist jedoch vor einer zu einfachen und nur medientechnologischen Argumentation. In Büchern wie im Internet finden sich immer Texte ganz unterschiedlicher Komplexität und für verschiedenste Zielgruppen. Und grundsätzlich sind die neuen Möglichkeiten der Verbindung von schriftlichen Codes mit Fix- und Bewegtbildern, aber auch mit Grafiken und Schaubildern sowie mit den entsprechenden Verweisen und Links zu begrüßen. Sie ermöglichen neue und hybride Formen der Organisation, Aufbereitung und Synthese von Informationen und Wissen. Allerdings bedarf es auf Seiten der Nutzer entsprechend komplexer Internetkompetenzen. Und die entstehen nicht von selbst. Hier stellen sich ganz neue Aufgaben und Herausforderungen für das Bildungssystem.

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