Freiwillige Radikale

Heinrich Schmitz20.02.2015Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

In ihrem Buch „Zum Töten bereit“ beschreibt die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor eindrucksvoll, warum deutsche Jugendliche in den unheiligen Krieg ziehen.

„Lamya Kaddor – Zum Töten bereit“ klingt zwar reißerisch wie ein Tarantino-Western oder eine Fortsetzung von „Kill Bill“, aber niemand sollte sich durch den Titel abschrecken lassen, “das Buch mit dem Untertitel „Warum deutsche Jugendliche in den Dschihad ziehen“”:http://www.piper.de/buecher/zum-toeten-bereit-isbn-978-3-492-05703-5 zu lesen.

Die Autorin ist im Zusammenhang mit den Themen Islam, Islamismus, Salafismus, Terrorismus seit Jahren bekannt wie ein bunter Hund. Mancher Salafist wird in ihr eher eine ungläubige „Hündin“ als eine Muslimin sehen und mancher Islamhasser für eine Propagandistin des finsteren Mittelalters. Dabei ist Frau Kaddor weder das eine noch das andere.

Eigene Schüler an den IS verloren

1978 geboren in Ahlen/Westfalen als Tochter syrischer Einwanderer, ist die Islamwissenschaftlerin als Gründungsvorsitzende des Liberal-Islamischen Bundes eine der wichtigsten Vertreterinnen des liberalen Islam in Deutschland.

Als Religionslehrerin für islamische Religion hat sie täglichen Kontakt mit Kindern und Jugendlichen, kennt deren Lebenssituation, ihre Ängste und Nöte, aus nächster Nähe. Sie erfährt immer wieder, dass ihre Schüler aus muslimischen Familien hin und her gerissen sind, zwischen traditionellen Vorstellungen aus dem Elternhaus und den Verlockungen des Alltags. Dass sie sich zunehmend nicht mehr als Individuen, sondern als Muslime wahrgenommen fühlen. Und dass das Ansehen von Muslimen in der Gesellschaft aufgrund des IS-Terrors und der Salafistenszene zunehmend auf ausschließlich negative Aspekte reduziert wird. Umgekehrt erlebt sie immer wieder, wie aus dieser unberechtigten Reduzierung eine Abschottung der Muslime gegenüber der übrigen Gesellschaft resultiert.

Lamya Kaddors Buch schildert anhand von Beispielen, wie diese Situation von salafistischen Organisationen zur gezielten Rekrutierung von neuen Mitgliedern ausgenutzt wird. Die schleichende Radikalisierung von Jugendlichen, die in ihrer Verunsicherung zunächst bei den freundlichen Vertretern des „wahren Islam“ neue Freunde und Geborgenheit finden, um dann irgendwann als Kanonenfutter bei den zynischen Mördern der Terrormilizen zu landen, wird plastisch und absolut nachvollziehbar dargestellt. Auch die Tatsache, dass die Autorin einige ihrer eigenen Schüler an die Salafisten und auch an den sogenannten IS verloren hat, was sie als persönliche Niederlage empfunden hat.

Anschläge auch in Deutschland

Wunderbar differenziert zeigt das Buch auch die Wechselwirkungen zwischen verschiedenen radikalen Bewegungen innerhalb der Gesellschaft an. Dass die gegen die „Islamisierung des Abendlandes“ spazierenden Dresdner den Salafisten in die Karten spielen, weil sich auch bisher völlig harmlose Muslime von den Pegida-Demonstranten angegriffen und zu Unrecht ausgegrenzt fühlen, hätte der Thesen klebende Bachmann vermutlich auch nicht gedacht. Auch ihm und seinen fanatischen Anhängern könnte die Lektüre von Kaddors Buch neue Erkenntnisse bringen, wenn die denn an Informationen interessiert wären.

Dasselbe gilt für die Vertreter der offiziellen Islamverbände, die überwiegend eine konservative Ausrichtung des Islam fördern und damit trotz verbaler Abgrenzung gegenüber den Salafisten in der Gesellschaft eher als lau wahrgenommen werden. Hier bekommt jeder sein Fett weg. Gut begründet und konstruktiv.

Aber Lamya Kaddor zeigt nicht nur die sich zuspitzende Problematik zwischen Muslimen und Islamhassern, die sowohl den deutschnational wie auch den salafistisch Verblendeten Zustrom garantieren, sondern sie zeigt auch Wege, die ansonsten unausweichlich erscheinende Frontstellungen innerhalb der Gesellschaft zu entschärfen. Dabei macht sie klar, dass es keinen sicheren Weg gibt, terroristische Taten auch innerhalb Deutschlands sicher zu verhindern. Ja, sie rechnet sogar früher oder später mit solchen Anschlägen. Und fürchtet, dass die Reaktionen darauf weitere Radikalisierungen erzeugen werden.

Religiös die Fresse polieren

Prävention und noch mal Prävention ist der einzige Weg, auf Dauer ein friedliches Zusammenleben aller Bürger herbeizuführen. Dazu ist der langsam und noch etwas zaghaft eingeschlagene Weg eines islamischen Religionsunterrichts ein wichtiger Baustein. Den Schülern die Vielfalt des Islam und seine im Grundsatz von der Barmherzigkeit Allahs lebende Friedfertigkeit nahezubringen, kann diese vor der gewaltgeilen Version des politischen Islamismus beschützen.

Es kann für verunsicherte Jugendliche und Heranwachsende, die glauben, in unserer gemeinsamen Gesellschaft keine faire Chance zu bekommen – was häufig sogar richtig ist, z.B. bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz oder bei dem Versuch, eine Disko zu betreten –, sehr attraktiv sein, wenn der Drang, einem anderen aus Wut die Fresse zu polieren, einen religiösen Segen bekommt. Wenn es auf jede Frage ein einfaches und klares Ja oder Nein gibt. Halal/Haram – der Salafismus hat so etwas herrlich Binäres. Denken ist nicht erforderlich, dafür gibt es ja „Vordenker“ wie den Lock-Vogel oder Lau. Selbst die dümmste Nuss hat das Zeug zum Märtyrer.

Wenn aus einem bisherigen Loser innerhalb seiner neuen salafistischen Peer-Group ein strahlender Held wird, weil er seine Aggressionen plötzlich im Namen Allahs ohne schlechtes Gewissen ausleben darf, dann ist das attraktiv. Oder wenn ihm sogar irgendwann die zweifelhafte Ehre zugestanden wird, in den unheiligen Krieg zu ziehen und sich mit einem Selbstmordattentat einen Direktflug ins Paradies zu sichern. Vorher noch ein paar Gewaltfantasien ausleben, wie man sie aus den unzähligen Internetvideos kennt und dann ab zu Allah. Einschließlich diverser Jungfrauen und unabhängig davon, dass er vom Islam bisher wenig Ahnung hatte und auch nie bekommen wird. Diesen Jungs muss unsere Gesellschaft eine Alternative bieten, bevor sie radikalisiert werden. Wenn das einmal geschehen ist, sind sie kaum noch erreichbar. Für Argumente schon gar nicht. Auch das kennt man von der Gegenbewegung unter dem Stichwort „Lügenpresse“.

Hooligans und andere Kriminelle

Samya Kaddor macht keinen Hehl daraus, dass sowohl der IS- als auch der Al-Qaida-Terror selbstverständlich schon alleine deshalb mit dem Islam zu tun hat, weil er sich zur Begründung seiner Gräueltaten auf diesen beruft. Die reflexhafte Abwehrreaktion vieler Muslime – „das hat mit dem Islam nichts zu tun“ – ist zwar verständlich, führt aber in die falsche Richtung. Auch hier fordert sie im eigenen Interesse der Muslime von diesen eine klarere Abgrenzung, weil das zwar nachvollziehbare Schweigen von den Nichtmuslimen falsch verstanden werden und zu noch größerer Ausgrenzung führen könnte.

Ich musste übrigens grinsen, als ich im Zusammenhang mit den Hooligan-Ausschreitungen durch Kölner Schläger in Mönchengladbach den Satz hörte: „Das sind keine Fans, das sind Kriminelle.“ Nein, das sind kriminelle Fans, die genauso wie die kriminellen islamistischen Terroristen in dem Wahn leben, sie täten ihrem „Verein“ etwas Gutes. Sie gingen entsprechend der FC-Hymne für ihren Verein „durch et Füer“.

Wichtigste Aussage des gut lesbaren, weil lebensnah und verständlich geschriebenen Buches ist die Betonung, dass der Kampf gegen den Terror und für unsere Kinder und unsere Gesellschaft eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist, zu der neben den Bildungs- und Erziehungsaufgaben auch ein vernünftiges Handeln der Politik erforderlich ist. Eine Politik, die notwendige Veränderungen mit Augenmaß angehen muss und neben der Wählerwirksamkeit auch die Auswirkungen bestimmter Maßnahmen im Hinblick auf eine weitere unerwünschte Ausgrenzung bestimmter Bevölkerungsgruppen berücksichtigen muss. Von der Politik muss verlangt werden, populistischen Aktionismus zu unterlassen. Der bringt nichts und schadet viel.

Viele Feinde gemacht

Wenn Politiker aller Richtungen Lamya Kaddors Buch lesen würden, bevor sie mal wieder an den Gesetzen herumbasteln, könnte das Schlimmeres verhindern. Wenn Eltern, Kindergärtner/innen und Lehrer/innen sich mit der Materie anhand des Buches beschäftigen, könnten sie manche Fehlentwicklung frühzeitiger erkennen und effektiver gegensteuern. Das gilt übrigens auch für nichtmuslimische Eltern und Erzieher, denn nicht jeder Salafist stammt ursprünglich aus einer muslimischen Familie. Gerade Konvertiten meinen häufig, sie müssten sich besonders hervortun.

Lamya Kaddor gebührt Dank für dieses Buch, mit dem sie sich als Deutsche, als Frau und als Muslimin garantiert jede Menge Feinde gemacht hat. Es täte der Diskussion um Islam und Islamismus gut, wenn dieses Buch mindestens so viele Leser finden würde, wie die Bücher von Sarrazin oder Pirinçci. Ich fürchte allerdings, dass das mein frommer Wunsch bleibt. Wer liest schon gerne gute Bücher?

_Lamya Kaddor: „Zum Töten bereit. Warum deutsche Jugendliche in den Dschihad ziehen“. 256 Seiten. Piper. 14,99 €_

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