Terrorismus und der Kölner Karneval | The European

Kölle Allah?

Heinrich Schmitz30.01.2015Außenpolitik, Innenpolitik

Wer glaubt, man kann den Karneval vor terroristischen Anschlägen schützen, indem man provozierende Wagen nicht zulässt, glaubt auch an den Weihnachtsmann. Bisher haben wir einfach nur Schwein gehabt.

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Getty Images (Fotomontage: The European)

Ein Rosenmontagszug ist weder eine Demonstration noch eine Prozession. Es ist im Kern auch keine politische Veranstaltung. Schon gar nicht in Köln. Da, wo man an den tollen Tagen einfach „jeck“ ist. Politik ist mehr was für die Mainzer oder die Bewohner der verbotenen Stadt (_Düsseldorf, Anm. d. Red._). Köln ist eher auf Blödsinn geeicht.

Deshalb war ich schon erstaunt, als die Nachrichten meldeten im diesjährigen „Zoch“ führe ein Wagen als Reaktion auf die Terroranschläge von Paris mit. Karneval und Terror? Noch erstaunter war ich darüber, dass dieser Wagen im Rahmen eines demokratischen Abstimmungsprozesses von den Jecken selbst ausgesucht wurde. Auch das passt weder zum durchorganisierten offiziellen Funktionärskarneval noch zur Satire – oder was auch immer der Wagen symbolisieren sollte.

Auch Muslime feiern Karneval

Der Sieger der Abstimmung war ein Wagen, auf dem ein Pappnasenjeck einen Buntstift in den Lauf einer – von einem mit Sprengstoffgürtel gekleideten Bärtigen gehaltenen – Waffe hielt. Rechts stand noch was von Presse- und Meinungsfreiheit. Dem Terroristen pinkelte ein Idefix ans Bein. Nun ja. Das war jetzt mäßig lustig, aber es war immerhin ein Statement für die Freiheit und gegen den Terror. Und es war nichts, worüber ein friedfertiger Muslim in heiligen Zorn hätte geraten können. Die Muslime sind nämlich genauso gegen Terrorismus wie jeder andere Mensch und jede Menge von ihnen feiern auch mit im Karneval.

Am 29.1.2015 kam dann das plötzliche Aus für den Wagen. Das Kölner Festkomitee teilte mit, man stehe zwar immer noch zur Aussage des Entwurfs, aber es hätten sich besorgte Bürger gemeldet. Ach was? Und das ist ein Grund, den Wagen aus dem Verkehr zu ziehen? Wovor hatten diese besorgten Bürger denn Angst? Dass es einen Terroranschlag auf den Rosenmontagszug geben könne? Na klar, kann es den geben. Den kann es seit Jahren schon geben. Ein weicheres Ziel als den Kölner Rosenmontagszug kann es kaum geben. Im Schnitt stehen beim Zug rund 1 Million Menschen am Straßenrand. Über die ganze Stadt verteilt. Aus aller Herren und Damen Länder. Verkleidet, geschminkt, maskiert. Unkontrollierbar.

Wer glaubt, eine solche Menschenmenge sei irgendwie dadurch vor Terroranschlägen zu schützen, dass ein paar Zugordner bei jeder Gruppe mitmarschieren und jede Menge „Schutzmänner“ von der Polizei am Wegesrand stehen und sich bützen (_küssen, Anm. d. Red._) lassen, der glaubt auch an den Weihnachtsmann.

Und wer glaubt, dass Terroristen, die einen Anschlag auf so eine Menschenmasse planen, das wegen eines bestimmten Wagens tun oder lassen, der glaubt, dass Terrorismus etwas ist, was man beschwichtigen oder anheizen kann. Die Gefahr von Anschlägen besteht immer und überall.

Da fällt dem Taliban der Ziegenbart ab

Für IS- oder Al-Qaida-Anhänger muss ja der ganze Karneval bereits so was von haram sein, also fluchbeladen und tabuisiert, „janz äkelisch“. Da wird gesungen, getanzt, gelacht, gesoffen, gebützt und gerne mal fremdgegangen. Da fällt dem Taliban der Ziegenbart ab. Da wird der ganz böse. Schon immer. Es ist also eher ein Wunder, dass es bislang noch keine Anschläge auf dieses dekadente Treiben gab. Und das ist mit Sicherheit nicht auf eine todsichere Absicherung durch die Polizei oder die Dienste zurückzuführen. Das ist einfach bisher so gewesen. Schwein gehabt.

Wenn das Kölner Festkomitee mitteilt: „Wir möchten, dass alle Besucher, Bürger und Teilnehmer des Kölner Rosenmontagszuges befreit und ohne Sorgen einen fröhlichen Karneval erleben“, dann ist das ein Pfeifen im Walde. Ob der Wagen mitfährt oder nicht, ändert nichts an der grundsätzlichen Gefährdung derartiger Menschenaufläufe. Vielleicht ändert sich das subjektive Empfinden einzelner Zugteilnehmer oder -besucher. Mehr aber auch nicht. Das Leben ist gefährlich. Da kann auch ein nicht religiös verpeilter Amokläufer mal eben eine Handgranate in die Menge werfen oder eine Rucksackbombe zünden. Wer wollte das verhindern?

Ich weiß nicht, wie viele Leute dem Kölner Festkomitee mit ihren Sorgen in den Ohren gelegen haben, von den Zugteilnehmern – also den aktiven Karnevalisten – kamen diese offenbar nicht. Im Gegenteil: „Es haben sich zahlreiche unserer Mitgliedsgesellschaften direkt an uns gewandt und sich für die Mitfahrt auf diesem Wagen beworben, um damit ein Zeichen für die Meinungsfreiheit zu setzen.“

Kölle Halal rufen?

Wenn man sich anschaut, wie Köln auf die Kögidademos reagiert hat, die darauf ausgerichtet waren, islamophobe Ängste bei den Bürgern zu schüren, wenn man sieht, wie Köln dem Fremdenhass mit BIRLIKTE und den „Arsch Huh“-Veranstaltungen entgegengetreten ist, dann macht mich die Absage durch das Kölner Festkomitee betroffen. Gegen Neo-Nazis stehen wir auf und gegenüber dem islamistischen Terror pissen wir uns selbst in die Hose? Da knicken wir ein? Aus Sorge, aus Angst?

Da kann man ja den Propagandisten des islamistischen Terrors schon mal herzlich gratulieren. Vielleicht rufen wir für eine Übergangsfrist mal Kölle Halal, schaffen dann die Karnevalsmusik ab, trinken am Zugweg nur noch Wasser und ersetzen das Dreigestirn – wo immer ein Mann geschminkt in Frauenklamotten als Jungfrau agiert – durch einen Kalifen und 72 Jungfrauen. Gegen symbolische Jungfrauen hat man hier ja grundsätzlich nichts. “Woher nur die 11 kommen mag”:http://www.welt.de/vermischtes/article10857790/Warum-die-Elf-die-magische-Zahl-des-Karneval-ist.html? Unsere Jungfrauen einschließlich ihrer Anführerin Ursula waren jedenfalls keine Memmen.

Da man aber ja nie wissen kann, ob sich nicht irgendjemand über irgendetwas so aufregt, dass er einen Anschlag durchführt, können wir es auch einfach alles bleiben lassen. Das Gleiche gilt dann für Meinungs- und Pressefreiheit, Religions- und Demonstrationsfreiheit usw. Unsere Freiheit wird nicht am Hindukusch verteidigt und schon gar nicht dadurch, indem wir kuschen und dem Befehl eines selbsternannten Terrorkalifen gehorchen, der „Hin, Du, kusch“ heißt.

Unsere Freiheit müssen wir schon ernst nehmen. Auch da, wo es eigentlich lustig und fröhlich zugeht. Gerade da.

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