Wenn Sie sich waschen und rasieren, haben Sie in drei Wochen einen Job. Kurt Beck

Der Monolith

Matthias Matussek mag durch seinen Zorn und seine Ausdrucksweise häufig wirken wie ein Berserker. Aber er ist von totalitären Ideen weit entfernt – anders als manch seiner Gegner.

Matthias Matussek erfreut sich gerade großer Unbeliebtheit. Ein einziger Satz auf seiner privaten Facebook-Seite genügt einigen Zeitgenossen, um ihn gemeinsam mit finsteren braunen Gesellen in eine Ecke zu stellen. In eine ganz rechte Ecke, ganz weit weg von den aufrechten Demokraten im Groko-Land.

Was hat er gesagt? „Meine Ansicht: wer beim rituellen Treten gegen diese Menschen mitmacht, hat die Gesinnung von HJ-Pöbeln.“ Die „taz“ findet das „Verboten“ und spinnt den Faden eigenständig weiter, dahin, wo sie ihn gerne hätte:

Guten Tag, meine Damen und Herren!
Hier spricht Matthias Matussek mit einer Wortmeldung zu Pegida, auf die die Welt gewartet hat: „Meine Ansicht: wer beim rituellen Treten gegen diese Menschen mitmacht, hat die Gesinnung von HJ-Pöbeln.“ Das war Matthias Matussek mit einer Wortmeldung zu Pegida, auf die die Welt gewartet hat. Schalten Sie bald wieder ein, wenn es heißt: „Meine Ansicht: Wer Pegida kritisiert, verbrennt auch Bücher.“ „Meine Ansicht: Wer Lutz Bachmann nicht zum Knuddeln findet, hat Anne Frank auf dem Gewissen.“ „Meine Ansicht: Wer bei Pegida nicht mitmarschiert, wäre in Polen einmarschiert.“

Das mögen die Mädels und Kameraden bei der „taz“ ja lustig finden, ist es aber eher nicht. Es zeigt lediglich, dass der lustige Autor Matusseks Wortmeldung nicht verstanden hat.

Aber da sind sie ja nicht alleine. Auf der Facebook-Plattform „AfD-Watch“ sieht ein anonymer Gastautor den „geistigen Totalabsturz einer ehemaligen Instanz“ und gar einen Ruck nach ganz rechts. Warum jemand, der die Demokratie vor gefährlichen Rechten retten will, seinen Namen nicht verrät, habe ich noch nie verstanden. Es mag ja Gründe dafür geben, vielleicht auch nur eingebildeten Verfolgungswahn. Vielleicht auch Angst vor juristischen Konsequenzen einer Schmähkritik. Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass Matthias Matussek seine Meinung immer mit offenem Visier vertritt. Mitunter ohne Rücksicht auf Verluste, aber ohne Angst vor persönlichen Konsequenzen oder sogar trotz einer entsprechenden Angst. Das ist gradlinig und mutig.

So wenig verstehen und dennoch so gnadenlos urteilen

Wer meine Kolumne kennt oder meine Facebook-Diskussionen mit Matthias Matussek verfolgt hat, weiß, dass ich in vielen Punkten gänzlich anderer Meinung bin als Matthias Matussek. Deshalb käme ich aber im Traum nicht auf die Idee, er habe „seinen Verstand und seine Zurechnungsfähigkeit endgültig verloren“. Nö, hat er sicher nicht.

Wenn der anonyme Gastautor davon fantasiert, der Satz Matusseks sei als Volksverhetzung „justiziabel“, zeigt das erst einmal nicht mehr, als dass er offenbar frei von jeder Kenntnis des Strafrechts ist. Schon die Idee, die Pegida-Gegner seien eine „Menschengruppe“ im Sinne des Gesetzes, dürfte gewagt sein. Ich zähle mich auch zu den Pegida-Gegnern, fühle mich allerdings von diesem Satz kein bisschen betroffen. Da geht es nämlich nur um die, „die beim rituellen Treten gegen diese Menschen mitmach(en)“, also gegen die, die jeden Teilnehmer einer Pegida-Veranstaltung pauschal zum Idioten, Nazi, Faschisten und was auch immer erklären. Sollte an rituellem Treten gegen Menschen etwas Gutes sein?

Und dann geht es ja munter weiter. Der Gastautor meint, Matusseks Umgang mit Homosexuellen erinnere „an postfaschistische Staatsautorität, die sich durch das schier unüberwindbare Einteilen der Menschen in sie zur Gänze entwertenden Wertigkeitsklassen auszeichnet“. Wow. Auch hier wird man das Gefühl nicht los, dass es genau um dieses Einteilen von Individuen in Wertigkeitsklassen geht, das der Autor anprangert. So wenig verstehen und dennoch so gnadenlos urteilen, ist schon bemerkenswert. Vermutlich würde der Gastautor sich schon aus Gründen der Hirnhygiene nie mit Andersdenkenden unterhalten wollen. Er hat seine Meinung und wer andere Meinungen äußert, gehört bestraft oder was auch immer. Mindestens aber ausgeschlossen.

Das unterscheidet ihn ganz wesentlich von Matthias Matussek. Der will wissen, wer der Mensch hinter einem Vorurteil ist. Der redet mit den Menschen, die Meinungen vertreten, die andere von vorneherein in die Quarantäne sperren wollen. Wie Lucke zum Beispiel. Dass Matussek politisch meilenweit von Rechten und Rechtsradikalen entfernt ist, aber trotzdem zu einer Pegida-Veranstaltung geht, um sich selbst ein Bild zu machen, unterscheidet ihn von vielen anderen Autoren. Dass er zu seinem christlichen Glauben steht, ebenfalls. Auch hier vertritt er häufig Positionen, die nicht die meinen sind, aber das ist doch in Ordnung.

Angst vor Kirchenultras mit Baseballschlägern?

Wenn es in Deutschland einen erhaltenswerten Wert gibt, dann ist das die Meinungsfreiheit. Und das ist eben nicht nur die Freiheit der mir gerade genehmen Meinung, sondern gerade auch die, die meiner Meinung deutlich widerspricht.

Der „anonyme“ – was sonst bei diesen Helden – Anzeigeerstatter labert sogar etwas davon, einer von Matusseks entsetzten Vertrauten habe ihm sogar die Privatadresse weitergereicht. Hui, hui, hui. War der zu dämlich, ins Telefonbuch zu sehen? Da steht die drin. Einfach so. Warum auch nicht? Sollten wir vielleicht schon so weit sein, dass man seine Privatanschrift verstecken muss, wenn man seine Meinung sagen will? Scheint so.

Wovor hat der große unbekannte Denunziant eigentlich Angst? Dass Matusseks geheimer Schlägertrupp vorbeikommt und ihm ein paar aufs Maul haut? Kirchenultras mit Baseballschlägern? Und dann kündigt er auch noch „den Gang durch die Instanzen an, was auch ein Verklagen der Staatsanwaltschaft vor dem Oberlandesgericht im Rahmen einer richterlichen Anklageerzwingung bedeuten würde“. Natürlich nur für den Fall, dass die Staatsanwaltschaft das Verfahren einstellt – also sicher. Da bin ich dann mal gespannt, wie jemand ein Klageerzwingungsverfahren durchziehen will, ohne sich zu outen.

Nee, AfD-Watch, das war ein Schuss in den Ofen. Dass wir, wie der seltsame Anonymus vermutet, „ Matthias Matussek bald Seit’ an Seit’ zusammen mit Nazis in Dresden schreiten sehen“, kann nur jemand glauben, der nichts verstanden hat. Aber auch gar nichts.

Matthias Matussek mag häufig durch seinen Zorn und seine wortgewaltige Ausdrucksweise wirken wie ein Berserker, also ein im Rausch kämpfender Mensch, der keine Schmerzen oder Wunden mehr wahrnimmt, aber er ist authentisch und von jeder totalitären Idee meilenweit entfernt. Entfernter jedenfalls als jemand, der ihn öffentlich in eine Schmuddelecke stellt, ohne auch nur ansatzweise verstanden zu haben, wofür Matussek steht. Für die freie Rede. Eher ganz alleine, als in einem heulenden Rudel. Wie ein Monolith.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Heinrich Schmitz: Keine Macht dem Mob

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Rechtsextremismus, Matthias-matussek, Pediga

Debatte

Populismus ist keine Lösung

Medium_1ba79ebd4a

Gut-Bürger – werdet Wutbürger!

Es gibt Zeitgenossen, die mit skurriler Emotion, deplatzierten Demos, abartigen Facebook-Posts, Lügen, Denunziation, Hass und Wut Politik machen – und populistisch die Welt verändern. Wollen wir da... weiterlesen

Medium_724ebcd86f
von Stefan Endrös
30.03.2017
meistgelesen / meistkommentiert