In einer Diktatur haben sie nur zwei Möglichkeiten: Konformität oder Widerstand. Marco Schöller

Wir sind das Volk?

Der Schlachtruf von Pegida bedeutet nicht das, wonach er klingt. Meint er nicht in Wirklichkeit „Wir wollen ganz alleine bestimmen“?

In Dresden gehen Montag für Montag immer mehr Menschen auf die Straße. 16.000 waren es am letzten Montag. Und nächsten Montag werden es wohl wieder mehr werden. Bisher spazieren sie mehr oder weniger still durch die Stadt. Halten Transparente hoch. Alles ganz friedlich. Am Montag wollen sie zusammen Weihnachtslieder singen. Da freue ich mich drauf. Ob die in einer Woche die Texte lernen? Am meisten freue ich mich auf „Ihr Kinderlein kommet“ vom Gesangverein der Dynamo-Fans. So weit, so gut. Dresdner Stollen gehört zu Deutschland. Vor allem zu Weihnachten.

Als süffisanter Besserwessi hat man ja schon immer seine Vorurteile über Sachsen gepflegt. Dresden, wie man zu DDR-Zeiten erfuhr, gelegen im Tal der Ahnungslosen. Nie Westfernsehen gesehen. War ja eh nur West-Propaganda.

Der „europäische Patriot“ liebt das Abendland

Und schon diese Namensherkunft. Dresden hat seinen Namen vom altsorbischen drežďany, was „Sumpf-“ oder „Auwald-Bewohner“ heißt. Auwald, Auenland, Elbe? Und jetzt ziehen also einige dieser Auwald-Bewohner Woche für Woche los, um das Böse in Form der „Islamisierung des Abendlandes“ zu bekämpfen. Das klingt nach dem kleinen Hobbit oder dem Herrn der Ringe. Auch das Auenland, die Heimat der Hobbits, war ja nicht unmittelbar selbst von Orks und anderen Gefahren betroffen. Die waren weit weg. Im Auenland gab es noch weniger Orks als Islamisierungsbetreiber in Dresden. Darauf kommt es auch gar nicht an. Es gibt ja auch nur knapp 20 Prozent Christen in Dresden. Knapp 80 Prozent der Dresdner glauben an nix, jedenfalls nichts Religiöses.

Macht aber nichts. Die Mehrzahl der Dresdner haben auch mit Pegida nichts am Hut. Nur ein kleiner Teil der Dresdner hat sich nun entschlossen, das christliche Abendland zu retten. Das „Gude“ gegen das Böse klingt immer wieder spannend. Und weil es so spannend klingt, schaut die ganze Republik staunend bis schaudernd zu und wundert sich über diese tapferen Sachsen, die sich als heroische Patrioten den Gefahren für das Abendland entgegenstellen.

Auch der selbstgewählte Kampfnahme dieser Bewahrer des Guten, erinnert an Märchen und Sagen:„Patriotischen Europäer Gegen die Islamisierung des Abendlandes“ – wer sieht da nicht vor seinem geistigen Auge Elben, Zwerge und weiße Zauberer mit wehender Mähne auf starken Pferden in die alles entscheidende Schlacht gegen die Islamisierer ziehen. Weit, ganz weit weg, im finsteren Neukölln, einer Art Gondor, braucht der angegriffene Statthalter Buschkowsky Hilfe, sonst geht die Welt unter. Jedenfalls die, die man als „europäischer Patriot“ so liebt, das Abendland. In dem immer alles so schön und friedlich war, wo es früher keine Not und keine Verbrechen gab. Und so sammeln sie sich Montag für Montag in stiller Einkehr und mit wachsender Begeisterung.

Der Feinde sind gar viele. Sie haben die Regierung des ganzen großen Landes, von dem Dresden mit seinen 530.000 Bewohnern nur ein kleiner Teil ist, eingenommen und wollen die große Gefahr nicht erkennen. Ja, sie leugnen sogar die Gefahr und sagen, das tapfere Patriotenheer in Dresden sei eine „Schande für das Land“ oder gar jeder, der da mitmacht, sei ein Idiot. Und nicht einmal diejenigen, die sie retten wollen, sind begeistert. Wäre doch so schön, neben den wackeren Auwäldern auch die christlichen Bischöfe in ihren bunten, wehenden Gewändern mit dem Bischofsstab in der Hand gen Osten reiten zu sehen. Aber Pustekuchen. Da kommt dann so ein dahergelaufener Bischof Schick an und sagt, Christen dürften bei ihnen gar nicht mitmachen.

Spielverderber. Egal, manche Menschen muss man eben zu ihrem Glück zwingen.

Die Presse verbreitet eh nur Lügen

Viel Feind, viel Ehr. Und die Feinde haben auch noch diese Drecksmedien unter ihrer Kontrolle. Den Westmedien haben manche schon in der guten alten DDR-Zeit misstraut. Das macht die Aufgabe noch viel schwerer, weil alle anderen Bürger des Landes von denen belogen werden und viel zu dumm sind, das zu merken. Deshalb haben die Retter beschlossen, mit diesen Medien gar nicht mehr zu sprechen. Weil die ja sowieso nur Lügen verbreiten. Gegenüber dieser Presse wenden sie alle den von ihren Anführern entwickelten Zauberspruch – „Lügenpresse – halt die Fresse“ – an. Ihre Informationen beziehen sie nur aus reinsten Quellen der Wahrheit. Die haben auch viel schönere Namen wie Blaue Narzisse, Blu-News, RT oder PI-News. Ihr Gandalf ist Sarrazin, der Weiße. Sein Gewährsmann Akif Pirinçci.

Ich fand vor ein paar Tagen folgenden Text, der ziemlich genau beschreibt, was man von Pegidas über die Presse hört, wenn sie überhaupt etwas dazu sagen:

„Diese Presse nun, die die absolut unterwürfige, charakterlose Canaille ihrer Besitzer ist, diese Presse modelliert nun die öffentliche Meinung. Und die von dieser Presse mobilisierte öffentliche Meinung wird wieder eingeteilt in Parteien. Diese Parteien unterscheiden sich so wenig voneinander, als sie sich früher bei uns voneinander unterschieden haben. Sie kennen sie ja, die alten Parteien. Das war immer ein und dasselbe. (…) Diese Parteien mit dieser Presse, die formen die öffentliche Meinung.“

Bevor Sie jetzt den folgenden Link öffnen, überlegen Sie mal, wer das gesagt haben könnte.
Das kann natürlich alles Zufall sein. Wenn der Geist weht, wo er will, dann kann der Ungeist das natürlich auch. Es muss aber kein Zufall sein.

Jedes anständige Heer gegen das unfassbar Böse hat einen Schlachtruf. Die Heeresflieger der Bundeswehr rufen: „Ohne Furcht – Nach vorn!“ Hat ja auch Sinn. So viele Flieger, die nach hinten fliegen, gibt’s nun auch nicht. Die Panzergrenadiere habe den Schlachtruf „Panzergrenadiere – Dran! Drauf! Drüber!“, was auch immer das bedeuten soll. Hoffentlich nicht das, was mir das Kopfkino beschert. Selbst die Topographie-Truppe (die sich heute Geoinformationsdienst nennt) hat einen Schlachtruf: „Top – fit!“. Und weil das so ist, haben die „Patriotischen Europäer Gegen die Islamisierung des Abendlandes“ natürlich auch einen immer wieder gerne gerufenen Schlachtruf. Gut, der ist jetzt nicht mehr ganz frisch, aber sie lieben ihn halt:

„WIR SIND DAS VOLK!“

Natürlich sind 16.000 Dresdner nicht das deutsche Volk. Das besteht ja auch aus rund 80,8 Millionen Deutschen von denen knapp 10 Millionen Bürger mit deutscher Staatsbürgerschaft einen Migrationshintergrund haben. Davon sind die Montagsdemonstranten bisher gerade mal 0,02 Prozent. Aber das macht ja nichts. Es herrscht ja Meinungsfreiheit, da kann man auch mal lustige oder auch völlig unsinnige Sachen rufen. Selbst auf Dresden bezogen macht Pegida bisher nur popelige 3,02 Prozent aus. Sie sind also nicht mal Dresden, geschweige denn das deutsche Volk. Und das, was sie sich als zu rettendes Abendland zusammenfantasieren, ist noch mal viel größer. Falls sie nicht völlig verblödet sind – und davon muss man erst mal bei jedem Menschen bis zum Beweis des Gegenteils ausgehen – wissen sie das aber auch ganz genau. Auf jeden Fall darf man davon ausgehen, dass die Veranstalter ganz genau wissen, was sie da rufen lassen.

„Wir sind das Volk“ ist nicht nur ein objektiv falscher Schlachtruf, sondern auch ein verführerisch gefährlicher. Er beinhaltet verschiedene Aussagen. Zum einen ist da die Abgrenzung gegenüber anderen Menschen, die man nicht zum Volk gehörig ansieht. Wir – nicht ihr – sind das Volk. Ihr habt hier nichts zu melden. Wir bestimmen, was geschieht, auch mit euch. Wenn das wirklich so wäre, wären diese Dresdner Spaziergänge selbstverständlich überflüssig. Was diese Patrioten ausblenden, ist die Tatsache, dass in unserem Verfassungssystem zwar alle Staatsgewalt vom Volke ausgeht, dies aber nicht dadurch, dass atomare Teilchen des Volkes laut oder leise durch die Straße spazieren, sondern indem jeder Einzelne von seinem Wahlrecht Gebrauch macht.

Art. 20 Abs. 2 GG lautet:

Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. Sie wird vom Volke in Wahlen und Abstimmungen und durch besondere Organe der Gesetzgebung, der vollziehenden Gewalt und der Rechtsprechung ausgeübt.

Aber da fängt das Problem der Montagspatrioten an. Wählen gehen? Wozu? Alles Lüge, alles das verhasste System. Alles kein Abendland. Bei Menschen, die lange Zeit nur in der DDR „wählen“ durften, kann man das vielleicht sogar verstehen. Aber wollten die früheren Montagsdemonstranten nicht genau das? Freie Wahlen? Mich interessiert sehr, ob die Demonstranten von heute dieselben wie damals sind, oder ob es nicht vielmehr die sind, die damals nicht auf die Straße gegangen sind und darunter leiden, dass ihr Rundumsorglos-Staat nicht mehr existiert. Dass die paar Ausländer in der DDR ganz anders behandelt wurden, als heute im vereinten Deutschland.

Echte Pegidas wollen nicht nur nichts mit den „Staatsmedien“, auch „Systempresse“ genannt, zu tun haben, die halten auch nichts von Politikern und Parteien. Diese Abneigung ist weitgehend gegenseitig. Fast alle demokratischen Parteien lehnen Pegida ab, fast alle. Nur die von einem ihrer Sprecher mal als „kleine Volkspartei“ bezeichnete AfD sieht sich plötzlich als natürlicher Verbündeter. Volk und Volkspartei gesellt sich gerne, auch wenn beide weder das eine noch das andere sind. Und die AfD hat sich bisher dadurch ausgezeichnet, dass sie jeden potenziellen Wähler anbaggert. „Ob blond, ob braun, ich liebe alle Frau’n“, wäre mit leicht abgewandeltem Text eine schöne Parteihymne. Die passen wirklich gut zusammen, weil man bei beiden nicht greifen kann, welche Ziele sie nun wirklich verfolgen.

Ich bin ein rotgrün-versiffter Gutmensch

Vielleicht ist es aber auch ganz anders. Vielleicht sammeln sich da gar nicht die, die das ganze Land lieben und es vor dem Untergang retten wollen. Die sein Grundgesetz schätzen und sein Rechtssystem. Die Pressefreiheit, die Religionsfreiheit und vor allem die Gleichheit vor dem Gesetz und wie die Grundrechte alle heißen. Gut, die Versammlungsfreiheit werden sie wohl zurzeit schätzen. Aber wie sieht es mit dem Asylrecht aus? Schätzen sie das wirklich oder tun sie erst mal nur so? Bedeutet dieses falsche „Wir sind das Volk“ nicht in Wirklichkeit, wir wollen ganz alleine bestimmen?

Ich kann hier ganz frei und unbeschwert gegen die Pegida polemisieren. Erstens schreibe ich für ein Mainstream-Medium und lüge folglich, zweitens bin ich ein rotgrün-versiffter Gutmensch, drittens bin ich Christ und viertens gehe ich mit Überzeugung wählen. Da brauche ich nicht ernsthaft zu erwarten, dass mir irgendeiner aus dem Pegida-Universum zuhört. Muss auch nicht sein. Hauptsache diejenigen, die noch nicht bei Pegida mitmachen, aber klammheimlich mit dem Gedanken spielen, denken noch mal nach. Das reicht mir schon.

Den Rest erledigt das Volk bei der nächsten Wahl.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Heinrich Schmitz: Keine Macht dem Mob

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