Die Konservativen sind die Pausenzeichen der Geschichte. Norman Mailer

Allerhooligan statt Allerheiligen?

In Köln randaliert ein Mob aus Hooligans und Nazis – angeblich, um uns Deutsche zu retten. Was ein Unfug.

Heute haben die Geschäfte in einigen Bundesländern geschlossen. Feiertag. Immer mehr Bürger merken das eh nicht, weil sie heute ihren Rausch ausschlafen. In der Nacht war ja Halloween. Ja, dieses Fest kennt man mittlerweile in jedem Kaff und es wird gefeiert wie eine Art von Karneval. Süßes oder es gibt Saures für die Kinder, Alkohol in Strömen für die Erwachsenen. Allerheiligen? Fehlanzeige. Uncool.

Dabei gibt es so viele Heilige, dass selbst mehrere Jahre nicht ausreichen würden, jedem seinen eigenen Gedenktag einzurichten. Neben den bekannten Heiligen werden an Allerheiligen auch die ganzen unbekannten Heiligen – also die, die es nicht in die „Holy Hall of Fame“ des Vatikan geschafft haben, weil man gar nichts von ihnen mitbekommen hat – gleich mit gefeiert.

Bei den bekannten Heiligen gibt es die unterschiedlichsten Figuren. Da gibt es auf der einen Seite friedliche „Gutmenschen“ wie den heiligen Franziskus, der den Auftrag, die Kirche wieder aufzubauen, ganz wörtlich nahm und wohl auch zu den Tieren sprach. Auf der anderen Seite gibt es aber auch gewalttätige Heilige, wie den heiligen Karl, den Großen, der wohl den ersten christlichen Missionierungskrieg gegen die ungläubigen Sachsen startete. Gut, dessen Heiligsprechung wurde vom kaiserlichen Gegenpapst ausgesprochen, aber heilig ist er immer noch. Nichtchristen zu verfolgen und mit blutigen Mitteln zu bekämpfen, schützt also trotz des christlichen Gebots der Nächsten- und Feindesliebe nicht vor aufgedrängter Heiligkeit.

Hooligans sind nicht alle deutsch und Salafisten nicht alle Ausländer

In Köln, dem „hillige Kölle“, der letzten Ruhestätte von Knochen, die zwar garantiert nicht von den „Weisen aus dem Morgenland“ und schon gar nicht von irgendwelchen Königen stammen, gleichwohl aber als „wahre“ Reliquien verehrt werden, dadurch Stadt und Dom seit Jahrhunderten zum religiösen Anziehungspunkt gemacht haben, gab es am vergangenen Wochenende einen recht seltsamen Menschenauflauf.

Als Demonstration von einem Funktionär der Anti-Islam-Partei „Pro NRW“ angemeldet, kamen ca. 5.000 Menschen zusammen, davon etwa die Hälfte Hooligans. Normalerweise verabreden sich Hooligans untereinander im Umfeld von Fußballspielen oder auch einfach mal so auf einem Feld, um sich gegenseitig auf die Schnauze zu hauen. Neben solchen, die dabei den überwiegenden Teil ihrer Hirnzellen verloren haben und nur noch dumpf den Namen ihres Vereins grunzen oder „Schlaaand“ grölen können, sind unter den Hooligans auch durchaus Menschen, die den Rest der Woche einer anerkannten Beschäftigung nachgehen. Sogar Akademiker. Steuerberater, Anwälte, Ärzte. Die betrachten diese Kloppereien als Entspannung, wie Friedensbewegte einen Yogaabend. Was wollten die da?

Auf politischen Demonstrationen hat man die bisher eher selten gesehen. In Köln waren sie höchst präsent. Vielleicht hatten einige ja auch „Allah fisten“ verstanden. Zu den Hooligans gesellten sich u.a. Neonazis wie der berühmt-berüchtigte als „SS-Siggi“ bekannte Siegfried Borchardt, Rocker normalerweise verfeindeter Clubs wie Hells Angels und Bandidos und ähnliche „Jungs“.

Der putzige Begriff „deutsche Jungs“ wurde tatsächlich von einigen zur Beschreibung dieser Demonstrationsteilnehmer verwendet. Die guten deutschen Jungs gegen die bösen ausländischen Salafisten – so möchte es wohl mancher Kommentator gerne sehen. Nun sind Hooligans nicht alle Deutsche und Salafisten nicht alle Ausländer, aber wen kümmert das schon, wenn einem die Angst die Kommentare aus dem Hirn treibt?

Sieht da jemand künftige Heilige?

Ein Beispiel für die Sympathiebekundungen, die den Demonstranten von einigen „christlichen“ Menschen z.B. bei Facebook entgegengebracht wurde (Der zu erwartende Einwand von Alexander Wallasch, ich solle die Facebook-Realität nicht mit der Realität verwechseln, zieht hier mal nicht. Die „Jungs“ hatten nämlich auf ihrer FB-Seite ordentlich Mitstreiter zusammengetrommelt und motiviert . Ohne FB hätte es die Demo in dieser Form gar nicht gegeben):

Ihr werdet froh sein, wenn es solche „Hooligans“ gibt, wenn die Zeit kommt, wo die Übergriffe von Extremisten schlimmer werden! Wenn (wie teilweise in Wien schon passiert) Frauen angepöbelt und bedroht werden, wenn sie ein Kreuz als Kette tragen oder Ähnliches. Es wird ne Zeit kommen, wo es einen Religionskrieg geben wird, auch hier mitten in Europa. Christen gegen Moslems. Und dann … genau dann!!! brauchen wir diese Männer, die kämpfen können!

Nein, ich werde nicht froh sein, wenn wir diese Männer, die sicher kämpfen können, einmal „brauchen“ sollten. Sollte dies jemals der Fall sein, dann wäre der freie, säkulare Rechtsstaat gescheitert. „Christen gegen Moslems“? Gibt es tatsächlich Menschen, die denken, das wäre eine Option? Gibt es tatsächlich Christen, die in den Hooligans „Holy Gents“, also heilige Herren sehen? Ich fürchte, schon. Sieht da jemand künftige Heilige, weil sich hier Gewalttätige gegen Muslime engagieren? Allerhooligan statt Allerheiligen?

„HoGeSa“ – Hooligans gegen Salafisten – klang ja sogar noch ein wenig differenzierter als „Christen gegen Moslems“. Auf der Demo wurde dann jedoch viel deutlicher gebrüllt, um was es diesen Demonstranten vermutlich in Wirklichkeit geht: „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus!“

Natürlich gibt es eine Bedrohung durch salafistische Extremisten. Die gibt es nicht nur in Syrien und im Irak, die gibt es auch hier. Und natürlich darf gegen diesen Extremismus genauso demonstriert werden wie gegen Neonazis, Großflughäfen, Bahnhöfe, die Schließung der Roten Flora oder für Friede, Freude, Eierkuchen. Man muss auch kein Abitur gemacht haben und ein ausgefeiltes Demonstrationsmotto ausarbeiten, um demonstrieren zu dürfen. Demonstrationen sind laut und es gib kaum noch welche, die keine Chaoten anziehen. Das Demonstrationsrecht und das Versammlungsrecht sind essenzielle Bestandteile unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Sie können nur unter ganz engen Voraussetzungen eingeschränkt werden und ein Demonstrationsverbot ist noch schwieriger. Das mag ja manch einer bedauern, es ist aber trotzdem richtig. Die meisten Veranstalter würden sich über ein Verbot vermutlich freuen, weil sie dagegen mit einiger Erfolgsaussicht klagen könnten.

Es ist widersinnig, auf der einen Seite nach der Verteidigung unserer „Werte“ – zu denen ja auch die Versammlungsfreiheit gehört – zu rufen und gleichzeitig eine Einschränkung der auf diesen Werten basierenden Grundrechte zu fordern. Da hat Bundesjustizminister Maas ganz recht, wenn er vor Aktionismus warnt. Auch hier liegt die wahre Kraft in der Ruhe und damit in der Mitte der Gesellschaft. Eine wirkliche Gefahr bestünde nur, wenn es den intellektuellen Hetzern und Brandstiftern an den Rändern des politischen Spektrums gelingen würde, die breite Mitte der Bevölkerung in eine Polarisierung zu treiben. Und wenn diese Mitte sich verrückt machen ließe.

Bei der Polizei fehlt es an allen Ecken und Enden

Für die Aufrechterhaltung der Sicherheit und Ordnung im Staat, gleich gegen welche Bedrohung, sind die staatlichen Behörden zuständig. Das nennt man Gewaltmonopol. Auf der Straße und bei Demonstrationen bedeutet das, die Polizei, in der juristischen Nachbearbeitung die Justiz, nicht etwa „deutsche“ oder auch „doitsche“ Jungs mit Kampferfahrung, Schariah-Polizisten, schwarze Antifa-Blocks oder Bürgerwehren. Keine dieser Selbsthilfe-Gruppen darf das Gefühl bekommen, sie fände Unterstützung in einer angeblich schweigenden, breiten Mehrheit. Dass ihr jeweiliges Lager in ihnen Helden sieht, lässt sich nicht vermeiden.

Wer in Frieden und Freiheit leben möchte, sollte sich deshalb einfach dafür einsetzen, dass mehr für die Polizei- und Justizbehörden getan wird. Es fehlt an allen Ecken und Enden. An Polizeibeamten, Richtern, Staatsanwälten und sonstigem Justizpersonal und an der Ausstattung. Es ist skandalös, wenn Polizisten sich schnitt- und stichfeste Handschuhe für solche Einsätze von ihrem privaten Geld kaufen müssen. Da muss erheblich mehr Geld investiert werden. Da wurde an der falschen Stelle nach der schwarzen Null gesucht.

Und es fehlt auch an einer gewissen Wertschätzung für diese Behörden. Das liegt zum Teil daran, dass die Polizei lange Zeit eine gewisse Braunblindheit erfasst hatte, was nicht nur dem „NSU“ das Leben und das Morden erleichtert hat, und daran, dass auch die Justiz ihre Arbeit gelegentlich schlecht macht oder auch nur ihre richtigen Ergebnisse nicht richtig vermittelt. Wenn sie sie gut macht, ist das ja auch selten mal eine Nachricht wert.

Es schadet auch Menschen aus der Mitte der Gesellschaft nicht, ab und an mal Flagge zu zeigen gegen jeden Extremismus, Rassismus und Hass. Und da ist das „hillige Kölle“ ja auch ein ermutigendes Beispiel. Am Pfingstwochenende 2014 waren es nämlich mehr als 70.000 Teilnehmer, die beim Birlikte genau das gemacht haben, bei den „Arsch Huh“-Veranstaltungen waren es jeweils zwischen 75.000 (2012) und 100.000 (1992). Das sind dann doch ganz andere Zahlen.

Das stimmt hoffnungsvoll.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Heinrich Schmitz: Keine Macht dem Mob

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Polizei, Grundgesetz, Salafismus

Debatte

70 Jahre Grundgesetz

Medium_7f94165d61

Grundgesetz zur Lösung aktueller Herausforderungen nutzen

Wir sollten die Möglichkeiten des Grundgesetzes nutzen, um unsere Gesellschaft und die Demokratie weiterzuentwickeln, statt im Stillstand zu verharren, erklärt Jan Korte. weiterlesen

Medium_ef36ee5baa
von Jan Korte
17.05.2019

Debatte

Religion und Rechtsstaat

Medium_85c9b2f272

Wie gefährlich ist die Scharia für den deutschen Rechsstaat?

Mit der islamischen Zuwanderung nach Deutschland, die in den letzten Jahrzehnten an Intensität gewonnen hat und nun zu einer erheblichen absoluten Zahl von und einem signifikanten Anteil an Muslime... weiterlesen

Medium_b79369f784
von Johannes Eisleben
21.03.2019

Debatte

Teenies sind für sozialistische Ideologien offen

Medium_4346908e19

Die Bundesjustizministerin auf der Suche nach links-grünen Stimmen

In schöner Regelmäßigkeit wird aus linken Kreisen die Forderung laut, Heranwachsenden im Alter von 16 Jahren auf allen Ebenen das aktive Wahlrecht einzuräumen. weiterlesen

Medium_42121ee6e7
von Ramin Peymani
06.03.2019
meistgelesen / meistkommentiert