Ein Schlag, zwei Leben

Heinrich Schmitz25.10.2014Gesellschaft & Kultur

Der eine schlägt zu – und der andere wird nie wieder tanzen können.

Ein Schlag. Nur ein einziger Schlag. Ein klassischer Knock-out. Im Boxring hätten jetzt alle gejubelt. Der Siegerkranz nach weniger als einer Sekunde. Ein perfekter Schlag. R. wäre gefeiert worden.

In der Diskothek in einer kleinen Provinzstadt jubelte niemand. M. fiel, im Fallen bereits bewusstlos, wie ein Baum nach hinten. Keine Chance, sich abzustützen. Keine Reaktion mehr. Er fiel unaufhaltsam. Niemand auf der Tanzfläche konnte ihn so schnell abfangen. Er fiel. Sein Hinterkopf prallte auf die harten Fliesen des Tanzbodens. Sein Schädel platzte. Die Notärztin tat, was möglich war. Sie war sicher, dass er das nicht überleben würde. Er überlebte. Aber ich war nicht der Einzige, der ihm gewünscht hätte, dieses Glück wäre ihm erspart geblieben.

M. war an diesem Tag im Jahr 2010 etwas später als seine Freunde in die Disko gekommen. Er war 31, sah blendend aus und erfreute sich großer Beliebtheit. Alle seine Freunde und Bekannten schilderten ihn als Sonnenschein. Immer gut gelaunt. Freundlich zu jedem. Niemand konnte sich erinnern, dass er jemals einen Streit hatte. M. war groß, schlank und sportlich. Er bewegte sich viel und tanzte gerne. Sein Tanzen war wie er. Er bewegte sich geschmeidig und machte auch beim Tanzen noch seine Späße. Die Leute sahen ihm beim Tanzen zu und freuten sich.

R. stand auf der Tanzfläche, auf der M. ausgelassen hüpfte und sprang und unterhielt sich mit zwei oder drei Bekannten. M. kam auch in die Nähe der kleinen Gruppe. Nicht zu nah. Keine Berührung, kein Gerempel.

Alles war gut. Alles war fröhlich. Alle waren gut gelaunt. Dann schlug R. zu. Ohne erkennbaren Grund, ohne nachvollziehbares Motiv. Ohne Ansatz. Kurz und trocken. Einmal.

Danach wurde es still in der Disko. Nichts mehr war fröhlich, nichts mehr lustig. Im Sekundenbruchteil waren zwei Leben zerstört.

Vier Jahre Jugendstrafe

Vor dem Jugendschöffengericht stritt R. zunächst einmal alles ab. Sein unerfahrener Verteidiger – ein Fachanwalt für Mietrecht – versuchte es mit einer Konfliktstrategie. Bei der Beweislage nicht besonders erfolgversprechend. R. tat mir fast schon leid. Ich vertrat M. in der Nebenklage. Seine Betreuerin hatte mich darum gebeten. Wäre R. halbwegs einsichtig gewesen, hätte er sich ernsthaft reuig gezeigt, hätte die Verteidigung nicht einen unsinnigen Beweisantrag nach dem nächsten gestellt (z.B. den, dass der Schlag aus physikalischen Gründen nicht geeignet war, eine sofortige Bewusstlosigkeit herbeizuführen), hätte R. vielleicht noch mit einer Jugendstrafe zur Bewährung durchkommen können. Trotz eines deutlichen Hinweises meinerseits in einer Verhandlungspause blieb der Verteidiger bei seiner Linie. Er wisse, was er tue.

Nun ja. Vier Jahre Jugendstrafe – also zwei mehr als noch hätten zur Bewährung ausgesetzt werden können – hätte ich persönlich nicht für ein gutes Ergebnis gehalten. Aber das muss ja jeder selber wissen.

Für das Rechtsmittelverfahren hatte R. dann wenigstens einen Strafverteidiger engagiert. Angesichts der gründlichen Arbeit des erstinstanzlichen Gerichts allerdings zu spät. Aufgrund eines deutlichen Hinweises nahm er das Rechtsmittel zurück.

Das Jugendstrafrecht ist in erster Linie ein Erziehungsstrafrecht. Ein Straftäter soll durch die verhängte Strafe „nachreifen“, er soll künftig nicht mehr straffällig werden. R., zur Tatzeit 20 Jahre, hatte eine unauffällige Entwicklung. Schulabschluss, abgeschlossene Ausbildung. Ein „normaler“ Handwerker. Kein jugendlicher Intensivtäter. Gut, er trainierte auch Boxen, aber das gilt allgemein eher als positiv. Er war im Internet in einer Gruppe, die sich mit Kampfsport beschäftigte. Mit K.O.-Schlägen. Aber er war nie negativ aufgefallen. Arbeitete, und hatte auch einen großen Freundeskreis. Kein unkontrollierbares Monster. Da gab es nicht mehr viel zu reifen, außer vielleicht die Einsicht, einen ganz furchtbaren Fehler gemacht zu haben. Das Leben eines anderen ohne Grund zerstört zu haben. Es wäre ihm und uns zu wünschen, wenn er das verstanden hätte. Für M. persönlich war das Verfahren völlig unwichtig. Er bekam zu diesem Zeitpunkt noch gar nichts davon mit. Apallisches Syndrom, Schädel-Hirn-Trauma. Da ging es nicht um Rache.

Strafverfahren können eine Tat nicht ungeschehen machen

Ob die Strafe nun einer abstrakten Gerechtigkeit gedient hat, wer weiß. Aber das ist in Strafverfahren ja immer so. Sie können eine Tat nicht ungeschehen machen, sie können sie nur nachträglich sanktionieren. M. hätte es mehr genutzt, wenn R. eine Bewährungsstrafe erhalten hätte. Dann hätte er seine Arbeit nicht verloren und wenigstens jeden Monat ein paar Hundert Euro zahlen können. Aber das geht natürlich nicht, wenn ein Täter so uneinsichtig und der Schaden beim Opfer so groß ist. Manchen war die Strafe zu hoch, manchen war sie zu niedrig. Vermutlich war sie angemessen. Das, was R. getan hat, passiert jeden Tag in irgendeiner Disko, auf einer Kirmes oder bei einem Fußballspiel. Niemand nahm an, dass R. die schweren Folgen seines dämlichen K.O.-Punchs gewollt hatte. Aber er musste damit rechnen. Wie jeder, der zuschlägt. Manchmal schüttelt der andere sich nur, manchmal gibt’s blaue Flecken, einen verlorenen Zahn, einen Kieferbruch. Aber genauso kann es einen Toten geben oder einen lebenden Toten. Letztlich Zufall.

R. wurde im Zivilverfahren zu einem Schmerzensgeld von 250.000 Euro verurteilt. Noch sitzt er in Haft. Wenn er aus der Haft kommt, ist seine bürgerliche Existenz zerstört. So viel Geld hat der nicht und so viel wird er auch mit Arbeit nie verdienen. Er wird diesen einen Schlag sein Leben lang nicht mehr vergessen. Jede monatliche Lohnabrechnung wird diese hässliche Pfändung enthalten und ihn an diesen einen Schlag erinnern. Er wird nie mehr als den Pfändungsfreibetrag verdienen. Und trotzdem wird es auch mit Überstunden nicht einmal für die Zinsen reichen. Möglicherweise wird er eine Erwerbstätigkeit vor diesem Hintergrund auch gleich lassen. Vielleicht sollte er es mit Lotto versuchen. Immerhin kann er nach Verbüßung der Strafe wieder tanzen, wenn er daran noch Spaß hat.

M. wird diese angesichts seiner Verletzungen eher lächerliche Summe niemals sehen. In Deutschland gibt’s nicht die Summen, die man aus den USA kennt. Und wenn er sie wider Erwarten doch bekäme, würde er nicht viel davon haben. M. liegt immer noch im Bett. Was nützt ihm die Kohle? Dank bester medizinischer Betreuung durch die Ärzte kann er jetzt manchmal ein paar Minuten alleine stehen. Ansonsten liegt er im Bett. Sieht auf einen Fernseher. Seine Freunde und Freundinnen besuchen ihn. Sie halten zu ihm und er spürt das. Manchmal lächelt er wie früher. Aber egal wie gut der Heilungsverlauf auch sein wird. Er wird nie ohne fremde Hilfe leben können.

M. wird nie wieder tanzen.

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