Das bisschen Inzest

von Heinrich Schmitz26.09.2014Gesellschaft & Kultur

Hatten Sie etwa schon mal die Idee, mit Ihrer Schwester oder Ihrem Bruder in die Kiste zu steigen? Dem Ethikrat zufolge muss das nicht anstößig sein. Der Politik hingegen stößt es sauer auf.

Da hat der Ethikrat aber mal f√ľr Aufsehen gesorgt. In seiner “Stellungnahme zum Inzestverbot()”:http://www.ethikrat.org/dateien/pdf/stellungnahme-inzestverbot.pdf empfahl die Mehrheit des “Deutschen Ethikrats()”:http://www.bpb.de/gesellschaft/umwelt/bioethik/173891/der-deutsche-ethikrat-aufgaben-zusammensetzung-und-themen am 24.9.2014 bezogen auf den Geschwisterinzest eine Revision des ¬ß 173 StGB. Lediglich 9 der 26 Mitglieder des Ethikrates formulierten eine abweichende Meinung.

Angesichts der tats√§chlichen Bedeutung dieser Vorschrift ‚Äď im Schnitt kommt es zu rund 10 Verurteilungen pro Jahr ‚Äď kann man sich zwar durchaus fragen, ob der Ethikrat gerade nichts Besseres zu tun hatte, als sich zu diesem Zeitpunkt zu diesem Thema zu √§u√üern. Andererseits zeigt die √∂ffentliche Diskussion angesichts dieser Empfehlung, dass sowohl in der Politik als auch in der √Ėffentlichkeit offenbar ganz merkw√ľrdige Vorstellungen √ľber die Aufgaben des Strafrechts herrschen.

Sowohl das von Heiko Maas (SPD) gef√ľhrte Justizministerium als auch Vertreter der CDU lehnten umgehend ab, der Empfehlung des Ethikrates zu folgen. Stephan Mayer, innenpolitischer Sprecher der Unionsfraktion, meinte gegen√ľber der ‚ÄěBild‚Äú: ‚ÄěDie Empfehlung ist skandal√∂s ‚Äď Inzest unter Geschwistern und nahen Verwandten steht nicht ohne Grund unter Strafe.‚Äú Es wird ‚Äěgewettert‚Äú. “Der familienpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Marcus Weinberg()”:http://www.bild.de/politik/inland/inzest/innenminister-ueben-scharfe-kritik-am-ethikrat-37900118.bild.html, “meinte, Kinder und Jugendliche m√ľssten sich darauf verlassen k√∂nnen()”:http://www.tagesspiegel.de/politik/justizministerium-will-ethikrat-nicht-folgen-inzest-bleibt-in-deutschland-verboten/10749928.html, ‚Äědass Sexualkontakte zwischen Eltern und Kindern sowie zwischen Geschwistern rechtlich verboten und gesellschaftlich ge√§chtet sind‚Äú. Gerade diese Stellungnahme zeigt, dass die immerhin 91-seitige Stellungnahme des Ethikrates entweder nicht gelesen oder aber nicht richtig verstanden wurde.

Grund genug, sich das Ganze mal etwas genauer anzusehen.

Reflexion statt vorschneller Ablehnung

Sexualkontakte zwischen Eltern und Kindern oder Jugendlichen werden von der Empfehlung n√§mlich gar nicht erfasst und ‚Äď da wird der familienpolitische Sprecher staunen ‚Äď bei minderj√§hrigen Geschwistern wird der einvernehmliche Geschlechtsverkehr auch heute nicht bestraft.

Wenigstens die Vorschrift, um die es geht, könnte man sich, bevor man vor die Presse tritt und Stellungnahmen abgibt, ja mal ansehen.

bq. § 173
Beischlaf zwischen Verwandten
(1) Wer mit einem leiblichen Abkömmling den Beischlaf vollzieht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.
(2) Wer mit einem leiblichen Verwandten aufsteigender Linie den Beischlaf vollzieht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft; dies gilt auch dann, wenn das Verwandtschaftsverhältnis erloschen ist. Ebenso werden leibliche Geschwister bestraft, die miteinander den Beischlaf vollziehen.
(3) Abkömmlinge und Geschwister werden nicht nach dieser Vorschrift bestraft, wenn sie zur Zeit der Tat noch nicht achtzehn Jahre alt waren.

Da der Ethikrat lediglich empfahl, den Geschwisterinzest vollj√§hriger Geschwister von der Strafbarkeit auszunehmen, ging diese Kritik komplett ins Leere. Macht aber nichts. Hauptsache, man hat mal was gesagt, von dem man annimmt, dass es die Mehrheit der B√ľrger gut findet.

Statt vorschneller Ablehnung w√§re es allerdings seri√∂ser, sich einmal ernsthaft mit der Empfehlung des Ethikrates auseinanderzusetzen. Dann k√∂nnte man ja immer noch anderer Meinung sein, diese aber vielleicht auch mit Argumenten unterf√ľttern.

Wie schon die Seltenheit der pro Jahr aufgefallenen F√§lle belegt, ist der Geschwisterinzest ein gesellschaftliches Tabu. Hatten Sie etwa schon mal die Idee, mit Ihrer Schwester oder Ihrem Bruder in die Kiste zu steigen? Sehen Sie, ich auch nicht und die allermeisten anderen Menschen eben auch nicht. Es kommt ohnehin sehr selten vor, dass Menschen, die als Kinder zusammen aufgewachsen sind, als Erwachsene eine wechselseitige sexuelle Anziehung versp√ľren. Und das auch, wenn sie gar nicht miteinander verwandt sind. Inzestu√∂se Beziehungen sind sowohl in der Tier- als auch der Menschenwelt seltene Ausnahmen. In der Evolutionstheorie spricht man von einer Hypothese einer genetischen Verankerung der Inzestscheu. Macht ja auch Sinn.

Es ist ja auch nicht so, dass es in den vielen L√§ndern, in denen der Geschwisterinzest nicht unter Strafe steht (z.B. Argentinien, Belgien, Brasilien, Japan, Luxemburg, Niederlande, Portugal, T√ľrkei), zu einer Schwemme von inzestu√∂sen Geschwisterpaaren gekommen w√§re. Dass f√ľr die meisten von uns alle Japaner gleich aussehen, hat damit garantiert nichts zu tun.

Nun gut, in Deutschland ist es eben zurzeit verboten. Das durfte der mittlerweile ber√ľhmte “Patrick S.()”:http://www.welt.de/politik/article1796817/Die-verbotene-Liebe-von-Patrick-und-Susan.html, der 2005 vom Amtsgericht Leipzig zu einer zweieinhalbj√§hrigen Freiheitsstrafe verurteilt wurde, am eigenen Leib erfahren. Sowohl das Bundesverfassungsgericht als auch der Europ√§ische Gerichtshof hielten die Strafvorschrift f√ľr weder verfassungs- noch menschenrechtswidrig.

Das bedeutet nun aber nicht, dass der Gesetzgeber das nicht √§ndern k√∂nnte und der Geschwisterinzest zwingend verboten bleiben m√ľsste.

Ein opferloser Delikt?

Strafgesetze dienen dem Schutz von Rechtsg√ľtern. Beim Geschwisterinzest, der √ľbrigens nur von Geschwistern unterschiedlichen Geschlechts begangen werden kann, weil der im Gesetz verwendete Begriff ‚ÄěBeischlaf‚Äú eine Vereinigung von m√§nnlichen und weiblichen Geschlechtsteilen voraussetzt, ist es gar nicht so einfach, ein verletztes Rechtsgut zu erkennen. Es wird vielfach von einem opferlosen Delikt gesprochen.

Schwule Br√ľder und lesbische Schwestern haben also vom Gesetzgeber nichts zu bef√ľrchten. Schon merkw√ľrdig, dass CDU und SPD diese Diskriminierung von Heterosexuellen gegen√ľber Homosexuellen nicht bem√§ngeln. Au√üerdem muss es sich um leiblich verwandte Geschwister handeln. Zwei Adoptivgeschwister, die zwar rechtlich, aber nicht leiblich miteinander verwandt sind, k√∂nnen auch straflos miteinander schlafen. Da nur der Vaginalverkehr von Geschwistern unter Strafe steht, sind alle anderen Formen des Verkehrs wie Anal- oder Oralverkehr nicht verboten. Das Argument, die sexuelle Geschwisterliebe st√∂re m√∂glicherweise den famili√§ren Zusammenhalt, kann daher nicht wirklich greifen. Auch hier wundert man sich wieder, dass gerade die CDU die Benachteiligung des Vaginalverkehrs gegen√ľber dem Analverkehr nicht r√ľgt.

Das deutet allerdings darauf hin, dass es möglicherweise bei dem Verbot des Geschwisterinzests um die Abwehr von genetischen Schäden beim eventuell entstehenden Nachwuchs gehen könnte. Und ja, dass Inzuchtkinder ein erhöhtes Risiko von genetischen Schäden haben, ist richtig. Das kann man in einsamen Regionen mit langen Wintern oder bei manchen Mitgliedern des Hochadels auch heute gelegentlich noch sehen.

Nun gibt es allerdings auch f√ľr andere Risikotr√§ger von Erbkrankheiten kein strafbewehrtes Verbot des Geschlechtsverkehrs oder der Vermehrung. Und gerade Vertreter der Union und der Kirchen forderten schon “ein Verbot der pr√§natalen Diagnostik()”:http://www.abendblatt.de/ratgeber/gesundheit/article2329489/Bluttest-zum-Down-Syndrom-umstritten-Verbot-gefordert.html.

Irgendwie irre, oder?

Sexualit√§t ist ein grundrechtlich gesch√ľtzter Kernbereich der privaten Lebensf√ľhrung. Es geht den Staat nichts an, was in den Betten oder auch auf den Teppichen oder K√ľchentischen seiner B√ľrger passiert, solange das unter erwachsenen, gleichberechtigten autonomen Partnern freiwillig und ohne Zwang oder Gewalt passiert.

Stellen Sie sich vor, zwei leibliche Geschwister, die im S√§uglingsalter getrennt und jeweils von anderen Eltern adoptiert wurden, verlieben sich als Erwachsene ineinander und schlafen miteinander. Ja, Pilcher, werden Sie sagen, verbotene Liebe usw. Stimmt. Aber diese F√§lle gibt es. Oder auch die F√§lle, in denen Papa gerne mal ein Ausw√§rtsspiel gemacht und neben seinen ehelichen Kindern auch ein paar au√üereheliche Fortpflanzungen vorgenommen hat, m√∂glicherweise mit ebenfalls verheirateten Frauen, deren geh√∂rnte Ehem√§nner sich als stolze V√§ter der Kinder w√§hnen. Die k√∂nnten sogar verheiratet sein und Kinder haben. In dem Moment, wo es durch einen Zufall herausk√§me, dass sie Geschwister sind, w√ľrden sie sich mit jedem Geschlechtsverkehr strafbar machen. Die 17-j√§hrigen Zwillinge, die am Vorabend des Tages, an dem sie 18 werden, kurz vor 24 Uhr straflosen Geschlechtsverkehr haben, m√ľssten eine Sekunde vor Mitternacht damit aufh√∂ren, weil sie sich ab diesem Moment einer m√∂glichen Freiheitsstrafe ausgesetzt s√§hen. Irgendwie irre, oder?

Vielleicht lesen unsere schnell ablehnenden Politiker mal die Stellungnahme des Ethikrates ohne moralinsauren Schaum vor dem Mund. Dann k√∂nnten sie erkennen, dass die dort dargestellte Mehrheitsmeinung sehr gut begr√ľndet ist und die Streichung des ¬ß 173 Abs. 2 Satz 2 StGB keinen Schaden anrichten w√ľrde.

Oder glauben Sie, auch nur ein Mensch käme wegen einer Aufhebung des Verbotes auf die Idee, sein Sexualverhalten zu ändern?

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