Das ist eine klassische journalistische Behauptung. Sie ist zwar richtig, aber sie ist nicht die Wahrheit. Helmut Kohl

Birlikte – Zusammenstehen

Vor zehn Jahren explodierte in der Kölner Keupstraße eine Bombe. Die Ermittler standen unter Druck – und machten einen großen Fehler.

Seit gestern wird in Köln mal wieder kräftig gefeiert. Das kennt man ja. Karneval, Christopher-Street-Day, Kölner Lichter. Immer was los. Der Kölsche feiert eben gern und ausgiebig. Eine Beerdigung im Rheinland ist häufig lustiger als manche Geburtstagsfeier andernorts. Wo, sag ich jetzt besser nicht.

Gestern Abend gab es ein Theaterprojekt von Nuran David Calis. Das Besondere: An diesem Projekt nahmen Anwohner der Keupstraße teil. Und heute und morgen wird dann laut und bunt und auch fröhlich gefeiert. Mit einem ganztägigen Kunst- und Kulturfest heute in der Keupstraße selbst und mit einer großen Veranstaltung morgen. Mit vielen Musikern wie Udo Lindenberg, Zülfü Livaneli, Peter Maffay, BAP, Brings, Höhner, Bläck Fööss, Tommy Engel und Arno Steffen, aber auch mit Wortbeiträgen von Serdar Somunçu, Carolin Kekebus, Elke Heidenreich, Isabel Schayani und Wilfried Schmickler.

Klingt nach Karneval und Arsch huh und ja, die AG „Arsch huh“ ist dabei und veranstaltet die Kundgebung am Pfingstmontag.

Es wird mit einer Schweigeminute beginnen. Aber beim Schweigen wird es nicht bleiben. Danach wird Bundespräsident Gauck die sechsstündige Großkundgebung eröffnen. Wir sind ein Volk, das würde passen.

Am 9.6.2004 explodierte in Köln eine Bombe. Der Tatort, die Keupstraße, war seit vielen Jahren zu einer beliebten und belebten Einkaufsstraße im Zentrum von Köln-Mülheim geworden. Es gab 22 Verletzte, vier davon lebensgefährlich verletzt. In der Keupstraße gab es eine Vielzahl von Geschäften, die von türkischen, kurdischen oder türkisch- oder kurdischstämmigen Geschäftsleuten geführt wurden. Manche nannten sie daher auch „Klein-Istanbul“. Noch in den Siebziger- und frühen Achtzigerjahren war die Keupstraße das Zentrum der lokalen Drogenszene, doch durch die Zusammenarbeit der hier lebenden Kölner Bürger, Deutsche, Türken, Italiener und Griechen, mit der Polizei, wurde sie vom Drogensumpf zu einem pulsierenden Multikultizentrum.

Der Innenminister vermittelte falsche Sicherheit

Unmittelbar nach der mächtigen Detonation – die man zunächst für eine Gasexplosion gehalten hatte und erst nach Entdeckung der herumliegenden Nägel als Anschlag identifizierte – hatte das Landeskriminalamt in Düsseldorf an verschiedene Sicherheitsbehörden eine E-Mail mit dem Betreff „Terroristische Gewaltkriminalität“ versendet. Was für eine schnelle, hellsichtige Einschätzung. Aber schon eine gute halbe Stunde später bat das Lagezentrum um die Streichung dieses Begriffs. Warum, weiß bis heute niemand so genau.

Der offenbar auch für das LKA zunächst recht nahe liegende Gedanke, es könne sich bei einer Explosion in einem kölsch-türkischen Viertel um einen rassistischen Anschlag handeln, wurde aber schon am 10.6.2004 vom damaligen Bundesinnenminister Schily ausgeschlossen: „Die Erkenntnisse, die unsere Sicherheitsbehörden bisher gewonnen haben, deuten nicht auf einen terroristischen Hintergrund, sondern auf ein kriminelles Milieu.“

Innenminister sind Meister schneller Beschwichtigung. Woher diese „Erkenntnisse“ stammen sollten und welchen Inhalt sie hatten, bleibt das Geheimnis des früheren Innenministers. Vielleicht stammten sie vom Verfassungsschutz, dessen unrühmliche Braunblindheit ja auch im NSU-Verfahren unübersehbar ist? Nun, neben der inneren Sicherheit selbst sind Innenminister ja auch für die Vermittlung eines Gefühls von Sicherheit zuständig. Und dazu passen Nazi-Anschläge schlecht. Ob das der Hintergrund ist, weiß ich nicht. Gleichwohl können solche frühen Äußerungen auch negative Auswirkungen auf die Ermittlungsarbeit haben. Warum sagt nicht mal jemand im Interview: „Ich habe keine Ahnung, was da genau passiert ist. Lassen Sie die Polizei einfach mal in Ruhe ihre Ermittlungen machen“?

Jahrelang ermittelte die Polizei recht einseitig und damit zwangsläufig ergebnislos. Da es kein rechtsterroristischer Akt war, weil es ja keiner sein durfte, ließ man diese Möglichkeit gleich mal links liegen. Irgend etwas in den Köpfen oder auch über den Köpfen der Ermittler sagte ihnen, dass die Spur zu ausländischen Kriminellen führen müsste, die in irgendeiner Beziehung zu den Bewohnern der Keupstraße stehen müssten.

Schutzgelderpressung, Schmuggel, Drogenhandel. Alles, was man „Ausländern“ so im Allgemeinen zutraut. Und was es ja auch gibt. Also wurden folgerichtig hauptsächlich die Anwohner verdächtigt und jahrelang vehement gegen die Opfer ermittelt. Abhören inklusive. Das ganze Programm.

Und man ließ die Bewohner der Straße spüren, dass man sie nicht ernsthaft für Opfer hielt. Grundsätzlich ist ja nichts dagegen einzuwenden, wenn die Ermittler jeder Spur nachgehen, aber dann auch bitte schön wirklich jeder. Es kann nicht zum Erfolg führen, wenn man gerade da nicht sucht, wo was zu finden wäre. Zu was für einer doppelten Traumatisierung der Umgang der Behörden mit den Opfern geführt haben muss, kann jeder sich vorstellen. So etwas sollte sich nicht wiederholen.

Opfer zu Tätern gemacht

Erst nach Bekanntwerden der widerlichen NSU-Paulchen-Panther-Bekenner-CD 2011 war auch den Behörden klar, aus welcher Ecke der Anschlag tatsächlich gekommen war. Da guckte man plötzlich doof aus der Wäsche.

Die Aussage von Kölns Oberbürgermeister Jürgen Roters trifft den Nagel auf den Kopf: „Wir haben euch von Opfern zu Tätern gemacht.“ Ja, das haben wir, tatsächlich als Gesellschaft. Da mag auch der ganz gewöhnliche Alltagsrassismus in den Köpfen dran schuld gewesen sein.

Dass strafrechtliche Ermittlungen in die falsche Richtung laufen, kommt leider häufiger vor. In einer früheren Kolumne schrieb ich dazu:

„Bereits im Ermittlungsverfahren werden häufig zu einem frühen Zeitpunkt Vorentscheidungen für ein Fehlurteil getroffen, indem die Ermittler sich relativ schnell auf einen bestimmten Hergang und einen bestimmten Verdächtigen festlegen. Das mag ja auch ganz oft richtig sein, es hat aber fatale Folgen, wenn es falsch war. Dann werden wichtige Spuren nicht gesehen oder falsch interpretiert, Zeugen zu spät oder gar nicht vernommen, Gutachten nicht eingeholt oder übersehen, dass diese unvollständig sind.“

Besonders dann, wenn es sich um ein spektakuläres Verbrechen handelt, stehen die Ermittlungsbehörden unter einem immensen Druck: Druck der Öffentlichkeit, Druck der Politiker, insbesondere der Innenpolitiker, Druck der Stadt, Druck der Medien, Druck der Bürger. Druck von oben und von unten. Wenn morgens etwas passiert ist, möchte man ja schließlich spätestens in der „Tagesschau“ die Lösung haben. Die im „Tatort“ brauchen ja auch immer nur 90 Minuten. Unter Druck zu arbeiten, führt leider leicht zu Fehlern.

Natürlich ist ein rechtsterroristischer Terroranschlag keine gute Werbung für eine Stadt, egal ob das nun Bad Schandau oder die bunte Multikultistadt Köln ist. Das will man einfach nicht glauben. Geht ja gar nicht. Das macht ja auch noch im Ausland einen schlechten Eindruck, wenn in Deutschland die Nazis wieder die Bevölkerung terrorisieren. Insoweit ist ja verständlich, wenn einem ein Anschlag von Grauen Wölfen, Islamisten, Drogenhändlern, rivalisierenden Banden oder Schutzgelderpressern irgendwie angenehmer wären. Das wären dann ja nicht wir. Nazikram wird gerne verleugnet in Deutschland. Das wären nämlich dann wir. Dass Deutsche Ausländer töten, geht gar nicht, dass kennt man doch nur andersrum.

Auch jetzt, da es deutliche Hinweise darauf gibt, dass die beiden toten Verdächtigen Uwes, Mundlos und Böhnhardt, den Anschlag begangen haben könnten, dürfen die Ermittlungen nicht erleichtert zur Seite gelegt werden. Der verlockende Gedanke, mit dem Tod von zwei wirren Einzeltätern sei das Thema durch, darf notwendige weitere Ermittlungen nicht einschläfern. Da muss jetzt mit Vollgas aufgeholt werden, was alles versäumt wurde.

Dass die beiden mutmaßlichen NSU-Mörder aus Zwickau so ganz von alleine auf die Idee gekommen sein sollten, in Köln eine ganze Straße in die Luft zu jagen, scheint doch eher abwegig. Irgendwoher mussten die ja wissen, dass da ein schönes Ziel ist. Mit vielen Fremden. Wo man ganz viele auf einen Schlag erwischt. Warum nicht von Kontakten innerhalb der lokalen Szene? Es wäre fatal, wenn man jetzt so tun würde, als wären da mal irgendwann ein paar rechtsradikale Ossis nach Köln gekommen, um einen Anschlag zu verüben und hier bei uns gäbe es das Problem mit Rechtsradikalen gar nicht. Da muss jetzt ganz genau hingesehen werden, wer sonst noch alles hinter diesem zigfachen Mordversuch steckt.

Heute und morgen wird es wohl viele Reden geben, vielleicht auch jede Menge präsidiales und kölsches Pathos, Bedauern, Entschuldigungen und Gelaber. Das ist zwar ganz nett, wird aber alleine nicht reichen, etwas zu bewirken.

Die Strategen von PRO Köln, NPD und anderer rechtsradikaler Gruppierungen werden weiter hetzen und von deren Parolen verblendete Idioten werden weiter Gewalt gegen alles ausüben, was ihnen fremd erscheint.

Geradezu kontraproduktiv wäre auch ein umgekehrter Rassismus, der Fremden oder fremd wirkenden Menschen einen unantastbaren Heiligenstatus aufdrängt. Denn auch der macht sie nur wieder zu Außenstehenden. Genauso wie es falsch war, nach dem Anschlag einen rechten Terrorakt sofort reflexhaft auszuschließen, wäre es falsch, bei künftigen Verbrechen die Augen davor zu verschließen, dass auch „Fremde“ die Täter sein könnten. Denn natürlich gibt es all diese organisierten kriminellen Gruppen und gewaltbereite Salafisten genauso, wie es Probleme mit deutschen Rockerbanden oder Hooligans gibt. Bei jeder Tat muss jeder Spur nachgegangen werden, ganz ohne Scheuklappen oder Tabus. Und jedes Mal muss vorurteilsfrei hingesehen werden.

Kann man nun eine Party feiern?

Auch außerhalb von Strafverfahren. Wo es Probleme mit Migranten gibt, müssen diese genauso behandelt und auch benannt werden – wie da, wo es Probleme mit Rechts- oder Linksradikalen oder auch mit Wirtschaftskriminellen gibt. Berechtigte kritische Fragen an einige Moscheevereine in Köln zu ihrer Verbindung zum türkischen Staat dürfen auch nicht etwa mit Rassismus verwechselt werden. Wie wenig z.B. Herr Erdoğan von Meinungs-, Presse- und Religionsfreiheit hält, durfte Köln gerade erst erleben. Da darf und muss man nachhaken, um gemeinsam unsere Freiheit zu verteidigen. Fundamentalisten und Wutprediger gibt es auf allen Seiten. Die sind aber in der Minderheit und sollten nicht glauben, dass jemand ihnen augenzwinkernd zustimmt. Nur eine Form von Problemen oder von Gewalt zu sehen, springt zu kurz. Und Probleme zu leugnen, macht sie am Ende nur noch größer. Gemeinsam über Probleme zu reden, führt letztlich weiter.

Kann man in einer derartigen Situation und bei dem aktuellen Anstieg nationalistischer Töne in ganz Europa wirklich eine fette Party feiern? Man kann nicht nur, man muss. Es darf gelacht werden.

Es geht nicht um Friede-Freude-Eierkuchen und Alaaf, um glückseligen „Gutmenschen“-Rock und Karnevalstrallala, es geht darum, das wir zu stärken. Das wir der Bürger, die unabhängig von ihrer Herkunft ganz überwiegend nichts anderes wollen, als friedlich miteinander zu leben und zu arbeiten. Das stärkt man durchaus auch damit, dass man gemeinsam feiert, fröhlich ist, Spaß hat und den Extremisten zeigt: Wir lassen uns durch Terror weder die Lust am Leben noch den Zusammenhalt nehmen. Wir feiern zusammen.

In diesem Sinne: Birlikte – Zusammenstehen.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Heinrich Schmitz: Keine Macht dem Mob

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