Diren ist tot

von Heinrich Schmitz6.05.2014Gesellschaft & Kultur

In den USA wurde ein deutscher Austauschschüler erschossen – der Schütze beruft sich auf Notwehr. Kann das auch hierzulande passieren?

Wenn Sie Kinder haben, können Sie sich vermutlich die Gefühle vorstellen, die die Eltern des in Montana erschossenen 17-jährigen Austauschschülers überwältigt haben, als sie diese Worte hörten: „Diren ist tot.“

Ein junger in Hamburg geborener Mann, der voller Pläne und Erwartungen in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten kam, um dort einmal den _American way of life_ kennenzulernen. Nach Angaben der Schulsprecherin der Big Sky High School ein sehr beliebter, großartiger Schüler. In ein paar Wochen wäre er mit diesen Erfahrungen zurück nach Hamburg gekommen.

Wenn Sie Kinder haben, kennen Sie die Ängste, die Eltern umtreiben, wenn der Nachwuchs flügge wird. Die Angst, wenn es abends mal etwas später wird. Die Angst beim ersten Solourlaub. Die Angst vor „falschen“ Freunden. Die Angst vor Drogen. Eltern sind stets in Sorge um ihre Kinder, auch wenn sie ihnen die notwendigen Freiräume für ihre Entwicklung geben. Die Angst, es könne den Kindern etwas passieren, diese elementare Angst ist immer präsent. Wenn die Kinder unterwegs sind und das Telefon oder die Türglocke klingelt, fährt einem erst mal der Schreck in die Glieder. Ist was passiert? Gut, wenn dann nur der Nachbar vor der Tür steht und nicht die Polizei.

Notwehr gibt es auch in Deutschland

Ich habe in der Familie mehrfach erleben müssen, dass Eltern ihre Kinder verloren. Das Entsetzen, die Traumatisierung, die unendliche Trauer. Alles wird sinnlos.

Diren ist tot. Was mag dieser Satz bei den Eltern ausgelöst haben?

Diren wurde erschossen. Auf einem fremden Grundstück, in einer fremden Garage. Auf dem Grundstück des Schützen. Zur Rechtfertigung gibt der Schütze an, er habe nach zwei Einbrüchen in den vergangenen drei Wochen eine Art Falle aufgestellt, um Einbrecher zu fassen.

Ja, auf so etwas kann man kommen, wenn bei einem eingebrochen wird. Einbruchsopfer leiden weniger unter dem Verlust von Wertgegenständen als vor dem überraschenden Eingriff in ihre Privatsphäre. Selbst dann, wenn der Einbruch in ihrer Abwesenheit geschehen ist. Selbst dann, wenn der materielle Schaden gering ist. Alleine die Vorstellung, dass jemand in der eigenen Schutzumgebung herumgelaufen ist, lässt manchen jahrelang nicht mehr ruhig schlafen. Es ist gar keine Frage, dass es auch nach deutschem Recht gegen Einbrecher ein Notwehrrecht gibt.

So steht das im Gesetz:

bq. § 32
Notwehr
(1) Wer eine Tat begeht, die durch Notwehr geboten ist, handelt nicht rechtswidrig.
(2) Notwehr ist die Verteidigung, die erforderlich ist, um einen gegenwärtigen rechtswidrigen Angriff von sich oder einem anderen abzuwenden.

Man darf sein Eigentum verteidigen. Man darf einen Einbrecher auch unter vorgehaltener Waffe vorläufig festnehmen.

bq. § 127
[Vorläufige Festnahme]
(1) Wird jemand auf frischer Tat betroffen oder verfolgt, so ist, wenn er der Flucht verdächtig ist oder seine Identität nicht sofort festgestellt werden kann, jedermann befugt, ihn auch ohne richterliche Anordnung vorläufig festzunehmen. Die Feststellung der Identität einer Person durch die Staatsanwaltschaft oder die Beamten des Polizeidienstes bestimmt sich nach § 163b Abs. 1.

Allerdings darf man Einbrecher nur totschießen, wenn sie einen angreifen und Leib oder Leben bedroht ist. Nicht, weil man das gerne mal machen möchte.

Heroisierung des Schützen

Grundsätzlich kennt unser Notwehrrecht zwar zunächst einmal keine Güterabwägung. „Recht braucht dem Unrecht nicht zu weichen!“ ist der Grundsatz. Der Verteidiger verteidigt mit seinen Rechtsgütern auch gleich die Rechtsordnung mit. Jedenfalls in der Theorie. Aber ganz so einfach ist es dann in der Praxis auch wieder nicht.

Wenn es stimmen sollte, dass der Schütze gesagt hat: „Ich warte nur darauf, einen verdammten Typen zu erschießen“, dann könnte es ganz eng für ihn werden. Dann hätte er weniger zur Verteidigung seines Eigentums als vielmehr aus dem Bedürfnis heraus gehandelt, einen Menschen zu erschießen. Seine Einbrecherfalle wäre eine perfide Todesfalle gewesen, die „Notwehrlage“ keine echte, sondern bewusst herbeigeführt, um einen anderen zu töten. Nach deutschem Recht würde eine derartige Provokation einer Notwehrlage zumindest zu einer Einschränkung, wenn nicht sogar zum Wegfall des Notwehrrechts führen. Und damit zu einer Verurteilung wegen Mordes oder Totschlag.

Ob das nun so war, wird man im Verfahren sehen. Da helfen jetzt keine Ferndiagnosen und Vorverurteilungen.

Was man aber jetzt schon sieht, ist, neben der großen Trauer der Freunde und der Familie um Diren, eine bemerkenswerte Heroisierung des Schützen.

In den sozialen Netzwerken wird dieser von manchen Zeitgenossen ernsthaft als Vorbild bezeichnet. Einer, der das „Recht selbst in die Hand“ nimmt, weil der Staat ihn nicht schützen kann. Das Gesetz des wilden Westens. Das wünschen sich hier einige auch. Aufbau von Bürgerwehren eingeschlossen. Einschließlich der dazugehörigen Waffen. Und einschließlich eines ganz eigenen Rassismus.

Nachdem die ersten Meldungen kamen, dass der Tote in Bodrum geboren wurde, war es in den sozialen Netzwerken noch relativ ruhig. Erst als die Ersten merkten, dass Bodrum nicht bei Borkum, sondern in der Türkei liegt, war bei vielen Kommentatoren die Freude plötzlich groß. Für sie war der Junge da gar kein Deutscher mehr.

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