Duell der Gesichtslosen

Heinrich Schmitz4.03.2014Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Medien

Es sind schwere Zeiten für den Konsens: Heute geht es primär ums Rechtbehalten, die Argumente der Gegenseite werden weggewischt. Doch mit einem kleinen Kniff ließe sich das zumindest in Talkshows vermeiden.

_Isch wor jrad om Ruusemondaachszoch._ Okay, Verzeihung. Ich war gerade beim Rosenmontagszug in meiner Heimatstadt. „Heimatstädtsche fein“, wie es in der Ortshymne heißt. Danach sind die Mädchen hier immer kreuzfidel. Aber das ist ein anderes Thema. Also ja, ich bin ein Karnevalsjeck.

Damit gelte ich für einen Großteil der Mitbürger bereits als potenzieller Vollidiot und nicht mehr satisfaktionsfähig. Wie kann man nur auf Kommando lustig sein, sich Farbe ins Gesicht schmieren und auf die Straße gehen und mit wildfremden Menschen zusammen singen und tanzen? Eigentlich ganz einfach. Ungefähr so einfach, wie man an Weihnachten besinnlich sein kann, oder am Volkstrauertag der Toten gedenkt. Oder eben auch nicht. Das kann in einem freien Land jeder halten, wie er möchte.

Trotzdem wird man hier sehr schnell in eine bestimmte Schublade gesteckt, die von den einen positiv, von anderen abgrundtief negativ eingeordnet wird. Da wird man – wenn auch glücklicherweise nicht tatsächlich – in ein Lager gesperrt, aus dem man nicht so schnell wieder heraus findet.

Die Truppen werden gesammelt, die Reihen geschlossen

Dieses Phänomen kann auch außerhalb des Karnevals auf nahezu jeder Ebene bestaunt werden. Lager stehen unversöhnlich gegeneinander. Die aus dem eigenen Lager werden verteidigt, die aus dem anderen verteufelt. Dass eventuell mal jemand aus dem anderen Lager recht haben könnte, wird von vornherein ausgeschlossen.

Begeht ein Politiker einen schweren Fehler, dann wird er von seinem Lager verteidigt, vom anderen angegriffen. Irgendwann geht es dann sehr schnell gar nicht mehr um den Fehler, sondern nur noch darum, dem anderen Lager zu schaden. Die Truppen werden gesammelt, die Reihen geschlossen.

Mittlerweile gibt es kaum noch eine Diskussion oder Talkshow, bei der es um das eigentliche Thema geht. Viel unterhaltsamer scheint den Redaktionen offenbar, alleine durch die Auswahl der Gäste, einen Skandal oder, wenn das schon nicht funktioniert, wenigstens einen handfesten Streit auszulösen. “Hakst du bei Lucke heftig nach, geht er laufen”:http://www.theeuropean.de/alexander-wallasch/8053-das-schlechte-image-von-bernd-lucke. Und das Irre ist ja, beide Seiten gewinnen dabei. Das Publikum jubelt begeistert dem Kämpfer aus seinem Lager zu, ganz gleich, welchen Unfug der gerade vom Stapel lässt. Unterhaltungswert hoch, Diskussionswert nahe null.

Gut, wenn das Ganze im TV oder im Internet stattfindet, gibt es den Knopf zum Abschalten. In der realen Welt ist das schon schwieriger.

Wenn man angesichts der Krise in der Ukraine sagt, dass Putin sich aus seiner machtinteressenpolitischen Sicht nachvollziehbar verhält, hat man schon mal die Arschkarte. Putin, das ist doch dieser böse Diktator aus dem Osten, der sich völkerrechtswidrig verhält, oder? Außer Gerhard Schröder wird den wohl kaum einer für einen lupenreinen Demokraten halten, aber der Leibhaftige ist er nun auch nicht. Alleine für diese Feststellung dürfte es nun verbale Prügel aus dem Lager der Homosexuellen geben. Umgekehrt ist aber mit Zuspruch aus dem Lager der erzkonservativen Christen zu rechnen, für die Putin durchaus positiv besetzt ist, weil er eben zum einen harte Gesetze gegen Homosexuelle durchgesetzt hat und zum anderen der orthodoxen Kirche wieder zu einigem Reichtum verholfen hat. Außerdem scheint er aus dieser Sicht etwas gegen Muslime zu haben.

Duell ohne Gesichter

Wenn man auf die Feststellung der Kanzlerin, Putin verhalte sich völkerrechtswidrig, lakonisch einwirft, da sei er in der jüngeren Vergangenheit nicht der Einzige, gibt’s verbale Haue für diesen angeblichen Antiamerikanismus. Das Lager der bedingungslosen Amerikafreunde findet auch immer eine gute Ausrede für das menschenrechtswidrige Lager in Guantanamo. Dass das eine so beschissen ist wie das andere, mag das jeweils andere Lager nicht zugeben oder auch nur erkennen.

So geht das auf jedem Gebiet und wenn’s nur ein Foulelfmeter ist, den irgendein Schiedsrichter gepfiffen hat. Für die Fans der einen Mannschaft ein „klarer“ Elfmeter, für die anderen eine „krasse“ Fehlentscheidung. Ein halbwegs neutraler Blick ist nicht möglich, sobald man sich einem Lager zugehörig fühlt.

Wie wäre es, wenn man mal spaßeshalber eine anonyme Talkshow versuchen würde. Hinter undurchsichtigen Scheiben säßen die Talkgäste A, B, C, D, E, deren wahre Identität weder die Moderatorin noch der Zuschauer und auch die jeweils anderen Talkgäste nicht kennen. Über eine Sprachverfremdungssoftware würde alle fünf gleich klingen. Sie dürften weder ihre Namen noch ihre Partei-, Religions- oder sonstige Lagerzugehörigkeit verraten und lediglich mit Argumenten ringen. So eine Art Blindaudition für Talkgäste.

Da die Teilnehmer selbst auch nicht wissen, wer die anderen sind, müssten sie tatsächlich einmal zuhören und könnten nicht schnell wieder ihre Wagenburgen innerhalb des Lagers bauen. Und vermutlich feststellen, dass auch die Jungs und Mädels aus anderen Lagern Argumente haben, die gar nicht so übel sind. Am Ende dürften dann die Zuschauer abstimmen, wessen Argumente sie am meisten überzeugt haben. Und erst dann würden die Scheiben gehoben. Falls ein Sender das aufnehmen möchte, schicke ich gerne meine Kontonummer.

Ich gebe zu, das klingt etwas gewöhnungsbedürftig. Aber langweilige und vorhersehbare Talkshows gibt es ja schon zu viele. Und es wäre schon spannend, ob dann auch jemand auf die abstruse Idee käme, z. B. “die Kollegin Birgit Kelle”:http://www.theeuropean.de/birgit-kelle als Homohasserin zu bezeichnen. Bei entsprechend breiter Auswahl der Gäste könnte auch kein rechtsrändiger Gast sich beklagen, er sei ein Opfer irgendeines mystischen linken Mainstreams geworden. Wer weiß, vielleicht würde ja auch der ein oder andere Populist als Sieger aus diesem Duell hervorgehen. Oder auch ein Linker. Spannend wär’s allemal.

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