Der Fußgänger von Braunschweig

von Heinrich Schmitz3.12.2013Gesellschaft & Kultur

Beim Lesen von Alexander Wallaschs neuem Buch zeigt sich schnell: Die Heimatstadt des Autors ist überall. Eine Rezension.

Das neue Buch eines Freundes zu besprechen, kann ein Problem sein. Was macht man, wenn es einem so gar nicht gefallen will, wenn man enttäuscht ist, wenn man nichts damit anfangen kann? Irgendwas Loyales fabrizieren, wider besseres Wissen argumentieren? Oder gnadenlos verreißen, vielleicht die Freundschaft riskieren? Gar nichts dazu sagen, schamvoll verschweigen. Und dann liegt die Büchersendung im Briefkasten. Herr, lass es kein Mist sein. Umschlag auf, Buch raus. Kurzer Blick auf den Titel. „Pferdefleisch und Plastikblumen“ – beknackter Titel, wer kauft denn so was?

Fängt ja schon mal gut an. „Mit einem Vorwurf von Matthias Matussek“, steht auf dem Cover. Nun denn, hilft ja alles nix. Erst mal lesen. Erst mal sehen, was MM da vorwirft. Und der legt ganz schön los. „Kraftkerl mit Herz“, „Wallasch der Ritter“, „Punk-Wut im Bauch“, eine einzige Lobeshymne im wortgewaltigen Matussek-Sound. „Mann, kann der schreiben“, sagt Matthias Matussek, der ja weder als bekennender Puffgänger noch als handzahmer Schmeichler bekannt ist. Eher als ehemaliger Kulturchef des „Spiegel“ und literarischer Kreuzritter des Katholizismus, als bissiger Kritiker. Huch, denke ich, nach diesem Opener hat es aber jeder Künstler reichlich schwer, auf die Bühne zu kommen. Wenn das mal gut geht.

Verdammt noch mal, Braunschweig!

Dann kommt erst mal ein Bild von einem Bild eines Dackels. Hm, ja. Tom Gerhardts Hausmeister Krause erscheint vor dem geistigen Auge. Schnell umblättern. Und dann die erste Geschichte. „Bashing Braunschweig Köpenick“. Braunschweig? – Ja, verdammt noch mal, Braunschweig!

Wenn Henri Toulouse-Lautrec Motive malte, dann waren seine Figuren aus dem Zirkus, aus Kneipen und aus dem Halbwelt- und Rotlichtmilieu. Mit Szenen des Pariser Nachtlebens rund um den Montmartre spiegelt er eine legendäre Zeit wider und prägte damit die Sicht auf dieses, sein Paris, bis heute. Jeder sieht diese Bilder, wenn er „Moulin Rouge“ hört. Und das, obwohl der einzelne Mensch und nicht die Menge sein Thema war.

Wenn Alexander Wallasch über sein Braunschweig schreibt, ist das ganz ähnlich. Gut, Braunschweig ist nicht Paris, es ist nicht mal Berlin oder Hamburg, München oder Köln. Aber wer sein neues Buch, “„Pferdefleisch und Plastikblumen“”:http://www.ventil-verlag.de/titel.php?pid=1552&sid=265f7658c77afac93200fd3e45b512c7 liest, wird von dieser, von den allermeisten wohl völlig unbemerkten Stadt, magisch angezogen. Da entsteht das einzigartige Bild einer Stadt. Braunschweig. Wallaschs „Moulin Rouge“ heißt Pferdestall oder Melodia Bar. Sein Montmartre sind die versteckten und vergessenen Ecken, sein Kiez.

Dass einer wie Matussek nicht einfach mal so schreibt: „Mann, kann der schreiben“, war mir ja klar. Der hat einen Ruf zu verlieren. Ein Gefälligkeitsvorwort? Never. Und nach den ersten paar Seiten Wallasch weiß ich, warum er Freund Wallasch diesen Ritterschlag verpasst hat.

Diese Mischung aus Kolumnen über kleine Geschäfte, Kneipen, Rotlichtbars, die als Relikte einer längst vergangenen Zeit ein morbides Nischendasein führen, und den Wallasch’schen Familiengeschichten mit Frau, Kindern und Python ist erst mal höchst amüsant und unterhaltsam.

Aber das ist lange nicht alles. Der ganz spezielle Wallasch-Ton, den jeder kennt, der regelmäßig seine Kolumnen bei “The European”:http://www.theeuropean.de/kolumnen/10856-geradeheraus genießt oder seine Bücher „Hotel Monopol“ und „Deutscher Sohn“ gelesen hat, schafft aus diesen liebevollen Miniaturen über einen Fischhändler, eine Hundefrisörin, einen Herrenausstatter, diverse Wirte und alle möglichen und scheinbar unmöglichen Personen und Orte eine eigene Welt, von der man glauben will, dass sie in Braunschweig wirklich existiert und alle Zeiten überstehen mag.

Alexander Wallasch geht – um ein paar Kilos loszuwerden – zu Fuß durch diese unbekannte Stadt. Da sieht man plötzlich anders. Da rast die Stadt und ihre Menschen nicht mehr an einem vorbei. Was für ein Glück für den Leser. Fußgänger Wallasch sieht nicht nur mit teils melancholischem Blick Orte und Menschen, an denen andere achtlos vorbei gehen, er macht aus diesen Bildern Textbilder, Kopfkino. Diese Typen vergisst man nie mehr, diese Orte – das neudeutsche Wort locations kommt einem nicht eine Sekunde in den Sinn – sieht man, riecht man, fühlt man. Mir Lust auf den Besuch einer AOK-Kantine zu machen, ist vorher noch keinem gelungen. Dass mir dabei das Wasser im Munde zusammenläuft, schon gar nicht. Jetzt will ich da hin.

Auch bei all den Geschichten aus dem Familienleben, die prall voll sind mit Selbstironie und staunender Selbsterkenntnis über den schleichenden oder doch plötzlich erlebten Verlust der eigenen Jugend, spürt man, dass dieser wortgewaltige „Heimatdichter“ ein liebender Vater und Ehemann ist. Obwohl oder gerade weil Familie und Heimat seine Basis sind, kann der so auf die Kacke hauen, wenn’s denn sein muss. Das gibt ihm die Sicherheit, auch peinliche Situationen, wie einen unfreiwilligen Nacktauftritt in einem Wartezimmer, oder den missglückten Versuch, eine Sektflasche an einem Hotelzimmerwaschbecken zu öffnen, derart plastisch auch in der Innensicht zu schildern, dass einem – übrigens genauso wie Frau und Kindern – die Lachtränen übers Gesicht laufen. Schonungslose Ehrlichkeit im Umgang mit den eigenen Unzulänglichen ist nicht jedem gegeben. Wenn’s manchmal melancholisch wird, dann ist das dem wahrgenommenen Verlust geschuldet. Aber er hat ja recht. Wer die liebevollen Miniaturen über die aussterbenden Handwerks-, Kaufmanns- und Dienstleistungsbetriebe liest, schämt sich, wenn er mal wieder zu einem Baumarkt fährt.

Sprachlich unnachahmliches Niveau

Das ist, obwohl in dem Buch nicht viel von Politik die Rede ist, auch ein politisches Buch. Alexander Wallasch führt uns vor Augen, wie viel an Qualität in menschlicher und fachlicher Hinsicht, wir durch all die Baumärkte, Supermärkte, Malls, Fastfood-Ketten und andere Konsumtempel verloren haben und weiter verlieren. Und das alles ohne zu dozieren oder zu moralisieren, schleichend durch die Hintertür. Scheinbar leicht. Beste Unterhaltung auf sprachlich unnachahmlichem Niveau. Auch wenn’s hier um Braunschweig geht – wo ich nun aber wirklich unbedingt mal hin muss, bevor auch der Pferdemetzger noch schließt – hier geht’s um mehr als Braunschweig. Platt gesagt: Braunschweig ist überall.

Mensch, hab ich ein Schwein gehabt, dass dieses Buch rundum gelungen ist. Wie konnte ich überhaupt auf die Idee kommen, das könnte nicht gut sein? Wallasch und ein schlechtes Buch? Geht doch gar nicht. Aber überzeugen Sie sich doch selbst. Der beknackte Titel – der sich beim Lesen übrigens als treffend erschließt – sollte Sie nicht abschrecken. Lassen Sie Alexander Wallaschs Braunschweig in Ihren Kopf.

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