Schwierige Ermittlungen im NSU-Prozess | The European

Kennen wir uns?

Heinrich Schmitz1.10.2013Gesellschaft & Kultur, Wissenschaft

Zeugen sind das schlechteste Beweismittel, denn Irren ist menschlich. Und trotzdem wird ihnen viel zu oft vertraut.

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Johannes Simon/Getty Images

„Die hab ich doch schon mal gesehen.“ Kennen Sie das? Sie sehen ein Foto und denken, die Frau habe ich doch schon mal gesehen? Ja, das ist normal und da müssen Sie sich keine Sorgen machen. Wenn es nicht stimmt, macht das ja im Alltag nichts. Und wenn Sie die Person dann mit dem Spruch „Kennen wir uns irgendwoher?“ ansprechen, obwohl Sie sie in Wirklichkeit noch nie gesehen haben, geht das als plumpe Anmache durch. Was soll’s?

Leider taucht dieser Effekt des vermeintlichen Wiedererkennens aber auch häufig in Strafverfahren auf. Aktuell melden sich aus allen Ecken der Republik Zeugen, die sicher sind, die Angeklagte Beate Zschäpe aus dem NSU-Verfahren vor Jahren an irgendwelchen Tatorten gesehen und jetzt wiedererkannt zu haben. Bei jeder Fahndung melden sich Zeugen aus den unterschiedlichsten Orten. Einige vermutlich jedes Mal. Die Wahrscheinlichkeit, dass dieses Erkennen ein echtes Wiedererkennen ist, dürfte verschwindend gering sein.

Zeugen sind die schlechtesten Beweise

Immer wieder aber stehen Menschen vor Gericht, weil sie von anderen als Täter einer Straftat „identifiziert“ wurden. Wie viele davon tatsächlich unschuldig sind, ist nicht ermittelbar. Darauf, dass die Aussage eines Zeugen, er erkenne eine andere Person wieder, mit äußerster Zurückhaltung zu bewerten ist, hat der Bundesgerichtshof (BGH) bereits mehrfach deutlich hingewiesen. Zeugen sind die schlechtesten aller Beweismittel.

Die Erinnerung ist ein leicht zu erschütterndes, unbewusst oder bewusst beeinflussbares, höchst unsicheres Beweismittel. Recht häufig wird ein falsches Wiedererkennen schon durch eine missglückte Lichtbildvorlage bei der Polizei fabriziert.

Wenn ein Zeuge einen Verdächtigen identifizieren soll, werden ihm im Idealfall eine Vielzahl von Lichtbildern vorgelegt. Die zeigen dann unterschiedliche Personen, aus denen der Zeuge sich die heraussuchen soll, die er wiedererkennt.

Gar nicht einmal so selten wird den Zeugen – zur Freude der Verteidigung – aber auch nur ein einziges Bild vorgelegt und dann gefragt: „War der das?“ Tja und da möchte mancher Zeuge gerne die in ihn gesetzten Erwartungen erfüllen und bestätigt das. Menschlich, aber großer Mist, wenn das auf dem Foto gar nicht der Täter war.

Andere Versuche einer verwertbaren Wahllichtbildvorlage scheitern an der Auswahl der Bilder. Wenn der Tatverdächtige ein asiatisches Aussehen hatte, nützt es überspitzt dargestellt nichts, wenn man dem Zeugen 19 Bilder von Afrikanern und eines von einem Chinesen vorlegt. Es ist ebenso fehlerhaft, wenn bei neun Bildern ein weißer Hintergrund ist und bei einem ein schwarzer. Leider kommen solche Klopse immer wieder vor. Manche Polizeiwachen scheinen da seit 20 Jahren nichts hinzugelernt zu haben. Und dann nützt es auch nichts, wenn der Zeuge den Angeklagten später in der Hauptverhandlung „wiedererkennt“. Das ist ja kein Wunder, weil er sich eben an das vorgelegte Bild erinnert.

Sind Sie sich sicher?

Vor ein paar Wochen war ein junger Mann angeklagt, in einer Diskothek einen anderen ihm völlig Unbekannten grundlos von hinten gegen den Kopf geschlagen zu haben. Der Vorfall hatte nur Sekunden gedauert. Er selbst wusste nicht einmal, ob er an dem Abend in der Disco gewesen war. Während des Ermittlungsverfahrens hatten ihn zwei Zeugen bei einer polizeilichen Wahllichtbildvorlage „wiedererkannt“. Allerdings hatte ein Zeuge bereits bei der Polizei angegeben, er sei sich nur zu 60 Prozent sicher.

Der andere war sich immerhin zu 60 bis 70 Prozent sicher. Und im Termin erschien dann noch eine Freundin der beiden, die den Angeklagten ebenfalls als Täter bezeichnete. Auf die Frage, woran sie den Angeklagten erkenne, antwortete sie „am Typ“. Dass der Angeklagte ein besonderer Typ sei, verneinte sie allerdings. Einer wie Tausend andere, meinte sie. Und die erneute Frage, ob sie sich sicher sei, beantwortete sie mit einem „Ööhh“.

Zum allseitigen Erstaunen forderte der Sitzungsvertreter der Staatsanwaltschaft trotzdem allen Ernstes eine Verurteilung. Seine Begründung, wenn drei Zeugen den Angeklagten zu 60-70 Prozent identifizieren würden, dann sei sicher, dass es der Angeklagte gewesen sei. Seltsame Mathematik. Dabei lernt im Rheinland doch jedes Kind „Dreimohl Null is Null bliev Null“. Natürlich wurde der Angeklagte freigesprochen. Gleichwohl keine schöne Situation.

In einem anderen Fall war jemand Wochen, nachdem ein Auto von einer Tankstelle geklaut worden war, von dem Tankwart auf einer Kirmes als der Dieb wiedererkannt worden. Auch hier erfolgte aufgrund der eindeutigen Identifizierung eine Anklage. Und hier war der Zeuge 100 Prozent sicher, dass er den Angeklagten erkannt hatte. Hatte er auch. Aber trotzdem war der Angeklagte nicht der Täter. Er hatte glücklicherweise noch den Kassenbon, der bewies, dass er ungefähr eine Stunde vor dem Diebstahl an der Tanke Grillkohle erworben hatte. Da hatten sich ein paar Bilder in der Erinnerung mit einander vermischt. Auch ganz normal.

Irren ist menschlich

Es ist unglaublich, mit welcher Gewissheit Zeugen behaupten, sie würden eine Person wiedererkennen. Wenn der Zeuge die Person nicht vorher bereits kannte oder nicht längere Zeit bei guter Beleuchtung aus irgendeinem Grund beobachtet hat, oder der Verdächtige aussieht wie Frankenstein oder Pamela Anderson, ist ein für eine Verurteilung ausreichendes Wiedererkennen kaum möglich. Ein Verdächtiger, dem das rechte Bein und das linke Ohr fehlt, geht auch noch. Aber alle, die halbwegs wie Monika Mustermann aussehen, erkennt in Wirklichkeit kein Mensch wieder. Trotzdem schwören auch Halbblinde mit 15 Dioptrien, die ohne Brille nachts im Dunkeln aus dem 2. Stock einen Schatten gesehen haben, ohne mit der Wimper zu zucken, sie hätten die Person, die neben dem Verteidiger sitzt, eindeutig erkannt.

Das ist einfach irre und durch nichts mehr zu erklären. Ein Mitverteidiger ließ einen derartigen Zeugen, der ungefähr vier Meter von uns entfernt war, einmal die Brille ausziehen und fragte, wie viele Finger halte ich hoch, wobei er die geschlossene Faust nach oben hielt. Wie aus der Pistole geschossen kam die Antwort: „ Drei.“ Dazu fällt einem dann nicht mehr viel ein. Ich habe auch gerne eine andere Person neben mir Platz nehmen lassen und den Angeklagten im Zuschauerraum platziert. Auf die Frage: „Erkennen Sie jemanden hier im Saal wieder?“, wurde regelmäßig die Person neben mir „wiedererkannt“. Da hat man dann schnell Feierabend.

Dass es sich hier um bewusste Lügen handelt, kann man getrost ausschließen. Die Zeugen glauben das, was sie zum Besten geben. Die Frage „Sind Sie sich sicher?“ verkneift jeder Verteidiger sich, weil die Antwort regelmäßig „Ja“ lautet. Dass jemand, der bei der Polizei wiedererkannt hat, in der Hauptverhandlung zurückrudert, ist ebenfalls selten.

Oft gibt es dann ja auch den Freispruch, aber alleine die Tatsache, dass jemand aufgrund eines derartigen Wiedererkennens überhaupt angeklagt wird, ist schon ziemlich unangenehm.

Sollten Sie jemanden als Zeuge identifizieren müssen, denken Sie vielleicht mal an diese Kolumne. Schämen Sie sich nicht, die Erwartung des Polizeibeamten zu enttäuschen, wenn Sie sagen, dass sie sich keineswegs sicher sind. Das kann schon helfen, Unschuldige vor falschen Anklagen zu bewahren.

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