Im Grunde bin ich für die Pressefreiheit, aber geschmackvoll sollte sie schon sein. Leo Fischer

Geheimheit!

Das Gesetz liebt Geheimnisse – das sollten wir auch. Transparent hat nur der Staat zu sein.

Transparenz ist ja was Schönes. Alles wird durchschaubar, klar und rein. Wie eine gut geputzte Fensterscheibe. Transparenz ist schwer in Mode. Gerade in der politischen Auseinandersetzung wird sie als Allheilmittel beschworen: Ein Zustand mit freiem Informationsfluss, einer uneingeschränkt offenen Kommunikation zwischen Regierung und Parlamentariern auf der einen und dem Volk auf der anderen Seite. Auch Bürger untereinander sprechen immer häufiger davon, dass sie nichts zu verbergen hätten. Keine Geheimnisse. Das klingt schön. Paradiesisch. Love and Peace. Und es ist schrecklich, beängstigend, monströs.

Als Anwalt, Arzt, Psychologe und in anderen Berufen hat man tagtäglich mit Geheimnissen zu tun. Man erfährt Dinge, an deren Geheimhaltung der andere ein mehr oder weniger großes Interesse hat. Dinge, die niemand wissen soll. Das können peinliche Dinge sein, strafbare, aber auch eigentlich ganz harmlose, die einfach geheim bleiben sollen. So unterliegen z.B. auch Tierärzte der Schweigepflicht, was auf den ersten Blick seltsam erscheint. Es ist meinem Hund vermutlich egal, ob jemand erfährt, dass er Flöhe hat. Mir ist das auch egal – solange es nur um meinen Hund geht. Trotzdem wird auch dieses Geheimnis vom Gesetzgeber geschützt. Verrät das der Tierarzt, kann er bis zu einem Jahr Freiheitsstrafe bekommen.

Die Berufsgeheimnisträger, also die oben genannten und noch ein paar mehr, werden bestraft, wenn sie etwas ausplaudern, was sie angesichts ihres beruflichen Kontaktes erfahren haben. Bereits die Tatsache, mit jemandem in einem beruflichen Kontakt zu stehen, fällt unter die Schweigepflicht (§ 203 StGB). Labernde Amtsträger werden genauso bestraft (§ 353b StGB), Landesverräter, Spione und Agenten erst recht (§§ 94 f. StGB). Das Gesetz liebt erstaunlicherweise das Geheimnis.

Sicherheit ist gesetzlich nicht oberste Prämisse

Es schützt bestimmte nahestehende Menschen zudem mit dem Zeugnisverweigerungsrecht davor, Geheimnisse ihrer Angehörigen preisgeben zu müssen. Auch wenn dadurch vielleicht eine Straftat nicht aufgeklärt werden kann. Sicherheit und Strafverfolgung über alles kennt das Gesetz eben nicht. Es achtet den Menschen und seine Geheimnisse.

Klar, dass es in bestimmten politischen Bereichen sinnvoll und auch wünschenswert wäre, wenn es mehr Transparenz gäbe. Wenn man zum Beispiel erführe, welcher Abgeordnete Geld für welche Gegenleistung von welchen Firmen bekommt. Oder wann welcher Minister was erfahren hat. Diese Transparenz wäre nicht übel. Aber eben auch nur diese.
Ohne Geheimnisse ist die menschliche Existenz nicht vorstellbar. Nicht jedem alles sagen zu müssen, ist elementarer Bestandteil der menschlichen Autonomie. Identität besteht nicht nur aus dem, was man gegenüber seiner Umwelt bekannt macht, sondern genauso aus den Dingen, die man lieber für sich behält. Egal warum.

„Der Mensch ist ein Mensch mehr durch das, was er verschweigt, als durch das, was er ist“ (Albert Camus). Wer meint, das wäre verzichtbar, irrt. „Es gibt Dinge, über die spreche ich nicht mal mit mir selbst“, soll Adenauer gesagt haben, ein Meister der Geheimnisse. Der wäre im Traum nicht auf die Idee gekommen, er habe „nichts zu verbergen“. Und seien wir ehrlich: Glauben wir diesen Spruch wirklich?

Die Forderung nach Transparenz innerhalb der Gesellschaft darf sich nur auf die demokratischen Organe selbst beziehen und nicht zu einer Verdrängung oder gar einer Abschaffung der Geheimnisse des Einzelnen führen. Im Gegenteil muss der Rechtsstaat die Geheimnisse seiner Bürger konsequent schützen. Vor staatlichen und vor privaten Übergriffen. Wer zum Beispiel meint, aus Sicherheitsgründen müsse der Staat seine Bürger immer mehr ihrer Geheimnisse berauben – ihre Konten einsehen, ihre Telefonate abhören, ihre Post lesen und ihre Internetkommunikation kontrollieren, der wird sich noch wundern, wohin das führen wird. Vielleicht bekommt so ein Staat vorübergehend ein paar Terroranschläge verhindert. Kann schon sein. Aber um welchen Preis?

Das Menschsein braucht Geheimnisse

Da der Mensch ohne Geheimnis nicht nur seiner Menschenwürde, sondern sogar seines Menschseins beraubt würde, hätte dieser Staat keine lange Überlebenschance. Über kurz oder lang würden die Menschen ihre Geheimnisse besser schützen, auf andere Weise kommunizieren. Und sich daran machen, das System zu zerstören, welches versucht ihnen einen elementaren Bestandteil ihrer Existenz zu rauben und sie in geheimnislose Maschinen verwandeln will. „Macht kaputt, was euch kaputt macht!“ würde schneller Realität, als die Freunde der Bürgertransparenz sich das vorstellen könnten.

Wer sich mal einen Porno angesehen hat, merkt schnell, dass pure Nacktheit nichts mit Erotik zu tun hat. Geheimnisloses maschinelles Ficken nichts mit menschlicher Sexualität. Was wäre das für ein reizloses Skatspiel, wenn alle Karten offen auf dem Tisch lägen? Was für eine öde Zaubershow, wenn der „Zauberer“ seine Tricks erklären würde? Und was für kurze Beziehungen, wenn Sie die Frage Ihres Partners, „was denkst du gerade?“, immer wahrheitsgemäß beantworten müssten.

Es gibt eine öffentliche Gier nach gnadenloser Aufdeckung von Geheimnissen. Gerade in Strafverfahren erleben wir Auswüchse, die ganz schnell zurückgedrängt werden müssen. Die Boulevardpresse will intimste Details ans Licht zerren, auch wenn der Angeklagte bis zur Verurteilung als unschuldig gilt. Wer verfolgt hat, wie der unschuldige Jörg Kachelmann unter den Nacktscanner der Republik gestellt wurde, hat erlebt, welche Folgen es hat, einen Menschen all seiner Geheimnisse zu berauben.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Rüdiger Templin, David Omand, David Brin.

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