Die professionelle Rolle des Strafverteidigers | The European

Die mit den Schweinen tanzen

Heinrich Schmitz20.08.2013Gesellschaft & Kultur

Der Strafverteidiger ist für alle im Gerichtssaal das Arschloch. Außer für einen.

8efde6f1c8.jpeg

Getty Images

„Noch so eine Frage und du kriegst was auf die Fresse!“ – ich hatte nicht etwa einen Rocker gefragt, ob er mir seine Kutte schenkt, sondern nur einen Zeugen, ob er schon einmal etwas zusammen mit dem Angeklagten und dessen Freundin unternommen habe.

Trotz der wilden Antwort blieb eine Reaktion der Vorsitzenden aus. Na ja, verständlich. Ich möchte ihr persönlich ja nichts Böses unterstellen, aber es gibt wohl viele Menschen, die nichts dagegen hätten, wenn so ein Strafverteidiger „was auf die Fresse“ bekäme.

„Wie kannst du solche Schweine vertreten?“ Das hat jeder Verteidiger schon gehört – und nicht nur von Laien. „Damit tust du dir keinen Gefallen“, hörte ich auch schon von einem wohlmeinenden Juristen. Die Antwort, „aber vielleicht der Gerechtigkeit“, quittierte er mit einem Kopfschütteln.

Vermutlich hätte selbst ein Henker mehr Sympathie zu erwarten, als ein Strafverteidiger. Der Henker macht die Welt ja besser, oder? Räumt ein paar kriminelle Schweine weg. Strafverteidiger tanzen doch mit denen.

Mit sauberen Händen

Als junger Anwalt bekam ich das Mandat eines Kleindealers. Da mich an dem Gericht noch niemand kannte, hielt ich es für ein Gebot der Höflichkeit, den Richter aufzusuchen, um mich vorzustellen. Zur Begrüßung wollte ich ihm die Hand reichen, griff aber verdutzt ins Leere, weil er seine Hände schnell hinter seinem Rücken versteckte.

Ich versuchte es mit einem Scherz und sagte ihm, dass die Hand frisch gewaschen wäre. ­Daraufhin trafen mich ein ungnädiger Blick und die Worte: „Ich gebe keinem die Hand, der solche Typen vertritt.“ Wohlgemerkt ein Richter. Nicht, dass er sich selbst als befangen abgelehnt hätte, nein, er war geradezu darauf erpicht, „solche Typen“ zu verurteilen.

Später erfuhr ich, dass seine Tochter drogenabhängig war. Menschlich verständlich, dass er Hass auf Dealer hegte. Professionell allerdings unerträglich, unreflektiert und damit nicht geeignet, den Angeklagten richtig zu be- und verurteilen. Immerhin wusste ich nun, was ich als Verteidiger an Freundlichkeiten zu erwarten hätte. Aber das war noch harmlos.

Konsequent im Recht

Irgendwann gewöhnt man sich daran, wegen des Berufs als Arschloch angesehen zu werden, Drohmails zu bekommen, im ­Internet verdächtigt zu werden auf Kinder zu stehen, weil man einen „Sexopa“ oder den „Psycho-Sextäter“ verteidigt.

Jeder Verteidiger – und die meisten Richter und Staatsanwälte – wissen, dass ein gerechtes Urteil nur möglich ist, wenn der Angeklagte konsequent verteidigt wird. Das bedeutet aber auch, dass ein Richter, der merkwürdige Sprüche macht, wegen Besorgnis der ­Befangenheit abgelehnt werden muss. Das bedeutet­ aber auch, dass Beweisanträge gestellt werden, dass die Zeugen­ und auch Opfer intensiv befragt­ werden müssen, auch wenn ihnen das nicht gefällt.

Wenn ein Prozess sich durch Verteidiger-Anträge verlängert, wird immer die Verteidigung beschuldigt, das Verfahren zu verzögern. Tatsächlich ist es aber doch so, dass ein erfolgreicher Antrag nur zeigt, dass Staatsanwaltschaft und Gericht vorher etwas übersehen haben. Warum richtet sich der Verzögerungsvorwuf dann nicht gegen die?

Das Arschloch an Ihrer Seite

Wenn ich jetzt verrate, dass es mir und meinen Kollegen sogar Freude macht, Angeklagten beizustehen, sie vor menschenunwürdiger Behandlung zu schützen, wackelige Anklagen zu zerlegen und lügenden Zeugen ihre Lügen nachzuweisen. Dass es Spaß macht, undichte Stellen­ in einer Indizienkette aufzudecken, Vorurteile zu widerlegen und vermeintlich sichere Beweise zu entkräften, wird das vermutlich manchen in seiner Einschätzung „Arschloch“ bestärken.

Aber glauben Sie mir, wenn Sie der Angeklagte sind – und das kann schneller gehen, als Sie meinen – werden Sie froh sein, wenn so ein „Arschloch“ an Ihrer Seite ist.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Krieg sorgt pro deutschem Haushalt für 242 Euro Mehrkosten im Monat

Der Ukraine-Krieg führt zu steigenden Energie- und Lebensmittelpreisen und heizt die ohnehin hohe Inflation weiter an. Die Preissteigerungen belasten insbesondere Menschen mit geringem Einkommen. Bei Fleisch und Süßigkeiten wird jetzt gespart. Eine Marktanalyse von PWC liefert verblüffende Einbl

„Brutal toxisch“ – Anleger grausen sich vor Steuer für Kriegsgewinnler

Sollen Mineralölkonzerne, die Milliardengewinne durch die Folgen des Krieges einfahren, mit einer Sondersteuer belegt werden? Sollen auch gutverdienende Rüstungsfirmen höhere Steuern zahlen? In Deutschland sind Linke und Grüne dafür. In anderen Ländern haben auch konservative Regierungen die

1000 gefallene Soldaten pro Kilometer Land-Eroberung

Die russische Offensive im Donbas kommt nur langsam voran. Die Verluste sind gewaltig. Rund um Charkiw gelingt den Ukrainern die Rückeroberung von einzelnen Dörfern. Russische Truppen werden jenseits der Artilleriereichweite zurückgedrängt.

Dieser Mann muss den Krieg verhindern

Die Nato bekommt einen neuen Oberbefehlshaber: Christopher Cavoli hat die gefährlichste Aufgabe der Welt: Der US-General muss die Ostflanke der Nato sichern und die Waffen und Munition für die Ukraine organisieren. Dabei darf er die Nato nicht in einen Krieg führen. Der in Deutschland geborene Of

Wie die Deutschen ticken: Unerwünschte Koalitionen straft der Wähler ab

Wenn am Sonntag um 18:00 Uhr die Wahllokale in Nordrhein-Westfalen schließen und die ersten Prognosen und später Hochrechnungen veröffentlicht werden, weiß man, was die einzelnen Parteien im Vergleich zur letzten Wahl gewonnen bzw. verloren haben. Aber erkennt man daraus den wirklichen Wählerwu

An der Ukraine entscheidet sich das westliche Bündnis.

Deutschland befindet sich an einem Scheideweg. Aber das teilt es mit anderen Partnern. Der russische Krieg gegen die Ukraine hat das jahrzehntelange Denken nicht nur über Russland, sondern auch über die Rolle Deutschlands bei der Gewährleistung von Frieden und Sicherheit in Europa auf den Kopf g

Mobile Sliding Menu