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Echt aufgeklärt

Debatten um den Islam sorgen bei Eiferern für Schaum vor dem Mund. Heiko Heinisch und Nina Scholz halten mit ihrem Buch Europa, Menschenrechte und Islam ein Taschentuch für sie bereit.

Wir alle kennen diese hochemotionalen Diskussionen. Ob in TV-Talkshows oder in sozialen Netzwerken, etwa auf der Facebook-Seite von Ruprecht Polenz, dem Vorsitzenden des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag, ob auf Schulhöfen oder an Stammtischen – sobald der Begriff Islam fällt, geht es ganz schnell hoch her.

Statt einer offenen und weiterführenden Diskussion, einem Austausch von Argumenten, einem respektvollen Umgang miteinander, fliegen nur noch Begriffe wie Islamismus, Terrorismus, Dschihad, Kopftuch, Invasion, Untergang des Abendlandes, Rassismus und böse Blicke durch die Gegend. Aus Maischberger wird Kreischberger, aus Jauch wird Jauche, aus Anne Will wird Anne will weg, wenn dieses Geschrei losgeht. Der Schaum steht vor dem Mund, der Verstand oft still.

Kaum ein Thema wird so emotionsgeladen diskutiert wie die Frage, welchen Einfluss der stetige Zuzug von Muslimen auf Europa hat und wie mit der Zunahme von Menschen islamischer Glaubensrichtung in den europäischen Demokratien umgegangen werden kann und sollte. Sowohl die Hass- als auch die Hessprediger nutzen dieses Thema mit Lust, um ihre jeweiligen Anhänger aufzuputschen. Wenn es dann irgendwo mal wieder knallt, ist der Ruf nach einem starken Staat, nach Überwachung, Ausweisung und einer Einschränkung der Rechte auf Meinungsfreiheit nicht weit. Dass man mit der Thematik auch richtig Kohle machen kann, wenn man den populistischen Bedarf wohlfeil bedient, hat Thilo Sarrazin eindrucksvoll bewiesen.

Taktische Verwendung von Schlagworten

Dass es auch anders geht, beweisen Heiko Heinisch und Nina Scholz mit ihrem bereits 2012 erschienenen Buch „Europa, Menschenrechte und Islam – ein Kulturkampf?“.

„In einer pluralen, demokratischen und säkularen Gesellschaft gibt es keine absoluten Wahrheiten. Diese Diskursivität ist ein wichtiges Kennzeichen der europäischen Geistes- und Kulturgeschichte. Deshalb haben wir für dieses Magazin den Namen The European gewählt. Besonders die Meinungsfreiheit ist eine Grundlage freiheitlicher Gesellschaften. Ohne sie gibt es keine Freiheit der Presse, der Wissenschaft und der Kunst. The European ist dem Menschenrecht auf freie Meinung deshalb besonders verpflichtet“ – so heißt es unter „Debattenkultur“ bei The European. Das könnten auch die Leitsätze dieses Buches sein.

In unaufgeregter Weise gehen die Politologin Scholz und der Historiker Heinisch in 16 Kapiteln den historischen und philosophischen Grundlagen von 16 in der Diskussion stets bemühten Begriffen nach:

Islamophobie, Multikulturalismus, Toleranz, Meinungsfreiheit, Bilderverbot, Karikaturenstreit, Dissidenten, Judenfeindschaft, Integration, Religionsfreiheit, Kopftuch, Ehre und Gewalt, Dschihad, Kreuzzüge, Scharia und Menschenrechte, heißen die einzelnen Themen, die jeweils für sich abgeschlossen dargestellt werden und da wo dies notwendig ist, zur Vermeidung unnützer Wiederholungen, aufeinander verweisen.

Gerade über die gründlich belegten historischen Hintergründe entlarven die Autoren die oftmals taktische Verwendung einzelner Begriffe in der aktuellen Auseinandersetzung, deren Ursprung sie letztlich bei allen behandelten Begriffen in einem zwangsläufigen Konflikt zwischen kollektivistischer und individualistischer Ideenwelt erkennen.

Beeindruckend weit ausholend wird zum Beispiel die Entwicklung der Menschenrechte von Augustinus, Thomas von Aquin, Kant, Vasquez de Menchaca, Althusius, Grotius, von Pufendorf, über die Entwicklung der Stadtrechte, der englischen Freiheitsrechte bis hin zur Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte dargestellt.

Auch wenn das für Interessierte natürlich alles nichts Neues sein sollte, so ist es doch eine sehr gut lesbare Aufarbeitung der langsamen aber kontinuierlichen Entwicklung des Begriffs der Menschenwürde und der daraus resultierenden Folgen für den Aufbau eines demokratischen Rechtsstaates nach westlicher Prägung. Dabei werden auch Rückschläge und Auswüchse – etwa in Folge der Französischen Revolution – auf diesem Weg nicht unterschlagen.

Verteidigung der Aufklärung

Der Vergleich mit der Entwicklung beziehungsweise Nichtentwicklung von entsprechenden individuellen Freiheitsrechten in der islamischen Welt, aber auch in anderen, eher am unantastbaren Wert des Kollektivs als am unantastbaren Wert des einzelnen Menschen orientierten Staatsformen, erleichtert zum einen das Verständnis für manche aus europäischer Sicht schwer nachvollziehbare Verhaltensweisen von Zuwanderern, verdeutlicht aber zum anderen, dass Integration von muslimischen Einwanderern nicht dadurch möglich ist, dass bestimmte, mit den individuellen Menschenrechten unvereinbare kulturelle Normen in Form eines nicht zu Ende gedachten, gutgemeinten Multikulturalismus kommentarlos hingenommen oder gar gefördert werden.

Die von den Autoren daraus gezogenen Schlüsse zu konkreten Fragen, wie zum Beispiel dem Tragen von Kopftüchern durch muslimische Schülerinnen, mag man auch anders als diese beantworten können. Ihre Argumentation folgt aber in allen Fällen einem logischen Gedankengang und ist weder rassistisch noch religionsfeindlich.

Dieses Buch sollte eine Pflichtlektüre für jeden werden, der sich mit der Thematik der Integration und ihren Möglichkeiten sowie den damit zusammenhängenden Problemen auseinandersetzt. Jeder Politiker sollte sich diesen mit Genuss zu lesenden Überblick über die historische und philosophische Basis unseres Werte- und Rechtssystems und die Unterschiede zu islamischen, schariaorienterten Systemen nicht entgehen lassen. Es wäre zu wünschen, dass auch Talkshow-Moderatoren einmal einen Blick in das ein oder andere Kapitel werfen würden, bevor sie sich mit den von ihren Redaktionen zusammengecasteten Polemikern zu diesen Themen in den Ring wagen.

Die Autoren verteidigen mit überzeugenden Begründungen die rechtsstaatlichen Ergebnisse der Aufklärung, zeigen aber auch, dass ein kompromissloses Festhalten an den unveräußerlichen Menschenrechten weder eine wohlverstandene Integration von gläubigen Muslimen verhindert noch eine Einschränkung der individuellen Religionsfreiheit von Gläubigen bedeutet, wohl aber eine Zurückweisung von zwangsweisen, menschenrechtswidrigen Einschränkungen der Individualrechte durch von Kollektiven erzwungene Sonderrechte für ihre Mitglieder.

Dass diese Sichtweise bei Extremisten und Kollektivisten aller Art wohl auf wenig Gegenliebe stoßen wird, sollte keinen Vernünftigen davon abhalten, dieses Buch zu lesen. Heinisch und Scholz erteilen jeglicher Form von Extremismus und Rassismus eine deutliche, wohlbegründete Absage.

Schade, dass dem Buch ein Register fehlt, das hilfreich wäre, um die ein oder andere Stelle beim Nachschlagen schneller zu finden. Vielleicht sollte das in der nächsten Auflage, die dem Buch zu gönnen wäre, ergänzt werden. Dafür sind aber die verwendeten Quellen vollständig dokumentiert.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Heinrich Schmitz: Keine Macht dem Mob

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