Die verkaufte Demokratie

Heinrich Schmitz10.04.2015Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Deutschland hat sich von einer Werte- zu einer Wertpapiergesellschaft entwickelt. Christian Nürnbergers Buch ist eine lesenswerte Anleitung zum Gegensteuern.

Ein bisschen enttäuscht war ich schon, als ich Christian Nürnbergers Buch “„Die verkaufte Demokratie: Wie unser Land dem Geld geopfert wird“”:http://www.randomhouse.de/Buch/Die-verkaufte-Demokratie-Wie-unser-Land-dem-Geld-geopfert-wird/Christian-Nuernberger/e479238.rhd auch auf der Seite von Amazon fand. Schade, dachte ich, so ein schönes Plädoyer gegen die Macht der Großkonzerne, die mit ihren Internetaktivitäten schon fast alle kleinen, gemütlichen Buchhandlungen vom Markt gefegt haben – und dann das?

Nürnbergers Buch besteht aus zwei Teilen, man könnte auch sagen, es sind zwei Bücher.

In Teil A „Dieses Land war mein Land“ wird in 14 Kapiteln die Entwicklung der Bundesrepublik von der sozialen Marktwirtschaft bis zur aktuellen „Machtwirtschaft“, von einer Werte- zu einer Wertpapiergesellschaft, dargestellt und anhand vieler Beispiele belegt.

Ohnmacht gegenüber der Marktmacht

Und ja, Menschen meiner Generation können sich in der Tat noch daran erinnern, dass Regieren einmal mehr war als kurzfristiges Reagieren auf irgendwelche Krisen. Dass es auch in der Bevölkerung einmal politisches Interesse an Parteiprogrammen gab, die sich inhaltlich unterschieden. Dass es erkennbare Unterschiede zwischen den einzelnen Parteien gab und jede einen Kernbereich hatte, der ihre Identität widerspiegelte. Dass es Debatten gab, die den Namen verdienten. Aber keine Angst. Nürnberger klingt nicht nach „Opa erzählt von der guten alten Zeit“. Er verleugnet keineswegs die ursprünglich positive Einkommensentwicklung für große Bevölkerungsschichten, oder die Reduzierung von Arbeitszeiten.

Aber er verschließt auch nicht die Augen vor einer zunehmenden Ohnmacht der eigentlich für die Lebensverhältnisse zuständigen Politik vor der gewaltigen Marktmacht global agierender Unternehmen, die zwar überall auf der Welt rund um die Uhr ihre gewinnträchtigen Geschäfte abwickeln, sich aber mit allen legalen und illegalen – weil ihnen letztlich scheißegalen – Mitteln darum drücken, Steuern zu zahlen. Die dadurch entstehenden Einnahmeausfälle der Staaten muss dann der kleine Mann zusätzlich tragen.

Werbung für Boykott

Er verschließt auch nicht die Augen vor den Großmeistern des Big Data. Die exponentiell steigende Datensammelwut der fürchterlichen Vier, Apple, Google, Facebook und Amazon und deren perspektivische Auswirkung auf die Persönlichkeitsrechte des Einzelnen und die schrumpfenden Regulierungsmöglichkeit des Gesetzgebers.

Nürnbergers Analyse ist gnadenlos, aber nicht knochentrocken. Es wäre ja auch übel, wenn ein erfahrener Journalist und Autor dieses unerfreuliche Szenario nicht erfreulich verarbeiten könnte. Den ersten Teil des Buches habe ich mit großem Vergnügen gelesen. Trotz der unausweichlich scheinenden Perspektive für die Zukunft der Demokratie.

Und Nürnberger ist nicht nur ein genauer Analytiker der unheilbringenden Entwicklung, er versucht auch im „Hol Dir Dein Land zurück“ überschriebenen 2. Teil des Buches, Wege zu beschreiben, die diese Entwicklung stoppen und eine menschlichere Zukunft begründen könnten.

Zu einem Erstaunen kamen da nun aber nicht der großen, globalen Bedrohung entsprechende große politische Forderungen, sondern vielmehr eine Vielzahl kleiner Ideen. Das geht von einer stufenweisen Abkehr von der Massentierhaltung durch kleine, lokale Projekte, wie die Förderung von ortsnaher und natürlicher Nahrungsproduktion, über individuelle Boykottmaßnahmen, z.B. von Amazon. Es werden ganz konkrete Menschen und ihre Ideen vorgestellt. Mit Namen und Homepage. Klingt nach Werbung und ist es auch. Und nach kurzer Irritation merkt man auch, dass genau diese Werbung erforderlich ist, um den milliardenschweren Großkonzernen und ihrer nahezu unerträglichen Marktbeherrschung überhaupt etwas entgegenzusetzen. Außer einigen sichereren Kurznachrichtendiensten, die gegen Whatsapp ins Feld geführt wurden, kannte ich keines dieser kleinen Unternehmen. Nun bin ich froh, dass ich sie kennengelernt habe.

Lokale Vernetzung, weltweite Bewegung

Nicht nur auf ein anderes kleinteiligeres Wirtschaften setzt Nürnberger, sondern auch auf kleine, von Bürgern initiierte soziale Aktionen, wie z.B. die “Biografiegespräche von Axel Schmidt-Gödelitz”:http://gut-goedelitz.de/ oder die Idee eines Buchhändlers, Otto Stender, dem es mit frappierend einfachen Mitteln gelang, Menschen dazu zu bewegen, als Lesementoren für Kinder mit entsprechenden Schwächen, “nebenher zu bewirken, dass die Jugendkriminalität in Hannover derart sank, dass sogar Kriminologen sich dafür interessierten”:http://www.mentor-leselernhelfer.de/.

Gerade die Beschränkung auf die Dinge, die jeder Bürger, ohne großen zeitlichen und finanziellen Aufwand, sofort ändern könnte, um seine verlorengegangene Autonomie stückweise zurückzugewinnen, überzeugt. Nürnberger unternimmt erst gar nicht den Versuch, mit einer großen politischen Idee auf einen Schlag die Welt zu retten. Er zeigt, wie man mit lokal beginnenden Initiativen über eine weltweite Vernetzung zu einer weltweiten Bürgerbewegung kommen kann, die Basis für eine Rückgewinnung einer am Bürger orientierten demokratischen, gerechten und sozialen Gesellschaft kommen kann. Wer meint, dass wäre alles etwas idealistisch, das könne ja gar nicht funktionieren, der ist vielleicht zu pessimistisch. Man kann es auf jeden Fall versuchen.
Die im Buch ebenfalls erwähnten PEGIDAs, werden als Sarrazin-Verseuchte kaum glauben, dass Veränderung ohne Hass und Ausgrenzung funktionieren kann. Das ist für die Gutmenschen-Larifari. Aber die sind ja nicht maßgeblich und schon gar nicht das Volk. Mich würde es freuen, wenn viele Menschen das Buch lesen und vielleicht eine kleine Verhaltensänderung daraus gewinnen könnten.

Nürnberger beginnt sein Buch mit einer Erinnerung an „This Land is my land“. Ich möchte meine Leseempfehlung für dieses Buch mit der Hoffnung beenden, John Lennon könnte doch einfach auch mal recht bekommen.

bq. You may say I’m a dreamer
But I’m not the only one
I hope someday you’ll join us
And the world will be as one

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