Nostradamus hat nie den Weltuntergang prophezeit

Heinrich Dubel29.12.2009Gesellschaft & Kultur, Medien, Politik, Wirtschaft, Wissenschaft

Nostradamus machte sich das Almanachgeschäft zum Hauptberuf. Viel von Astrologie verstand er jedoch nicht.

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Michel de Nostredame war ein apothicaire, ein Produzent von Pharmazeutika, Kosmetik und Konfitüren, der im 16. Jahrhundert in Frankreich lebte. Ein Medizinstudium an der Universität Montpellier musste er vorzeitig beenden, nachdem bekannt geworden war, dass er bereits ausgebildeter Apotheker war. Dieser Beruf galt als Handwerk, und Handwerker durften nicht studieren. Nach Reisen (Italien) und Schicksalsschlägen (seine erste Frau und die beiden Kinder aus dieser Ehe starben an der Pest) wendet sich Michel dem Okkultismus und der Astrologie zu. Als “Nostradamus” veröffentlicht er im Jahr 1550 seinen ersten Almanach. Almanache sind Jahrbücher, die den Lauf der Gestirne für das entsprechende Jahr abbilden, dazu Bauernweisheiten, Gedichte und Nachrichten über Feste, Messen, Märkte und Münzplätze. Sein erster Almanach ist recht erfolgreich, worauf Nostradamus das Almanachgeschäft zu seinem Hauptberuf macht. Den Adel und andere Prominente verlangt es nach Horoskopen und “geistigen” Ratschlägen, Nostradamus schreibt bald mehrere Bücher pro Jahr. Im Gegensatz zu “professionellen” Astrologen ermittelt er Horoskope kaum selbst. In den wenigen Fällen, in denen er dies tut, macht er eine Menge Fehler, was nicht weiter auffällt, haben doch seine Kunden noch weniger Ahnung als er. Im Gegensatz zur landläufigen Meinung bedient sich Nostradamus auch nicht der zeitgenössischen Methoden zur Zukunftsschau. Er fällt nicht in Trance und starrt nicht ins Feuer, um Information zu gewinnen. Stattdessen paraphrasiert er ausgiebig ältere okkulte und philosophische Werke. Mit der Obrigkeit korrespondierend lehnt er es denn auch ab, “Prophet” genannt zu werden. Auch übernimmt er ausdrücklich keine Garantie für die Richtigkeit seiner Vorhersagen, die er als Warnungen verstanden wissen will.

Nostradamus übernimmt keine Garantie für die Richtigkeit seiner Vorhersagen

Dennoch betitelt er ein 1555 geschriebenes Buch “Les Propheties” – “Die Prophezeiungen”. Für dieses Werk ist er bis heute bekannt. Es sollte aus tausend vierzeiligen Versen bestehen, hauptsächlich geschrieben in Französisch, mit Beimischungen von Italienisch, Griechisch und Latein, bewusst vage gehalten, voller Wortspiele und ohne genaue Angaben zeitlicher Bezüge. Aufgrund von Problemen publizistischer Natur (sein Verleger weigert sich, die von Nostradamus vorgesehene Aufteilung der Gesamtausgabe nachzuvollziehen) sind jedoch etliche Vierzeiler nie veröffentlich worden. Nostradamus’ Verse finden keine ungeteilte Zustimmung. Viele seiner Zeitgenossen halten ihn für einen Diener des Bösen, einen Fälscher oder schlicht für verrückt. Doch er hat Fans in hohen Positionen, allen voran Caterina de’ Medici, die Gemahlin des französischen Königs Henry II.

Nostradamus’ Verse können auf alle nur erdenklichen Ereignisse angewendet werden.

Die Texte, bereits im Original uneindeutig, werden durch diverse Übersetzungen immer beliebiger und können bald auf alle nur erdenklichen Ereignisse angewendet werden, vom Ausbruch des Krakatau im Jahr 1883 bis zur Zerstörung des World Trade Centers im Jahr 2001. Selbst Vertreter der “These”, es handele sich um “echte” Prophezeiungen, mithin also Nostradamus-Gläubige, sind niemals in der Lage, die Verse im Voraus anzuwenden, ordnen sie stattdessen nachträglich irgendeinem Geschehen zu. Einen Vers, der sich auf einen weltbeendenden Event im Jahr 2012 bezieht, gibt es nicht. Gäbe es einen, würde der schon dadurch ad absurdum geführt, dass sich andere “Vorhersagen” des Nostradamus auf einen Zeitraum bis weit nach 2012 erstrecken. Dieses Dilemma kann nicht einmal mit der verqueren “Logik” eines Gläubigen erklärt werden.

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