Debatte geht anders

Heiko Heinisch22.05.2015Gesellschaft & Kultur, Wissenschaft

Weil Debatten niemals enden, endet auch diese nicht. Noch einmal zum Thema Orient und Okzident, wer hat wem was zu verdanken?

The European definiert sich schon im Untertitel ausdrücklich als Debattenmagazin, und so ist es zu begrüßen, dass Muhammad Sameer Murtaza auf “meinen Einwand”:http://www.theeuropean.de/heiko-heinisch/9989-was-der-islam-europa-gebracht-hat-und-was-nicht gegen “seinen Artikel”:http://www.theeuropean.de/muhammad-sameer-murtaza/9951-europas-tausendjaehrige-verbindung-zum-islam mit einer “Erwiderung”:http://www.theeuropean.de/muhammad-sameer-murtaza/10095-abend-und-morgenland-untrennbare-welten reagiert. Eine Debatte zeichnet sich dadurch aus, dass verschiedene Seiten ihre Argumente vortragen und versuchen, die des Gegners zu widerlegen, um Leserinnen und Leser – eventuell auch den Gegner – von den eigenen Thesen zu überzeugen. Aber anstatt in diesem Sinne auf die vorgetragenen Argumente einzugehen, verlegt sich Murtaza leider darauf, mir Aussagen zu unterstellen und andere sinnentstellend aus dem Zusammenhang zu reißen, nur um diese dann widerlegen zu können. Ganz nebenbei nimmt er seine bereits kritisierte Apologetik von Neuem auf. Debatte geht anders.

Leere Behauptungen sind keine konstruktive Kritik

Schon im ersten Satz unterstellt Murtaza, mein Artikel wolle eine Minderwertigkeit des Islam festschreiben, würde ich doch behaupten, die „seit mehr als 1000 Jahren andauernde Anwesenheit der Muslime in Europa habe überhaupt keine Rolle auf dessen Entwicklung gehabt“. Ewas weiter unten schreibt er, ich würde den Einfluss muslimischer Religionsgelehrter und Philosophen unterschlagen und den Muslimen lediglich den Transfer griechischer Schriften und griechischen Wissens zugestehen. Dass er diese Behauptungen nicht durch entsprechende Zitate untermauern kann, liegt daran, dass sich derlei Ausführungen in meinem Text nicht finden lassen. An keiner Stelle leugne ich die Leistungen arabischer und persischer Denker, Philosophen und Wissenschaftler, und an keiner Stelle schreibe ich, diese hätten nur Wissen transferiert. Im Gegenteil.

Die Rolle ibn Rushds als maßgeblicher Kommentator der Werke Aristoteles’, seinen Einfluss auf die Scholastik und damit auf die Aufklärung hebe ich dezidiert hervor. Man könnte noch präzisieren, dass ibn Rushd von den Scholastikern meist in Anlehnung an die Bezeichnung der Philosoph für Aristoteles schlicht der Kommentator genannt, also mit größter Hochachtung bedacht wurde.

Murtaza weiß auch, dass die muslimischen Eroberungen von mir nicht erwähnt wurden, um von den Kreuzzügen abzulenken, sondern einzig, weil er die Kreuzzüge zum ersten „weniger friedlichen Wissenstransfer“ zwischen Christen und Muslimen erklärt – womit er die Jahrhunderte islamischer Eroberungen, die ihnen vorausgingen, einfach unterschlägt.

Islamische Wissensvermittlung – die Befreiung Europas?

Seine Erwiderung baut im Grunde darauf auf, etwas zu beweisen, was ich gar nicht bestritten habe: dass es in islamischen Reichen Phasen großer wissenschaftlicher Leistungen gab, dass Europa davon profitierte und dass über diesen Weg griechisches Wissen nach Europa gelangte. Das war – so schrieb ich – einer von drei Wegen des Wissenstransfers.

An keiner Stelle behaupte ich, wie Murtaza mir unterschiebt, dieser Weg sei der unbedeutendste gewesen. In meinem Text heißt es respektive: „Für die Renaissance in Italien war [er] vermutlich nicht einmal der maßgebliche.“ „Für die Renaissance in Italien“ ist eine eindeutige zeitliche wie räumliche Einschränkung, und „vermutlich nicht einmal der maßgebliche“ ist gewiss nicht gleichzusetzen mit „der unbedeutendste“. Das Problem ist, dass Murtaza die islamische Wissensvermittlung gerne als einzigen Weg gesehen haben möchte, als DEN Weg, dem Europa seine gesamte Entwicklung seit dem Mittelalter zu verdanken hat.

Dieser seiner Kernthese war meine Replik geschuldet; sie zu widerlegen das Thema meines Artikels – Widerlegung aber nicht, wie Murtaza unterstellt, indem ich den Einfluss muslimischer Denker leugne, sondern indem ich die anderen Wege aufzeige, auf denen antikes Wissen nach Europa gelangte.

Nicht alle Errungenschaften stammen aus dem Orient

Diese anderen Wege finden bei Murtaza keinerlei Erwähnung. Stattdessen führt er seine These in immer neuen Details aus. Dabei erinnert er zeitweise an den griechischen Vater im Film „My Big Fat Greek Wedding“, der seinem Schwiegersohn in spe zu „beweisen“ versucht, dass alle wichtigen Worte des Englischen einen griechischen Ursprung hätten. Folgt man Murtaza, dann haben wir auf nahezu allen Gebieten die größten Errungenschaften den Arabern zu verdanken: in der Mathematik, der Physik, Chemie und Medizin. „Algebra, Geometrie und insbesondere Trigonometrie waren im Wesentlichen rein arabische Errungenschaften“, schreibt er.

Um es noc hmal zu verdeutlichen: Es soll hier nicht bestritten werden, dass arabische Wissenschaftler auf all diesen Gebieten große und bleibende Leistungen vollbracht haben – aber weder haben wir sie ihnen alleine zu verdanken, noch sind sie die Begründer dieser Wissenschaften. Zwar stammt das Wort Algebra aus dem Arabischen, aber daraus lässt sich nicht der Schluss ziehen, die Algebra sei von Arabern erfunden worden.

Das erste Lehrbuch der Algebra stammt vom Griechen Diophant von Alexandrien (bei dem sich die Wissenschaft nicht einig ist, wann zwischen 100 v.Chr. und 350 n.Chr. er geboren wurde), ein weiteres vom indischen Mathematiker Aryabhata aus dem 5. Jh. Die ersten Grundlagen der Geometrie wiederum – eine der ältesten Wissenschaften – finden wir bereits bei Ausgrabungen aus prähistorischer Zeit. Schon die Babylonier und Ägypter nutzten sie zur Konstruktion ihrer Bauwerke und die Griechen schließlich formten sie mit der Entwicklung allgemeingültiger Beweise (der Satz des Pythagoras etwa oder die gesamte Euklidische Geometrie) zu einer „modernen“ Wissenschaft.

Auch der Hellenismus ist kein allgemeingültiges Patent

Arabische Wissenschaftler haben viel zur Weiterentwicklung der Trigonometrie, eines Teilgebietes der Geometrie, beigetragen, etwa im Bereich des Umgangs mit Kugeldreiecken, was vor allem für die Berechnung von Flächen und Entfernungen auf der Erdoberfläche von großer Bedeutung ist – aber erfunden haben sie auch die Trigonometrie keinesfalls. Ohne sie hätte Eratosthenes kaum Erdumfang und -radius berechnen können und Aristarchos von Samos nutzte trigonometrische Kenntnisse zur Berechnung der Entfernungsverhältnisse zwischen Erde, Sonne und Mond. Das schmälert nicht die Leistungen der Wissenschaftler in späteren islamischen Reichen, sondern gliedert sie ein in den Verlauf der Wissenschaftsgeschichte, die sich als eine Geschichte der Weiterentwicklung und Weitergabe darstellt. Vieles, was heute als griechisch gilt, ist, forscht man genauer nach, in seinen Grundzügen bereits im alten Babylon, in Ägypten oder bei den Persern vorhanden.

Wenn Murtaza schreibt, „dass der Aristoteles, den man in Europa im Mittelalter zu lesen bekam, nicht der griechische war, sondern die östliche korrigierte Version von ihm“, so stimmt das nur zum Teil. Neben den Übersetzungen aus dem Arabischen hat es schon früh lateinische Direktübersetzungen gegeben. Mit die ersten Übersetzungen einzelner Werke des Aristoteles stammen von Boethius aus dem frühen 6. Jahrhundert, die Kategorien etwa. Um es noch einmal zu betonen: Der direkte Kontakt zwischen der lateinischen und der griechischen Welt war nie zur Gänze abgebrochen, zwischen 685 und 752 gab es eine ganze Reihe griechischer und syrischer Päpste und in Rom fanden sich bis ins 9. Jahrhundert etliche griechische Klöster.

Die Geschichte kennt kein Tabula rasa

Nur an einer Stelle geht Murtaza tatsächlich auf den von ihm kritisierten Text ein. Er stört sich an meiner Frage, was der Wissenschaft und Philosophie, von der er schreibt, denn das Prädikat „islamisch“ verleihe – und holt zum großen Wurf aus, der jedoch wieder nur in die Apologetik führt. Es sei, so Murtaza, alleine dem Islam zu verdanken, dass die antike Welt überwunden wurde, dem Christentum habe hierzu die Stärke gefehlt. Im Gegensatz zum Christentum habe Muhammad eine gänzlich neue Realität geschaffen und damit den Fortgang der Geschichte verändert, „indem er das Alte ablöste, Tabula rasa, und auf die leeren Tafeln das Neue, den Islam schrieb“.

Was soll man dazu sagen? An dieser Stelle ging der Glaube wohl endgültig mit dem Wissenschaftler durch.
Die Geschichte kennt kein Tabula rasa. Keine Religion ist jemals in kulturfreien Räumen entstanden. Und wenn sie sich ausbreitet (unabhängig davon, ob diese Ausbreitung friedlich oder gewaltsam erfolgt), breitet sie sich auch nicht in kulturfreie Räume aus. Überall ist sie mit Menschen und ihrer jeweiligen Kultur, ihren Traditionen und Bräuchen konfrontiert. Bereits Vorhandenes wird nicht einfach hinweggefegt und durch Neues ersetzt, es kommt vielmehr zu einem langwierigen Prozess der gegenseitigen Beeinflussung, der Verschmelzung von Altem und Neuem. Vorhandene Traditionen und Bräuche werden in diesem Prozess umgeformt, überformt und nach und nach in die neue Religion integriert.

Neues baut immer auf Altem auf

Dieser Prozess lässt sich bei allen großen Religionen im Rahmen ihrer Ausbreitung nachweisen, angefangen bei Kultplätzen, die meist nicht zerstört, sondern überbaut und dem neuen Kult geweiht werden. Das kann man unter anderem an der Kaaba in Mekka sehen, die weit älter ist als der Islam; bis hin zu Feiertagen, die nicht verworfen, sondern im Sinne des neuen Glaubens neu gedeutet werden. Das Neue, und sei es auch noch so revolutionär, baut immer auf dem bereits Vorhandenen auf, es gestaltet keine leer geräumte Tafel neu, sondern einen bereits besetzten und gefüllten Raum. Diesen Vorgang anhand des Islam näher auszuführen, würde mehr als diese Kolumne füllen.
Unbestritten ist, dass mit der Ausbreitung des Islam ein riesiger kultureller Raum unter einer Religion geschaffen wurde und ebenso unbestritten ist, dass damit ein Aufschwung auf dem Gebiet der Wissenschaften und der Philosophie einherging. Und es lässt sich auch kaum bezweifeln, dass viele der Denker in diesem Raum ihr Denken auf der Religion begründeten. Gleiches gilt allerdings auch für die Denker im christlichen Europa.

Auch ein Kopernikus bezog den Impuls zu seiner Erforschung des Universums aus seinem Glauben, auch er betrachtete es als göttlichen Auftrag, Gottes Schöpfung mittels der von Gott gegebenen Vernunft zu ergründen. Dennoch bezeichnen wir seine Wissenschaft nicht als christliche Wissenschaft. Nicht einmal die mittelalterliche Scholastik, die sich unmittelbar aus dem theologischen Denken entwickelte, firmiert unter dem Begriff „christliche Philosophie“ – warum also sollten wir von einer islamischen Wissenschaft und einer islamischen Philosophie sprechen?
Wenn es tatsächlich allein dem Islam zu verdanken gewesen wäre, dass in islamischen Reichen Wissenschaften und Philosophie erblühten, dann stünde Murtaza vor einem gewaltigen Problem: Er müsste nämlich erklären, warum es ab dem 12. Jahrhundert zum Niedergang von Wissenschaft und Philosophie auf islamischem Gebiet kam und warum es immer wieder ausgerechnet Religionsgelehrte waren, die versuchten, Philosophie und Wissenschaften zu unterbinden – im Islam nicht anders als im Christentum.

Gottgegebener Verstand vom Glauben unterdrückt

Der Glaube mag viele dazu angestachelt haben, sich zu bilden, Wissen zu erwerben und zu forschen, aber der Glaube hat noch mehr dazu aufgestachelt, genau das zu verhindern. Und so erwies sich gerade das religiöse Establishment immer wieder als ein Hemmschuh auf der Suche nach wissenschaftlicher Erkenntnis – im Osten wie im Westen.
In einem aber kann Murtaza beruhigt sein: Auf Ausstellungen, „die den Einfluss des Islam auf Europa behandeln“, muss er keine 100 oder 150 Jahre warten. Er braucht nur nach Brüssel zu fahren und sich im BOZAR die schöne aktuelle Ausstellung “„THE SULTAN’S WORLD The Ottoman Orient in Renaissance Art“”:http://www.bozar.be/activity.php?id=11618&selectiondate=2015-05-10&lng=en ansehen.

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