Wortgefechte um „Krieg“ und „Frieden“

von Heiko Girnth23.09.2009Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Medien, Wirtschaft, Wissenschaft

Die Bundesregierung will in Afghanistan nicht von einem „Krieg“ sprechen, sondern von „Friedenseinsatz“, „Stabilisierungseinsatz“ oder „Mission“. Diese Worte sollen den Einsatz legitimieren. Bloß nicht an Opfer, Tod und Grausamkeit denken. Doch seit Franz Josef Jung bei einer Trauerfeier von “gefallenen” Soldaten gesprochen hat, steht die Regierung vor einem Dilemma.

Ist die Bezeichnung “Krieg” für den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan angemessen oder ist sie das nicht? Diese Frage stellte Infratest dimap im Auftrag der ARD-Tagesthemen im Juli 2009 im Rahmen einer Umfrage zur politischen Stimmung in der Bundesrepublik. Laut dieser Umfrage halten 58 Prozent der Befragten die Bezeichnung “Krieg” für angemessen, 39 Prozent der Befragten halten sie für nicht angemessen. Was manchem als semantische Spitzfindigkeit erscheinen mag, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als eindrucksvolles Beispiel für den in der politischen Kommunikation zentralen Kampf um Wörter. Es geht um einen Sachverhalt der Wirklichkeit, den man neutral als “Einsatz deutscher Soldaten in Afghanistan” bezeichnen könnte. Dabei stellen sich aus semantischer Sicht vor allem zwei Fragen: Gibt es Bezeichnungsalternativen und existieren möglicherweise unterschiedliche Auffassungen von der Bedeutung eines Wortes? Die erste Frage zielt auf das Problem der Bezeichnungskonkurrenz, die zweite Frage auf das Problem der Bedeutungskonkurrenz. Zunächst zur Bezeichnungskonkurrenz: In der Sprache der Politik kommt Bezeichnungskonkurrenzen eine herausragende Funktion zu. Sie sind ein zentrales Mittel der politischen Auseinandersetzung, da hier unterschiedlichste Interessen artikuliert werden und in einem einzigen Wort komplexe Argumentationsmuster kondensiert werden können. Für die politischen Akteure geht es darum, mithilfe von Wörtern Deutungshoheit zu erlangen und ihre Sicht auf die Welt durchzusetzen.

Das Wort bildet die Wirklichkeit

Sprache strukturiert die Welt, sie prägt unser Denken. Das Wort bildet die Wirklichkeit nicht unmittelbar eins zu eins ab, sondern immer nur ideologisch gebrochen. Beispiele für Bezeichnungskonkurrenzen dieser Art gibt es in den unterschiedlichsten Lebensbereichen. Immer haben sie die Funktion, eine unterschiedliche Sicht auf den Sachverhalt zu vermitteln. Ob “Abwrackprämie” oder “Umweltprämie” – ein und derselbe Sachverhalt wird unterschiedlich bezeichnet und damit zugleich unterschiedlich bewertet und wahrgenommen. Für diejenigen, die die Bezeichnung “Krieg” für den ‘Einsatz deutscher Soldaten in Afghanistan’ für nicht angemessen halten, bieten sich bis zum heutigen Tage zahlreiche Bezeichnungsalternativen an. Von regierungsoffizieller Seite wird die Bezeichnung “Krieg” zurückgewiesen. Stattdessen sprechen die verantwortlichen politischen Akteure von “Friedenseinsatz”, “Stabilisierungseinsatz” oder “Mission”. Komposita wie “Friedenseinsatz” und “Stabilisierungseinsatz” dienen dazu, den Einsatz der Bundeswehr zu legitimieren. Sie benennen über den Sachverhalt hinaus die positiv bewerteten Ziele des ‘Einsatzes deutscher Soldaten in Afghanistan’. Jede dieser Bezeichnungen ruft ganz bestimmte Sinn- und Wissenszusammenhänge auf, sogenannte Frames. Der Frame, der durch “Frieden” aktiviert wird, enthält positive Konzepte wie ‘Ruhe und Sicherheit (im Zusammenleben der Menschen)’. Darüber hinaus aktiviert “Frieden” aber auch ein Konzept, das erst in jüngster Zeit im Zusammenhang mit den Rechtfertigungen von militärischen Einsätzen entstanden ist, nämlich ‘Zustand, in dem die Menschenrechte verwirklicht werden können’. “Stabilisierungseinsatz” aktiviert ebenso ein positives Konzept. Wenn etwas stabilisiert werden muss, dann ist es vorher in ein (bedrohliches) Ungleichgewicht gebracht worden. “Friedenseinsatz” und “Stabilisierungseinsatz” entfalten so eine starke persuasive Wirkung, da mit ihrer Hilfe die Legitimation des Einsatzes und damit eine komplexe Argumentation in ein einziges Wort verpackt werden. Zudem bringen sie mehr oder weniger konkrete Handlungsaufforderungen zum Ausdruck.

Lesart beruht auf kulturellem Gedächtnis

An diesen Beispielen zeigen sich aber auch die Grenzen der Persuasion durch das Wort. Die Macht des Wortes endet da, wo die Menschen mit der Realität konfrontiert werden und eine Diskrepanz zwischen Wort und Wirklichkeit empfunden wird. Und genau hier setzt die oben genannte Frage nach der Bedeutungskonkurrenz an. So gibt es mindestens zwei Lesarten von “Krieg”, eine fachsprachlich-juristische Lesart, die auch die regierungsoffizielle Lesart ist, und eine alltagssprachliche Lesart. Während in der ersten Lesart “Krieg” nur als Konflikt zwischen zwei Staaten beziehungsweise zwischen einer Kolonialmacht und einer Befreiungsbewegung definiert ist, liegen der alltagssprachlichen Lesart ganz bestimmte Assoziationen und Stereotypen, die mit “Krieg” verknüpft sind, zugrunde. Die alltagssprachliche Lesart beruht in einigen Fällen auf konkreter Erfahrung, ist zumeist aber Ergebnis des kulturellen Gedächtnisses und wird durch die mediale Berichterstattung aktiviert. “Krieg” ruft Konzepte wie ‘Soldaten, Armeen, Fronten, Schlachten, Waffengewalt, Opfer, Verluste, Tod, Grausamkeit’ und so weiter hervor. Dass auch von regierungsoffizieller Seite Zugeständnisse an das in der Bevölkerung vorhandene Alltagsverständnis von “Krieg” gemacht werden, zeigt sich spätestens seit der Rede des Bundesverteidigungsministers Franz Josef Jung anlässlich der Trauerfeier für die am 20. Oktober 2008 in Afghanistan getöteten Soldaten. In dieser am 24. Oktober 2008 in Zweibrücken gehaltenen Rede verwendet Jung erstmals die Bezeichnung “gefallen”. Wörtlich heißt es: “Ich verneige mich in Dankbarkeit und Anerkennung vor den Toten, die für unser Land im Einsatz für den Frieden gefallen sind.” Vor dem 24. Oktober 2008 wurde von regierungsoffizieller Seite statt von “fallen” von “umkommen”, “ums Leben kommen” oder “aus dem Leben gerissen werden” gesprochen. Indem der Verteidigungsminister erstmals das Wort “gefallen” verwendet, aktiviert er den Frame ‘Krieg’. “Fallen” mit der Bedeutung ‘im Kampf sterben’, ‘als Soldat im Kampf ums Leben kommen’ ist Bestandteil dieses Frames, sodass man eine solche Wortwahl einerseits als Zugeständnis an das Alltagsverständnis andererseits aber auch als inkonsequent werten kann. Der ‘Einsatz deutscher Soldaten in Afghanistan’ wäre demnach kein “Krieg”, aber dennoch “fallen” Soldaten. Die regierungsoffizielle Seite steht damit vor einem Dilemma. Sie vermeidet mit “Krieg” eine Bezeichnung, bei der die eigene und die alltagssprachliche Lesart erheblich differieren. Zugleich erweckt sie aber den Verdacht, mit “Friedenseinsatz” oder “Stabilisierungseinsatz” euphemistische Bezeichnungsalternativen zu verwenden, die den Sachverhalt nicht angemessen darstellen.

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