Lern-Grammatik

von Heike Kahl12.03.2012Gesellschaft & Kultur, Wissenschaft

Bildung zielt letztlich auf den aufgeklärten und mündigen Bürger. Weil wir also selbst nicht wissen, welche Fähigkeiten und Kenntnisse zukünftig essenziell werden, müssen wir die Lern-Kompetenzen der Kinder stärken.

Zunächst einmal muss die Diskussion über Strukturfragen im Bildungssystem nicht per se falsch sein, nur weil sie erbittert geführt wird. Vielmehr verweist eine hartnäckig geführte Auseinandersetzung auf Brisanz und die Notwendigkeit, eine solche Diskussion führen zu müssen. Falsch wird sie, wenn sie sich in Schein- und durch politisches Kalkül getragenen Argumenten verfängt. Insbesondere dann, wenn sie selbst als Argument missbraucht wird, um Kindern, die jetzt in die Schule gehen, gute Bildung vorzuenthalten. Und schädlich ist sie, wenn sie von anderen gravierenden Aufgaben ablenkt, z.B. von der nach wie vor separierten Betrachtung der Lebenswelten von Jugendlichen oder von den notwendigen Haltungsänderungen der für Bildung zuständigen Professionellen.

Schüler müssen begreifen, dass sie Akteure sind

Ebenfalls zu hinterfragen ist, ob die Schule Kinder auf das Leben vorbereiten soll. Sie stecken doch mittendrin im Leben, und Schule ist für sie ein wichtiger Teil davon. Es kommt deshalb darauf an, dass Kinder ihre Schule als einen für sie schönen und produktiven Lebens- und Lernort begreifen, an dem sie Akteur sind und aktiv eingebunden in Entscheidungsprozesse, die sie etwas angehen. Vorbereitet werden sie vor allem auf eine Arbeitswelt, in der es weitgehend nicht um Reproduktionsroutinen, sondern um Kreativität, selbstständiges Denken und Zurechtfinden in einer komplexen und globalen Welt geht. Damit dies gelingt, reicht es nicht aus, ein Schulfach ums andere zu ergänzen, sondern das Lernen selbst muss sich verändern. Das Spannende an der Entwicklung von Bildungssettings ist doch, dass wir heute gar nicht genau wissen, worauf wir Kinder eigentlich vorbereiten müssen. Die Zukunftsaufgaben, die zu lösen sein werden, lassen sich von uns Heutigen nur unzureichend beschreiben. Es geht also viel mehr um die Entwicklung von Kompetenzen denn um die Vermittlung von Wissen: um lernmethodische Kompetenzen, damit man lernt, mit der Fülle von Wissen und Angeboten umzugehen, wie man sich Zugang zu Wissen verschafft und wie man Informationen auswählt. Wie man sich in unbekanntem „Gelände“ orientiert und wie man von der konkreten Erfahrung auf allgemeine Zusammenhänge schließt. Genauso wichtig sind aber auch sozial-kommunikative Kompetenzen – Offenheit für neue Erfahrungen, Toleranz und Empathie, die Fähigkeit zu kommunizieren und sich mit anderen Auffassungen und Fremdem produktiv auseinanderzusetzen. Bildung zielt letztlich auf den aufgeklärten und mündigen Bürger.

Neue Grammatik des Lernens

Neue Anforderungen ans Lernen erfordern neue Methoden und Lernarrangements. Das bedeutet zum Beispiel, handlungsorientiertes Lernen mit einem engen Bezug zur Lebenssituation und den Fragen der Kinder und Jugendlichen zu ermöglichen, statt Als-Ob-Situationen zu inszenieren. Wir brauchen forschendes Lernen in fächerübergreifenden Teams und Lernen, das nicht durch einen 45-Minutentakt unterbrochen wird oder allein in der Schule stattfindet. Im Grunde muss die gesamte Grammatik des Lernens verändert werden, was die Haltungen und die Professionsauffassung der Pädagogen einschließt. Ihre Aufgabe ist es, Kinder zu motivieren in dem, was sie können, und nicht zu entmutigen, weil sie zuerst mit ihren Defiziten konfrontiert werden. Und nicht zuletzt muss die Schule der Zukunft auch ein Ort sein, der Kindern und Jugendlichen hilft, angesichts der Spannung zwischen Globalisierung auf der einen und Individualisierung auf der anderen Seite soziale Bindungskräfte zu entfalten, die das wichtigste Kapital sind, um eine Gesellschaft lebenswert zu machen.

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