„Oh, Sie sind ja eine Frau!“

von Heike Heim1.04.2019Wirtschaft

“Frauen stellen heute mehr als die Hälfte aller Hochschulabsolventen und sind so gut ausgebildet wie nie zuvor. Gleichzeitig wird auch unsere Branche durch Digitalisierung flexibler und bunter. Die meisten Unternehmen beginnen zu verstehen, dass sie Frauen – gerade in Führungspositionen – brauchen, um wettbewerbsfähig zu bleiben”, so Heike Heim in einem Gespräch

*Was sind die Megatrends der deutschen Energie- und Versorgungswirtschaft?*

Regionale Versorger wie die Dortmunder ­Energie- und Wasserversorgung GmbH (DEW21)müssen ihre Rolle im städtischen Infra­struktursystem neu denken und die smarte Sektorkopplung aktiv vorantreiben. Beispielsweise greift das ­Thema Elektromobilität neben der Verknüpfung von Verkehr und Versorgung den Trend der zunehmenden Dezentralisierung über die digitale Vernetzung kundeneigener Photovoltaik-Anlagen, Batteriespeicher und Ladeinfrastruktur auf. Gerade mit Blick auf städtische Quartiere können Energieversorgungsunternehmen (EVU) den kommunalen Querverbund nutzen, um weitere Potenziale zu erschließen.

Dabei bleibt die Dekarbonisierung unter Beibehaltung des hohen Versorgungssicherheitsniveaus – gerade in dicht besiedelten urbanen Räumen – aufgrund des Flächenbedarfs erneuerbarer Energien eine weitere Herausforderung für EVU. Außerdem verlangt die sich beschleunigende Digitalisierung eine höhere Kunden- und Datenzentrierung, um dynamisch in eine Energiewelt von morgen zu transformieren.

*Was sind aus Sicht dieser Branche Deutschlands Stärken und Schwächen?*

Als größte Volkswirtschaft in der EU muss Deutschland eine treibende Rolle in der Erreichung der verbindlichen CO2-Reduktionsziele übernehmen. Dabei kann sich die Transformation des Energieversorgungssystems nicht nur auf den Wandel der Stromerzeugung konzentrieren. Während beim Ausbau der erneuerbaren Energien große Fortschritte gemacht wurden, verfehlen die Sektoren Mobilität und Wärme ihre Klimaschutzziele deutlich. Etwa 35 Prozent des Endenergieverbrauchs und 30 Prozent der Treibhausgasemissionen entfallen auf den Gebäudebestand. Angesichts von seit Jahren stagnierenden, niedrigen Sanierungsraten im Gebäudebereich muss insbesondere die „Vergrünung“ der im Wärmemarkt eingesetzten Energie einen großen Beitrag zur Treibhausgasreduktion leisten. Die zweite Halbzeit der Energiewende ist also die Wärmewende! Hier müssen kurz- und mittelfristig wirkungsvolle Lösungsansätze gefunden werden, um im Jahr 2030 nicht eine noch größere Erfüllungslücke zu haben.

*Wo sehen Sie aktuell die größte Herausforderung für Ihr Tun?*

Die Rahmenbedingungen für unser Kerngeschäft ändern sich fundamental und vor allem immer schneller. Noch liefern die Standbeine Energievertrieb und Netzgeschäft Energieversorgern wie uns stabile Ergebnisse, aber mit deutlich rückläufiger Tendenz. Es besteht kein Zweifel: Der Margendruck wird wachsen, denn gerade digital-affine Wettbewerber adressieren mit ihren Angeboten effizient die sich immer schneller verändernden Beschaffungs- und Vertriebspreise, verbinden Erzeuger mit Verbrauchern und bieten Mehrwerte durch innovative Produktgestaltung. Wir können dem nur durch Herausarbeitung unserer Differenzierungsmerkmale und der Besetzung individueller strategischer Themen wie etwa Smart-City-Anwendungen sowie durch die Gestaltung der urbanen Wärmewende entgegensteuern.

*Für welche Aufgabe investieren Sie aktuell den ­größten Anteil Ihrer Arbeitszeit?*

Nur wer sich den Blick auf das große Ganze verschafft und eine fundierte Strategie entwickelt, hat eine Chance auf eine konsolidierte Marktposition. Ausschließlich auf Einzelthemen wie Digitalisierung oder Agilität zu setzen, ist aus meiner Sicht zu kurz gesprungen. Dies setzt die Bereitschaft voraus, sich intensiv, quantitativ und schonungslos mit den eigenen Stärken und Schwächen sowie den erreichbaren Geschäftspotenzialen auseinanderzusetzen. Für Glaube und Bauchgefühl ist da wenig Platz. Da eine Strategie ohne Verankerung in der Organisation, Kultur und den Prozessen keine Wirkung erzielt, ist der zwingende nächste Schritt, das Unternehmenorganisatorisch und prozessual an die neuen Herausforderungen anzupassen. Ich habe DEW21 vor einem Jahr in diese Transformation geführt, die erst 2023 abgeschlossen sein wird und für die gesamte DEW21-Mannschaft – und damit auch für mich – ein echter Kraftakt ist.

*Wie bewerten Sie die starke Position öffentlicher Unternehmen in der Branche?*

Nach wie vor besetzen die regionalen Stadtwerke Schlüsselfunktionen, die es auch weiterhin zu nutzen gilt. Kunden honorieren in der Regel das regionale Engagement der Unternehmen. Die Bedingungen werden jedoch härter: Im Netzgeschäft muss angesichts abgesenkter Renditen die operative Exzellenz ausgebaut werden. Die mit der Energiewende einhergehende Dezentralisierung hat Einfluss auf das Produktportfolio: Die Zunahme der Selbstversorgung bedeutet für EVU eine Rollentransformation vom Commodity-Lieferanten zum Dienstleister. Ich glaube, dass wir gute Chancen haben, wenn wir unsere Rolle im städtischen Infrastruktursystem neu definieren und die Kooperationsmöglichkeiten zur Entwicklung intelligent gestalteter, kommunaler Bündelprodukte nutzen. Wenn es gelingt, aus Kundensicht sinnvolle Pakete zu schnüren, die die Sektoren Energie, Telekommunikation, Mobilität und Wohnen verbinden, können die kommunalen Unternehmen ihren lokalen Wettbewerbsvorteil nutzen und damit zugleich die Markteintrittsbarrieren für die Konkurrenz verstärken.

*Was erwarten Sie von der Politik für Ihr Unternehmen?*

Im Prinzip sind die Rahmenbedingungen für Stadtwerke nach wie vor gut und bieten in ausreichendem Maße Geschäftsmöglichkeiten in Netzen, dezentraler Erzeugung und Vertrieb. Allerdings werden durch die hohe Frequenz der Gesetzesnovellierungen und Anpassungen der Rahmenbedingungen langfristige Investitionsentscheidungen immer schwieriger. Gerade Investitionen in Energiewendeprojekte erfordern jedoch eine gewisse Planungssicherheit, klare und einfache Rahmenbedingungen sowie eine schnelle und unbürokratische Genehmigung. Auch beim Thema Technologieoffenheit und Beteiligungsstrukturen würde ich mir mehr Flexibilität wünschen, um die Energiewende vor Ort effizienter und in der notwendigen Individualität vorantreiben zu können.

*Wieso sind Sie gerade in diese Branche gegangen?*

Wäre ich bei meinem ersten Plan geblieben, wäre ich Tierärztin geworden. Nach verschiedenen Praktika war es am Ende die Studiengang-Ausschreibung „Diplom-Wirtschaftsingenieur – Fachrichtung Elektrotechnik“ der TU Darmstadt, die mich mit der guten Mischung aus Elektrotechnik und kaufmännischen Themen am meisten angesprochen hat. Nach dem Studium habe ich im Anlagenbau, in der IT und als Unternehmensberaterin gearbeitet, bis ich in der Energieversorgungsbranche angelangt bin. Von dieser Bandbreite profitiere ich heute.

*Ist die Branche noch immer männlich?*

Ja, das ist sie – leider. Insbesondere in Vorstands- und Führungsetagen ist der Frauenanteil verschwindend gering. Damit fehlen häufig erfolgreiche Rollenmodelle für weibliche Nachwuchskräfte, welche für die eigene Karriereentwicklung so wichtig sind. Nach einer Studie der TU München lässt sich erst ab einem Frauenanteil von 15 bis 20 Prozent im Management ein deutlicher Innovationsschub feststellen. Dies zeigt, dass diversifizierte Teams ein wesentlicher Erfolgsfaktor für Unternehmen sind, egal in welcher Branche! Wir können es uns gar nicht mehr leisten, auf all die leistungsfähigen und motivierten Frauen zu verzichten. Frauen werden erst dann erfolgreich sein, wenn niemand mehr überrascht ist, dass sie erfolgreich sind.

*Wie schätzen Sie die Chancen von Frauen in der Branche ein?*

Frauen stellen heute mehr als die Hälfte aller Hochschulabsolventen und sind so gut ausgebildet wie nie zuvor. Gleichzeitig wird auch unsere Branche durch Digitalisierung flexibler und bunter. Die meisten Unternehmen beginnen zu verstehen, dass sie Frauen – gerade in Führungspositionen – brauchen, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Nicht zuletzt der Fachkräftemangel zwingt viele Unternehmen dazu, die Arbeitsplätze stärker nach den Bedürfnissen der Arbeitnehmerinnen zu gestalten, also eine Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie das mobile Arbeiten zur Selbstverständlichkeit zu machen. Allerdings darf diese Entwicklung nun nicht dazu führen, dass Frauen zwar bessere Chancen bekommen, aber dafür ihre Doppelbelastung steigt. Und gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit ist leider auch noch immer nicht selbstverständlich. Wir sind auf dem richtigen Weg, nur bei Weitem nicht schnell genug.

*Hatten Sie Nachteile/Vorteile auf Ihrem Berufsweg aufgrund Ihres Geschlechts? Oder ein Schlüsselerlebnis?*

In den fast 30 Jahren, in denen ich mich im energiewirtschaftlichen Umfeld bewege, gab es zahlreiche Schlüsselerlebnisse – befremdliche bis komische: Das reichte von der fehlenden Frauentoilette in Kraftwerken bis zum erstaunten „Oh, Sie sind ja eine Frau“. Doch trotz dieses manchmal ärgerlichen Exotenstatus‘ bin ich mir sicher, dass ich meinen Berufsweg immer wieder so gehen würde. Wichtiger ist aber die Erkenntnis aus diesen ­vielen Situationen: Aktives Netzwerken und Förderer – egal ob männlich oder weiblich – an entscheidenden Wendepunkten in der beruflichen ­Karriere sind notwendig.

*Was empfehlen Sie jungen Frauen, die in diese ­Branche hinein beruflich starten?*

Die Energiebranche ist vielfältig und es ist ja nicht so, dass sie absolutes Neuland für Frauen wäre. Aber richtig ist natürlich, dass in den (MINT = Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) Berufen Frauen hoffnungslos unterrepräsentiert sind, und das war lange Zeit ein Manko der Energiewirtschaft. Die Digitalisierung und die Energiewende haben jedoch die Berufsbilder deutlich erweitert und im interessanten Sinne heterogen gemacht. Hier können junge Frauen durchstarten – insbesondere, wenn sie bereit sind, operative Geschäftsverantwortung zu übernehmen. Wichtig ist vor allem (und das gilt für Frauen wie für Männer), sich zukunftsorientiert aufzustellen. Wer sich heute für einen Beruf entscheidet, dem muss klar sein, dass er oder sie diesen in zehn Jahren so nicht mehr ausführen wird. Deshalb besteht die größte Herausforderung darin, von Beginn an jeden Tag über den Tellerrand zu schauen und die eigenen Fähigkeiten entlang der Veränderungen agil zu entwickeln.

_Heike Heim ist seit dem 1. Juli 2017 Vorsitzende der Geschäftsführung der Dortmunder Energie- und Wasserversorgung GmbH (DEW21) und verantwortet dort den kaufmännischen Bereich, Vertrieb und Handel. Nach ihrem Studium sammelte die Diplom-Wirtschaftsingenieurin (technische Fachrichtung Elektrotechnik) erste Praxiserfahrungen im Bereich Anlagenbau/ Energietechnik und in der IT-Branche. Nach einer knappen Dekade in der internationalen Beratungsbranche folgte 2011 die Rückkehr in die Energiewirtschaft zur MVV Energie AG als Bereichsleiterin Controlling und Risikomanagement. 2013 wurde sie zur Vorstandsvorsitzenden der Energieversorgung Offenbach AG (EVO) ernannt._

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