"Gold ist eine Art Ersatzwährung"

Heike Faller22.12.2009Gesellschaft & Kultur, Medien, Politik, Wirtschaft, Wissenschaft

Bisher waren der Zeit-Redakteurin Heike Faller Themen wie Aktienkurse, Vermögensbildung, Altersvorsorge ziemlich egal, aber Anfang 2008 wollte sie es wissen. Sie nahm eine Auszeit vom Job und ging unter Investoren und Spekulanten, mit dem Ziel, innerhalb eines Jahres ihr Geld zu verdoppeln. Welche Erfahrungen sie dabei mit Gold gemacht hat, beschreibt sie hier.

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Ich war auf dem Wissensstand eines Dienstmädchens, als meine Zeitung mich nach Bayern schickte. Ich sollte eine Geschichte über zwei Männer schreiben, die bei einer kleinen Sparkasse in der Oberpfalz die Vermögensverwaltung leiteten. So geschehen im Jahr 2002. Die beiden Bayern waren dadurch aufgefallen, dass sie das erfolgreichste Musterdepot in Deutschland führten. Sie hatten in sieben Monaten 43 Prozent Plus gemacht, zu einer Zeit, in der normalen Bankberatern und Fondsmanagern das Geld ihrer Anleger unter den Händen weggeschmolzen war. In einem Bummelzug fuhr ich von Würzburg in Richtung tschechischer Grenze. Als wir in der Sparkasse angekommen waren, fragte ich sie, warum sie sehen konnten, was sonst keiner sah. Das sei im Grunde gar nicht so schwer, sagten sie. In Edelmetalle zu investieren sei eine Außenseiterentscheidung, die ein Angestellter in einer großen Bank kaum treffen würde, selbst wenn er sie als richtig erkannt habe. “Warum nicht?”, sagte ich. “Herrrdentrieb”, sagten sie unisono, mit böse grollendem Rrr.

Risikoklassen, Diversifikation, Anlagehorizont

Ich offenbarte, dass ich 40.000 Euro besitze, aus denen ich möglichst bald eine sechsstellige Summe machen wolle. Zu meiner Überraschung sprachen sie zunächst von Risikoklassen, Diversifikation, Anlagehorizont, von den drei Säulen jedes Portfolios. Sie verstünden mich nicht, sagte ich, ich wolle wirklich alles auf eine Karte setzen. Mein Job sei sicher, und das Risiko, alles zu verlieren, nähme ich in Kauf gegen die Chance, viel zu gewinnen. Sie erläuterten geduldig, dass sie verpflichtet seien, ihren Anlegern ein gemischtes Portfolio zu empfehlen. “Ich will nicht, dass Sie mir erzählen, was Sie mir erzählen müssen”, sagte ich, “ich will, dass Sie mir erzählen, was Sie für richtig halten. Mal angenommen, ich würde Sie fragen, wie Sie Ihr Geld angelegt haben …” Bergold ging grinsend zu seiner Schrankwand. Dahinter befand sich ein Tresor von der Größe eines kleinen Kühlschranks. Drinnen lagen Goldbarren und flache Platinplättchen, Silbermünzen und etwas, das mir als Palladium vorgestellt wurde. Die meisten hier hätten ihr Geld so angelegt, erzählten sie, sogar die älteren Mitarbeiter der Abteilung “Geldanlage”, die ein Dasein als brave Bankberater gefristet hatten, bevor sie, Bergold und Wolf, die Truppe wachgerüttelt hätten. Der Lehrling betrat den Raum. Er warf einen wissenden Blick auf die Metallberge und bestätigte mir mit roten Ohren, dass auch er …

Gold, Silber, Palladium und Platin

Ich mietete mir danach ein Schließfach bei den Vereinigten Sparkassen Eschenbach in der Oberpfalz, Neustadt an der Waldnaab, Vohenstauß. Ich kaufte Gold, Silber, Palladium und Platin. Den Schlüssel für mein Schließfach übergaben sie mir mit der Warnung, dass es auch schon Zeiten gegeben habe, in denen Staaten den Privatbesitz von Gold verboten hätten. Ich fand die Andeutung abwegig, aber interessant. Und so senkte ich schließlich an jenem Hochsommertag im August 2004 meine gesamten Ersparnisse in Form von Edelmetallen in die Tresore der Vereinigten Sparkassen. Wobei meine kleine Anspielung auf 1929 eher ein ironischer Scherz war. Als ich später wieder im Regionalzug Richtung Nürnberg saß, fühlte sich die Welt ein wenig anders an. Ich war nicht mehr nur Zuschauerin. Wenn die Amerikaner morgen beschlossen, Fort Knox um ein paar Tonnen Gold zu erleichtern und diese auf den Markt zu werfen, dann würde der Goldpreis zusammenbrechen, und ich wäre plötzlich nur noch die Hälfte wert. Ich wurde sogar ein bisschen nervös. Ein Ausdruck fiel mir ein, den ich manchmal von Amerikanerinnen gehört habe: dass sie bereits so viel in eine Beziehung investiert hätten. Ich hatte das immer sehr nüchtern gefunden. Jedes Mal, wenn eine Frau das Wort “investiert” in diesem Zusammenhang gebrauchte, und meistens gebrauchte sie es, um zu klagen, spürte ich einen Widerwillen: Wie konnte man die Liebe mit so etwas Profanem wie einer Geldanlage vergleichen?

Ich bin investiert

Im Zug nach Berlin spürte ich nun zum ersten Mal, dass Investieren kein buchhalterisch-kühler, sondern ein sehr emotionaler Vorgang ist. Ähnlich wie in einer Beziehung macht man sein Leben, oder einen wichtigen Teil davon, von einem Faktor abhängig, dessen Entwicklung nicht der eigenen Kontrolle unterliegt. Im Grunde kann immer alles passieren, beim Geld und in der Liebe. Beides kann einem den Rücken stärken oder nur Kummer machen, und es ist nicht leicht zu verstehen, ob eine Krise nur ein Zwischentief ist oder ob der Zeitpunkt gekommen ist, den Tatsachen ins Auge zu blicken und, wie es in der Börsensprache heißt, seine Verluste zu realisieren. Ich bin investiert, heißt es im Englischen. Und das ist die wichtigste Analogie zur Liebe: Wer investiert, tut dies als ganze Person. Der Goldpreis stieg. Bald öffnete ich meine Zahlenpost in derselben freudigen Erwartung, in der man Liebesbriefe öffnet. Nach wenigen Monaten war ich so weit, dass ich mich, wann immer ich schlechte Laune hatte oder etwas anderes in einem Leben sich nicht zu meiner Zufriedenheit entwickelte, an den Edelmetallpreisen wärmte. Ich glaube, so werden die meisten Leute zu Spekulanten: weil sie entdecken, dass sie ihre tägliche Dosis Dopamin auch von einem Blick in ihr Portfolio kriegen können. Und der Goldpreis hörte nicht mehr auf zu steigen. Mit der Zeit fing ich an, mich für die Gründe zu interessieren. Ich stellte fest, dass das Gold immer dann gefragt war, wenn in der Welt irgendeine Krise ausbrach. Wenn im Nahen Osten ein Politiker umgebracht wurde, zuckte der Kurs. Ging irgendwo auf der Welt eine Pipeline kaputt, drohte irgendein Diktator mit der Atombombe, war ich auf dem Papier wieder ein bisschen reicher. Die Leute wollten Gold, wenn der Krieg im Irak auszuufern drohte, wenn Amerika Schulden machte und der Dollar schwächelte, sein Wert stieg mit dem Ölpreis, mit dem neuen Reichtum der Inder und Chinesen, die ihre Ersparnisse traditionell in Schmuck anlegen. Gold, so lernte ich bald, war keine Anlage im klassischen Sinne wie eine Aktie, mit der man sich am Erfolg eines Unternehmens beteiligte, sondern eine Art Ersatzwährung, in die die Leute flohen, wenn sie das Vertrauen ins Papiergeld verloren. In der New York Times las ich, dass in London der Kurs von Gold um 25 Prozent nach oben ging, als Napoleon 1815 aus Elba floh und England ein Krieg drohte. Und nachdem er in Waterloo besiegt worden war, beruhigte sich auch der Goldpreis wieder. Ihre Erlebnisse hat Heike Faller in ihrem Buch “Wie ich einmal versuchte, reich zu werden” zusammengefasst.

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