Nirgends wird so viel gelogen und betrogen wie im Krieg und vor einem Krieg. Hans-Peter Kaul

Der BlackBerry-Aufstand

Unsere Kolumnistin solidarisiert sich mit den Krawallmachern in London. Schließlich ist es unmöglich, dass bislang nicht jeder einen Plasma-TV sein Eigen nennt – die Reaktion des Establishments auf die Ausschreitungen hingegen lassen auf einen Polizeistaat schließen.

Achtung. Dieser Artikel ist nicht für Leser geeignet, die keinen Sarkasmus verstehen.

< sarcasm on >

Was haben eine Millionärstochter, eine Ballettschülerin, ein Öko-Chefkoch, ein Jurastudent, ein Musiker und ein Immobilienmakler gemeinsam? Alle sind im Namen der unterdrückten, armen Bevölkerung Englands vorige Woche auf die Straße gegangen. Sie demonstrierten gegen die Ungerechtigkeit dieser schrecklichen Gesellschaft, indem sie Plasma-Fernseher, Hi-Fi-Anlagen, Alkohol und Konzertgeigen klauten und Läden in Brand gesetzt haben. Unterstützt wurden sie von arbeitslosen Jugendlichen, die sich leider nur einen BlackBerry leisten können und kein iPhone. Aber da man mittels des BlackBerry-Messengers umsonst SMS an andere BlackBerry-Besitzer verschicken kann, verlief wenigstens die Organisation der Proteste ohne Probleme. Die 100 Pfund teuren Turnschuhe der Demonstranten haben beim Randalieren sehr gelitten, aber die meisten haben gleich mehrere Ersatzpaare mitgehen lassen, also wurde auch diese Ungerechtigkeit ziemlich schnell wieder ausgeglichen.

Die armen Kinder!

James David Cameron musste sogar seinen Urlaub abbrechen, um sich mit der Lage auseinanderzusetzen. Er war „not amused“ und griff hart durch, bestellte gleich 10.000 Polizisten extra für London. So eine übertriebene Reaktion war auch nur von solch einem barbarischen Kapitalistenfreund zu erwarten. Die Konservativen können oder wollen nicht verstehen, dass auch diese Demonstranten ein Recht haben, ihre Probleme in die Öffentlichkeit zu tragen. Schließlich sind Cameron und seine Kompadres daran schuld, dass die Armen in England nicht schon Plasma-Fernseher besitzen. Wie der Kollege Peter Oborne von „The Telegraph“ auch scharfsinnig in seinen Artikel vom 11. August bemerkte: wenn die Mitglieder der Regierung nicht so viele Steuern hinterziehen würden, müssten die armen BlackBerry-Nutzer nicht klauen gehen. Die Kameraden Ahmadinedschad und Gaddafi gingen noch einen Schritt weiter und haben sogar öffentlich diese unrechte Behandlung der armen Demonstranten kritisiert, verlangten zu Recht Sanktionen gegen die Britische Regierung und eine Sondersitzung der UNO.

Die ersten der armen Jugendlichen, die eigentlich nur ein bisschen Spaß haben wollten, sind nämlich schon verurteilt worden, und zwar zu drakonischen Strafen. Sie müssen elektronische Fußfesseln tragen und dürfen zwischen 19 und 6 Uhr das Haus nicht verlassen. Ich frage mich, wie so ein Land sich als Teil von Europa bezeichnen kann. Die armen Kinder! Sie haben doch nichts Falsches getan. Man kann und darf ihnen nicht die Schuld geben dafür, dass sie in solcher Armut aufwachsen. Eigentlich ist der Staat daran schuld, dass sie klauen gegangen sind. Wenn die bösen Konservativen unter Cameron nicht die Herrschaft an sich gerissen hätten, dann hätten wir schon dafür gesorgt, dass alle einen vom Staat finanzierten Plasma-Fernseher bekommen.

Wir müssen’s den Reichen zeigen

Nun haben aber nicht alle Randalierer ihre berechtigten Ansprüche sichern können in den paar Nächten, wo England brannte. Es haben sich nämlich überall im Land kleine Gangs gebildet, die es gewagt haben, mit Baseballschlägern ihr Eigentum zu verteidigen. Vor allem die südeuropäischen Einwanderer haben mehrfach auf arme Jungs mit Kapuzenpullis und Molotow-Cocktails eingeprügelt, vollkommen ohne Grund. Dass diese Ausländer es wagen, ihr Eigentum zu beschützen, ist ja noch das Allerletzte. Wie die zwei von der BBC interviewten Mädchen auch klar gesagt haben: die besitzen einen Spätkauf, also sind das reiche Leute. Wir müssen’s denen zeigen, weil sie eben reich sind und wir nicht. Wir müssen ihnen zeigen, dass wir alles machen dürfen, was wir wollen.

Ich kann kaum erwarten, bis diese Teenager alt genug sind, um endlich das Land zu regieren. Um noch mal die beiden BBC-Mädels zu zitieren: Das macht dann richtig Spaß!

< sarcasm off >

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Heather De Lisle: Happy Birthday, Mr. President!

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