Schicksalsschwemmen

von Heather De Lisle24.07.2011Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Medien

Twitter hat das Nachrichtenbusiness verändert, jetzt geht Google Plus noch einen Schritt weiter. Die Anschläge von Oslo ließen sich multimedial und beinahe in Echtzeit verfolgen. Doch ob das immer so gut ist? Leid wird seltsam unnahbar, wenn wir dem informationellen Dauerfeuer ausgesetzt sind.

Am 22. Juli war ich bei meinem Daddy zu Besuch und habe versucht, ihn vom sozialen Netzwerk Google + zu überzeugen. Die dazugehörende Mobile-App funktioniert noch nicht einwandfrei, aber einen Einblick in das System kriegt man trotzdem. Beim Rumspielen fiel mir dann um 15.57 Uhr ein Kommentar von User Kritsanarat von Welt Online auf: _++ Massive Explosion im Regierungsviertel von Oslo ++_ Darunter stand die Eilmeldung der Agentur Reuters mit dem Bild der zerstörten Straße. Im Gegensatz zu Facebook kann man bei Google + beliebig lange Texte mit Anderen teilen, sogar mit der ganzen Welt. Ich schlug Alarm, wir schalteten den Fernseher ein und zappten wie Anfang des Jahrhunderts von n-tv über N24 zur BBC und CNN und dann zurück zu n-tv. Während Analysten im Studio und per Telefon über die möglichen Attentäter und deren Motive spekulierten, kam über Google + schon die zweite Schreckensnachricht über die Schießerei auf Utoya. Damit verabschiedete ich mich und eilte wieder nach Hause – es war nämlich nicht klar, ob DW-TV wegen der Ereignisse das Programm bis in die Nacht erweitern würde. Wenn, dann würde ich vor der Kamera stehen. Ich wollte mich für den Fall der Fälle vorbereiten.

Nachrichten für die Stunden danach

Wir wohnen in einer Welt voller Information und das Internet hat unser Verhalten – besonders was Breaking News angeht – maßgeblich verändert. Ich weiß noch, wie ich nach dem Erdbeben in Haiti über meinen Twitteraccount Bilder von der Zerstörung heruntergeladen habe, damit wir einen Bilderteppich für die Live-Schalte hatten. Das ist zwar erst circa 18 Monate her, aber damals hatten relativ wenige Leute Videokameras in ihren Smartphones und bewegte Bilder waren stundenlang nicht zu haben. Zwischen den Sendungen habe ich versucht, meinen Twitteraccount ständig zu aktualisieren, um die Informationen, die wir im Sender bekommen haben, auch weiterzugeben. Twitter war aber auch wirklich die einzige Möglichkeit, aktuelle, wenn auch nicht bestätigte, Informationen zu erhalten. Die Meldungen auf Facebook waren zum größten Teil nur Beileidserklärungen. Harte Fakten waren dort nur selten zu finden. Die Anschläge in Norwegen erlebte ich ganz anders. Zuhause angekommen, habe ich mich am Laptop bei Google + eingeloggt und sah einen Vorschlag vom User Siegfried Hirsch, der wohl meinen Job für immer verändert hat. Sein Tipp: einen Kreis bilden mit Reportern verschiedener Sender und Journalisten vor Ort, die online über die Geschehnisse schreiben. In nur zwei Minuten hatte ich einen Feed mit den aktuellsten Infos von allen Sendern auf einer Seite. Im Hintergrund lief natürlich weiterhin CNN, auf meinem iPad der Livestream von n-tv. Aber bei Google + hatte ich alles. Sogar einen Reporter in Norwegen, der die aktuellsten Meldungen der dortigen Sender ins Englische übersetzte. Und einen Kameramann, der seine Feeds über Dropbox zu Verfügung gestellt hat. Bilder, Videos, Links zu den relevanten Webseiten – alles vor meiner Nase. Andere Google +-Mitglieder haben Vorschläge gemacht, wen man noch alles in den Kreis mit reinnehmen sollte.

Gibt es noch Auszeiten?

Viele dieser Leute sind News-Junkies, ein Paar Gaffer gibt es natürlich auch, aber darunter sind auch wahnsinnig viele Journalisten, die sich genau wie ich auch auf die Arbeit vorbereiteten. Für Online-Nachrichtenagenturen _ist_ es sogar ihre Arbeit. Das Internet hat unser Leben verändert. Facebook hat geholfen, Revolutionen zu starten. Und mit Google + sind wir jetzt in der Evolution der Information noch einen Schritt weiter. Im Endeffekt musste ich doch nicht moderieren und habe kurz vor Mitternacht meine Geräte alle ausgeschaltet und versucht zu schlafen. Die Bilder gingen mir aber nicht aus dem Kopf. Das kenne ich, es gehört zum Job. Aber auch nach 16 Jahren im Nachrichtenbusiness ist es manchmal schwer, mit solchen Ereignissen umzugehen. Besonders wenn sie von Menschen verursacht werden. Ich habe gelernt, irgendwie damit zu leben, genau wie Kameramänner, Polizisten oder Soldaten lernen müssen, mit dem umzugehen, was sie in ihren Job sehen. Aber im Zeiten des Internets und der 24-Stunden-Nachrichtenübertragung muss die gesamte Welt irgendwie mit diesen schrecklichen Bildern umgehen. Und ob das wirklich so gut ist, weiß ich nicht.

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