Im Zweifel für den Angeklagten?

von Heather De Lisle8.05.2011Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Medien

Die Reaktion der deutschen Medienlandschaft auf den Tod Osama bin Ladens ist unverständlich. Der Mann war ein Massenmörder und Verächter der Menschenwürde. Sein Tod hat die Welt sicherer gemacht – und darf neidlos als außenpolitischer Sieg von Barack Obama gelten. Im Herzen ist der Präsident eben doch ein Amerikaner.

Wie schon bei Twitter bemerkt wurde, ist es wirklich erstaunlich, was Amerika so alles schaffen kann, wenn das Playstation-Netzwerk ausfällt. Der vergangene Montag wird mir sehr lange in Erinnerung bleiben. Wenn bei mir um 05:30 Uhr das Handy klingelt, dann sind es normalerweise keine guten Nachrichten. Aber am Montag schon. Nachdem wir erst mal ein kleines Missverständnis aus dem Weg geräumt hatten – mein Kollege meldete sich mit „Obama ist erschossen worden, wie schnell kannst du hier sein?” – bin ich unter die Dusche gesprungen, hab mich angezogen, ein Red Bull aus dem Kühlschrank geholt und noch kurz die amerikanische Flagge geküsst, die in meiner Küche hängt. Ich rannte fast die 800 Meter zum Studio. Mein Herz schlug schneller vor Freude, und ich fand’s einfach super, dass Obama endlich etwas gemacht hat, worauf auch ich stolz sein konnte. Diese Sendung, die ich dann moderiert habe, gehörte zu den wichtigsten meines Lebens. Ich gebe auch zu: Es fiel mir schwer, nicht zu lächeln. Aber ich habe wie immer mit starrer Miene moderiert, weil ich eben noch zu der Sorte Moderatorin gehöre, die glaubt, dass mein Auftrag darin besteht, die Fakten zu vermitteln und nicht meine persönliche Meinung. Meine persönliche Meinung findet man ja jeden Sonntag hier bei The European.

Sympathie mit den Falschen

Ich bin um 10:30 Uhr noch einmal nach Hause gegangen, um ein bisschen zu schlafen, bevor ich zur nächsten Sendung musste. Als ich am Nachmittag wieder aufwachte, war ich etwas verwirrt. Im deutschen Fernsehen lief eine Story, die ich noch nicht kannte, obwohl ich erst ein paar Stunden zuvor selber gesendet hatte. Es war eine Berichterstattung über eine unglaubliche Tragödie, eine grausame Verletzung der Menschenrechte. Ein unbewaffneter, 45-jähriger Familienvater wurde nachts schlafend im Bett vor den Augen seiner Frau und Kinder von Eindringlingen blutig niedergemetzelt. „Mein Gott“, dachte ich. „Wo ist das denn passiert? Das ist zwar schlimm, aber ist eigentlich nicht die Nachricht des Tages die Tatsache, dass Osama endlich erledigt wurde?“ Dann wurde das Foto des Familienvaters gezeigt – und meine Hoffnung an die Zukunft dieser Gesellschaft verschwand. Ich habe damit gerechnet, dass die Dschihadisten und Ahmadinedschad-Anhänger sich über die Aktion in Abbottabad aufregen. Ich habe eigentlich auch damit gerechnet, dass Angie Merkel das Ganze etwas kritisch sieht (hab mich dann gefreut, als sie sich doch gefreut hat), ich habe sogar damit gerechnet, dass Ban Ki Moon die Aktion verurteilt (nee, er fand’s auch gut). Aber mit dieser Reaktion der deutschen Medienlandschaft habe ich nicht gerechnet. Ich glaube, es haben sich hier einfach nur alle erschrocken, dass wir Amis uns mit Autokorsos und spontanen Versammlungen öffentlich über Bin Ladens Tod gefreut haben – fast so, als wären wir beim Public Viewing zur WM. In Deutschland gehört sich das nicht. Hier in Deutschland haben sich sicher auch der eine oder andere über das erfolgreiche Ende dieses Kapitels im Krieg gegen Terror gefreut, aber eben nur zu Hause hinter geschlossenen Türen.

Äpfel und Hamburger

Okay, das kann ich sogar verstehen. Die Kritik finde ich legitim. Aber ich glaube auch, dass die Mehrheit der Deutschen das anders empfinden würde, wenn der 11. September in Berlin passiert wäre und nicht in New York. Das ist aber immer so. Die Meinung ändert sich schnell, wenn man selber direkt betroffen ist. Was ich aber nicht verstehen kann, ist, dass die Bilder der jubelnden Amerikaner am Ground Zero verglichen werden mit den Bildern von wild jubelnden Islamisten in der arabischen Welt nach 9/11. Dieser Vergleich ist nicht nur falsch, er ist auch zutiefst beleidigend. Diese Leute haben sich gefreut, weil 3.000 unschuldige Amerikaner in einem Terroranschlag gestorben sind. Wir haben uns gefreut, weil ein Mann, der 3.000 unschuldige Amerikaner umgebracht hat, selbst den Tod gefunden hat. Das sind nicht nur Äpfel und Birnen, sondern gleich Äpfel und Hamburger. Ich vermute ja, dass es eher mit einer kollektiven Enttäuschung in Deutschland zusammenhängt – denn die intellektuellen Gutmenschen hierzulande mussten vergangene Woche einsehen, dass der Friedensnobelpreisträger Barack Obama im Herzen wohl doch ein Amerikaner ist und kein Europäer. Es ist ja kein Geheimnis, dass ich nicht viel von Obama halte. Aber Montag Morgen sagte ich ohne zu zögern: „Hut ab.“ Denn er hat das zu Ende gebracht, was George W. Bush begonnen hat. Er hat damit die Welt daran erinnert, was passiert, wenn man uns angreift. Und darüber werde ich mich auch noch nächste Woche freuen.

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