Es gibt ein europäisches Lebensmodell, das wir verteidigen müssen. Guido Westerwelle

Schämt euch!

Die Katastrophe in Japan wird von allen Seiten vereinnahmt – in den USA beschwört der erzkonservative Moderator Glenn Beck die Idee einer Rache Gottes, in Deutschland macht die linke Anti-Atom-Lobby vor dem Hintergrund des AKW-Unglücks mobil. Können wir nicht einfach einmal wortlos Mitleid zeigen?

Fremdschämen und Schadenfreude sind zwei deutsche Wörter, für die es keine passende englische Übersetzung gibt. In der vergangenen Woche durfte ich erleben, was diese Wörter nun wirklich bedeuten.

Fremdgeschämt habe ich mich vor allem für meinen konservativen amerikanischen Kollegen Glenn Beck, der es für nötig hielt, sich über die Lage in Japan zu amüsieren. Dass Glenn Beck viel Unsinn von sich gibt, dürfte ja wohl niemandem entgangen sein, aber diesmal übertrifft er sogar sich selbst. Beck ist der Meinung, Gott hätte den Japanern dieses Leid zugefügt, weil der japanische Lebensstil nicht in Ordnung sei. Hätten die Japaner bloß die biblischen Zehn Gebote eingehalten, wäre das alles nicht passiert.

Erdbeben sind keine Gottesrache

Nun, da ich an Gott glaube, ist er meiner Meinung nach auch für die Katastrophe in Japan verantwortlich. Aber ich würde nie auf die Idee kommen, über seine Motive zu spekulieren. Gott ist Gott und Gott macht, was er will. Und wenn Gott entscheidet, dass die Erde beben soll, dann tut sie das auch. Natürlich weiß ich, dass Erdbeben das Resultat sich verschiebender tektonischer Platten sind. Ich will hier keine Diskussion beginnen über Religion versus Wissenschaft. Aber in meiner Welt gibt es Gott und er ist für alles verantwortlich, Gut und Böse. Ohne jetzt Justin Bieber zitieren zu wollen, ich hoffe, dass das alles einen Sinn hatte und dass Gott immer noch am Steuer sitzt.

Ich kann aber nicht glauben, dass die Tatsache, dass man gebrauchte Frauenunterwäsche in Automaten in Tokio kaufen kann, der Grund für das Beben war. Wenn alle Menschen auf der Welt, die die Zehn Gebote nicht einhalten, zur Strafe von Erdbeben erfasst würden, würde die Welt nie wieder stillstehen. Vermutlich wäre sogar meine eigene Wohnung in Berlin-Mitte das Epizentrum. Was Japan im Moment durchmacht, ist eine schreckliche Katastrophe, deren endgültige Ausmaße lange nicht bekannt sein werden. Echte Christen und echte Konservative versuchen jetzt, wo es nur geht zu helfen. Mit dem Finger zu zeigen und sich darüber lustig zu machen, ist des Teufels Werk. Ich hoffe, Glenn Beck wird selber von einer Naturkatastrophe weggepustet. Darüber würde nicht nur ich mich freuen.

Strahlende Anti-Atom-Gesichter

Apropos Schadenfreude: Es gibt hier ein paar deutsche Atomgegner, die vermutlich der Meinung sind, die Japaner mussten dieses schreckliche Leid durchmachen, damit man hier in Deutschland den Atomstrom endlich abschalten kann. Mir ist tatsächlich schlecht geworden, als ich die „strahlenden“ Gesichter der Anti-Atom-Lobbyisten hier in Deutschland gesehen habe. Es erschien mir, als hätten sie nur darauf gewartet, dass so etwas Schreckliches passiert. Schadenfreude eben. Egal, dass kein einziger Japaner bis jetzt an Strahlung gestorben ist. Egal, dass Deutschland auch bei einem Super-GAU in Japan keine Strahlung abkriegen würde und vor allem egal, dass vermutlich 15.000 Japaner gerade eben in einem Tsunami ums Leben gekommen sind. Hauptsache, wir ziehen in Biblis den Stecker. Das macht mich traurig. Ich habe nicht mal mehr die Kraft, mich darüber aufzuregen. Diese perverse Freude an dem Leid der Japaner macht mich krank. Und auch hier schäme ich mich fremd.

Ich möchte allen Japanern, insbesondere den Überlebenden dieser schrecklichen Naturkatastrophe und den 50 Männern, die in Fukushima weiter gegen den Super-GAU kämpfen, mein tiefstes Beileid ausdrücken. Und mich fremd-entschuldigen für das eigentlich unentschuldbare Verhalten von Glenn Beck und den herzlosen Atomkraftgegnern hier in Deutschland.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Heather De Lisle: Der BlackBerry-Aufstand

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