Städte übernehmen von Staaten die Rolle als Problemlöser. Benjamin Barber

Medienhatz

Von Thema zu Thema, ohne Rast und ohne Ruh. Immer schneller dreht sich das Medien-Karussell, heute Guttenberg, morgen Ägypten, übermorgen FDP. Da stellt sich die Frage: Leiden wir Journalisten alle unter ADHS?

In der vergangenen Woche befand ich mich in einem wohlverdienten Urlaub in einem der Arabischen Emirate am Persischen Golf. Vielleicht eine merkwürdige Wahl für eine Amerikanerin, aber gegen 30 Grad plus kann selbst ich nichts einwenden. Gestrandet zwischen Palmen ohne Internetanschluss oder Facebook-Zugang, hatte ich ganze fünf Tage lang keine einzige Nachrichtenquelle außer der „Times“ aus England, welche jeden Morgen an meiner Türklinke im Hotelzimmer hing. Ich hatte fast vergessen, wie es sich anfühlt, eine richtige Zeitung in der Hand zu halten. Ich hatte definitiv vergessen, wie sehr gedruckte Tinte sich auf die Finger abfärbt, wenn man versucht, eine solche Zeitung zu lesen. Die weiße Strandhose litt sehr darunter.

Auf jeden Fall habe ich auch deswegen nicht viel von der Welt mitgekriegt, weil die „Times“ sich in der Zeit fast ausschließlich mit einer bevorstehenden Klage gegen die Regierung befasste. Offensichtlich sind die Kolonialisten vor ein paar Jahrzehnten ziemlich brutal mit aufständischen Kenianern umgegangen, und die wollen nun Gerechtigkeit. Richtig so. Interessant auch, weil in Deutschland überhaupt nicht darüber berichtet wird. Und weil mir diese trockene englische Schreibweise sehr gefällt.

Die Medien leiden unter ADHS

Als ich abflog Richtung VAE, gab es zwei Hauptthemen in den Nachrichten: Japan und Libyen. Nun bin ich wieder in Deutschland angekommen, und suche vergeblich nach neuen Informationen zu Gaddafi oder über die Lage in Fukushima. Nirgendwo ist davon zu lesen. Ist Gaddafi noch am Leben? Oder nicht? Ist die Revolution vorbei? Wenn ja, wer hat denn gewonnen? Und was ist mit Japan? Gab’s da nicht irgendwie noch ein Nachbeben? Und eine laufende Atomkatastrophe? Nein, davon ist nicht die Rede. Stattdessen finde ich Artikel über zu Guttenberg, die deutsche Atompolitik, den BBI-Großflughafen und die Massenkarambolage im Sandsturm. Nicht, dass diese Storys nicht auch etwas wert sind, aber ich habe das Gefühl, die Medien leiden unter einem akuten Aufmerksamkeitsdefizit.

Laut Wikipedia ist ADHS „eine Krankheit, die sich durch Probleme mit der Aufmerksamkeit sowie Impulsivität und häufig auch Hyperaktivität auszeichnet“. Als ich noch klein war, hieß das „schlecht erzogen“. Oder auch „Kinder, die zu viel Zucker gegessen haben“. Heute gibt’s Medikamente dafür und ein eigenes Krankheitsbild. Da heutzutage auch jeder im Internet Krankheiten diagnostizieren kann, mache ich das auch und sage: Die Medien leiden unter ADHS. Können wir nicht mal eine Sache bis zum Ende durchstehen? Oder muss immer eine neue Story her, eine neue Headline?

Wir haben noch nicht einmal einen Popstar, auf den wir die Schuld schieben können

Natürlich gibt es in dieser vernetzten Welt viele Sachen, die unsere Aufmerksamkeit erfordern, aber ich frage mich, ob wir es nicht langsam zu weit treiben. Ich fand das schon 2009 besorgniserregend, als sich die Medienwelt innerhalb von fünf Stunden von der Revolution im Iran abgewendet hatte und nur noch über Michael Jacksons Tod berichtete. Wer weiß, was passiert wäre, wenn der internationale Pressedruck noch weiter die Aufmerksamkeit auf Ahmadinedschad gerichtet hätte? Vielleicht wäre in Iran schon längst eine neue Regierung installiert worden, und die Revolutionen in Nordafrika wären viel leichter über die Bühne gegangen. Aber nein, Michael Jacksons Tod war auf einmal viel wichtiger als Millionen von unterdrückten Menschen in Persien.

Und jetzt? Jetzt haben wir nicht mal einen Popstar, dem wir die Schuld geben können für das Desinteresse der Medien an der Lage in Nordafrika. Ich habe immer noch keine Ahnung, ob Gaddafi noch am Leben ist oder ob Japan im Meer versunken ist. Ich werde jetzt wohl in die Bibliothek gehen müssen und mir alte Zeitungen ausleihen, um zu erfahren, was passiert ist, als ich weg war.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Heather De Lisle: Der BlackBerry-Aufstand

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