Wir brauchen den Citoyen, dem Werte wie Freiheit, Demokratie und Eigentum auch im Netz am Herzen liegen. Ansgar Heveling

Mit Schnürsenkeln Politik machen

Vom ersten Teebeutel zur weltweit bekannten Bewegung hat es in den USA nicht lange gedauert. Auch in Deutschland kann eine Idee alles verändern, doch spontan bedeutet etwa für die Unzufriedenen der CDU drei Wochen Vorlauf. Es ist also so weit, schickt eure Schnürsenkel nach Berlin, wenn ihr unzufrieden seid!

„Quo vadis CDU: Deutsche Tea Party oder neue Partei“ war der Titel des konservativen Kongresses der „Aktion Linkstrend Stoppen“ voriges Wochenende hier in Berlin. Dass diese Tagung erfolglos bleiben würde, erkannte ich schon am Titel. Langweilig und auch noch mit Latein „aufgepeppt“. Die Probleme fingen aber schon am Vorabend an, als ich zum Spendendinner ging. Als ich im Restaurant nach der Gruppe fragte, sagte der Kellner zu mir: „Ach, sie wollen zu den Linken? Hier lang bitte.“ Anstatt ihm zu erklären, dass ich auf keinen Fall zu den Linken will, habe ich nur nett gelächelt. Ich weiß, dass Konservative in Deutschland schon ihre Probleme haben. Aber eine Gruppe, die sich gegen den Linkstrend wehrt, sollte es vermeiden, sich einen Namen auszusuchen, der „links“ enthält. Denn die meisten Leute hören nicht richtig zu. „Aktion Linkstrend Stoppen“ wird dann im Gehirn verkürzt. Alles, was stecken bleibt, ist „Links“.

Spontan bedeutet für diese Leute drei Wochen Vorlauf

Auf dem Kongress selber am nächsten Tag sollte ich dann Impulse geben für eine Deutsche Tea Party. Mit einem Altersdurchschnitt von 50 Jahren sahen die Teilnehmer aber nicht aus, als ob sie bereit wären für eine Revolution. Und das waren sie auch nicht. Spontan bedeutet für diese Leute drei Wochen Vorlauf. Mir wurde allen Ernstes die Frage gestellt, was das denn nutzen sollte zu demonstrieren. Und das ginge ja sowieso nicht, da man nicht bei einer Demo sicher sein könnte, dass auch alle Teilnehmer CDU-Mitglieder sind. Der Vorschlag wurde gemacht, man solle eine Gruppe bilden, die über eine deutsche Tea Party berät und sich dann in sechs Monaten noch mal trifft, um alles durchzugehen. Da platzte mir der Kragen und ich griff das Mikrofon und riet den Teilnehmern, sich mit Gleichgesinnten einfach mal in einen Biergarten zu setzen und informell darüber zu reden, was man denn tun könnte, um die Politiker zu bewegen. Die sollten dann nach dem Sommer (und hoffentlich vielen erfolgreichen Biergarten-Treffs in ganz Deutschland) eine Demonstration anmelden am Brandenburger Tor. Ich versicherte die Teilnehmer, dass die Politiker sehr wohl hören würden, wenn 150.000 Menschen in Berlin auf die Straße gingen. Da fing der Spaß erst richtig an.

„Aber wie laden wir Leute zu so einem Treffen ein?“, fragte ein Teilnehmer. Ganz einfach. Ein Facebook-Event machen, es auf „öffentlich“ schalten und dann alle Freunde einladen. Die laden dann ihre Freunde ein und schon ist es passiert. Die vier bis fünf Teilnehmer unter 50 nickten voller Begeisterung. Die älteren Herren guckten mich an, als wäre ich ein Alien. „Aber wer bezahlt das?“, war die nächste Frage. Na jeder sein eigenes Bier. Ist das denn so schwer zu kapieren? „Wir brauchen dann aber ein Programm und jemand, der die Diskussion leitet!“, kam der nächste Einwurf. Da fühlte ich mich selber wie ein Alien. Ich weiß, dass die deutsche Kultur sehr unterschiedlich ist zu der amerikanischen, aber kann es wirklich so schwierig sein, einfach mal ein paar Leute zum Biertrinken einzuladen? Für konservative Parteibonzen offensichtlich schon. Der Gedanke, auch mal im vorpolitischen Raum aktiv zu werden, ist wohl so fremd, dass es nicht mal in ihre grauen Köpfe reinpasst. Aber nur so kann es funktionieren.

Vom ersten Teebeutel zur weltweit bekannten Bewegung

Die Amis, die damals en masse Teebeutel in Umschlägen nach Washington schickten, waren zum größten Teil keine Parteimitglieder. Das waren normale Amerikaner, die die Schnauze voll hatten von der Regierung. Aber es hat funktioniert. Die Abgeordneten fragten sich, wieso sie alle auf einmal Teebeutel in der Post hatten. Die Presse machte sich darüber lustig und richtete damit noch mehr Aufmerksamkeit auf die Bewegung. Mehr und mehr Leute schlossen sich der Bewegung an und verschickten auch Teebeutel. Dann fingen die an, sich bei Grillpartys zu treffen und die nächsten Schritte zu organisieren. Und danach gingen sie dann selber demonstrieren. Heute ist die Tea Party eine weltweit bekannte Bewegung, die durchaus auch in der Politik was zu sagen hat.

Ich habe auf Facebook Freunde aus allen politischen Richtungen. Von den linksorientierten, die zum größten Teil mit meiner Meinung nichts anfangen können, bekomme ich in der Regel ein- bis zweimal im Monat eine Einladung. Entweder zu einer Demo und zu einer Mottoparty, z.B. „Stoppt den Kapitalismus! – Wir feiern in der Bar XY.“ Dass man Kapitalismus nicht mit Bierkonsum stoppen kann, ist den Teilnehmern egal, die Location auch, Hauptsache es wird kein Beck’s dort verkauft. Von meinen konservativen Freunden kommt – wenn überhaupt – alle halbe Jahre eine Einladung zu einem Stammtisch, einer neuen Vereinigung oder einem Vortrag im Haus der Bruderschaft XY. Fazit: links ist cool, konservativ ist zum Einschlafen.

Auch in Deutschland kann eine Idee die Welt verändern

Aber das muss ja nicht so sein. Auch hier in Deutschland kann eine einfache Idee die Welt verändern. Die Grünen haben es damals geschafft. Ende der 80er marschierten sie mit ihren Turnschuhen nach Berlin und haben was bewirkt. Inzwischen fahren sie alle Mercedes und lassen sich die Haare von Udo Walz schneiden, aber damals waren das ganz normale Menschen, die sich Sorgen gemacht haben, weil Leute wie ich zu viel Haarspray benutzt haben.

Nun braucht Deutschland nicht schon wieder eine neue Partei. Das ist Quatsch. Es gibt hier schon so viele und die sind eh alle sowieso gleich. Was Deutschland braucht, ist eine Bewegung. Und zwar eine Bewegung, der sich alle verärgerte Bürger des Landes anschließen können, egal welche Partei sie normalerweise wählen, und egal ob sie überhaupt Wählen gehen. Wir müssen ein Zeichen setzen. Aber wir können keine Teebeutel nach Berlin schicken, das hat keinen Sinn. Mir fiel spontan keine Alternative ein, also rief ich meinen Vater an. Seine Idee ist einfach und genial. Die Turnschuhpartei war ja ein Erfolg. Nun schreiben wir aber inzwischen das Jahr 2011 und für Turnschuhe reicht’s nicht mehr. Alles, was uns geblieben ist, sind unsere Schnürsenkel. Also schicken wir die doch nach Berlin. Einfach einen alten Schnürsenkel nehmen, in einen Umschlag packen und an deinen Abgeordneten oder an Angie selbst schicken. Das kostet nur eine Briefmarke, und wir setzen damit ein Zeichen. Ganz ohne Programm und ganz ohne Partei. Einfach so. Wir schicken unsere Schnürsenkel nach Berlin, um den Politikern klarzumachen, dass es so nicht mehr weitergeht. Sie müssen anfangen, auf ihre Wähler zu hören. Sonst schnüren wir unser eigenes Paket für die Zukunft. Ich weiß nicht, ob wir damit was erreichen werden. Aber es ist ein Anfang. Und es kostet ja nichts außer einer Briefmarke. Und einem alten Schnürsenkel.

Ich gehe jetzt gleich zum Briefkasten und mache den ersten Schritt. Die Schnürsenkelbewegung hat begonnen.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Heather De Lisle: Der BlackBerry-Aufstand

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