In Berlin haben Deutsche und Amerikaner gelernt, wieder zusammenzuarbeiten. Barack Obama

Teatime

Die Tea-Party-Bewegung ist gekommen, um zu bleiben. Die Republikaner nutzen die Wut der Bewegung, um die Drecksarbeit zu erledigen – in die Logen der Macht wollen sie die aufgebrachten Amerikaner jedoch nicht lassen. Denn eine stringente Agenda haben die Wutbürger nicht.

Die Tea Party ist im Wesentlichen eher eine libertäre Bewegung als eine konservative. Aber ihre Botschaft – auch zu besten Zeiten eher schizophren – scheint wirrer zu werden, je einflussreicher und beliebter die Tea Party wird. Der einzige erkennbare Leitfaden ist die Wirtschaft. Die Anhänger der Bewegung machen sich Sorgen um die hohe Arbeitslosigkeit und die wirtschaftliche Schieflage.

Es ging von Anfang an um Schein statt Sein

Viele argumentieren, dass die politische Plattform der Tea Party schon bald von den Republikanern unterwandert sein wird. Das stimmt wahrscheinlich, ist aber egal. Bei der Tea Party ging es von Anfang an eher um Schein und nicht um Sein. Die Wähler glauben – ob es nun stimmt oder nicht –, dass die Tea Party von der Basis finanziert und geleitet wird und nicht von der konservativen Meinungselite der “Grand Old Party” (GOP). Fakt ist aber, dass Max Mustermann und seine Kumpels weder den Einfluss noch das Geld haben, um in die Loge einzutreten, in der die Schwergewichtler der GOP ihre Pläne schmieden. Im Moment sind die Republikaner froh darüber, dass die Tea Party die Drecksarbeit übernimmt und den Druck der Straße aufrechterhält. Die Einladung zum Kaviar-Dinner mit den Parteibonzen wird trotzdem auf sich warten lassen. Die GOP behandelt die Tea Party ähnlich, wie die Plantagenbesitzer damals ihre Sklaven behandelt haben: Sie sind gut genug, um die Baumwollernte einzutreiben. Aber um Gottes willen, lasst sie bloß nicht ins Haus.

Wo Sarah Palin in diese ganze Geschichte hineinpasst, ist auch nicht ganz klar – die GOP kann sie nicht leiden, und sie ist viel zu neokonservativ, um die ursprünglichen Werte der Tea Party nach außen zu projizieren. Die Medien haben sich trotzdem entschieden, Palin zum Kopf der Bewegung zu küren.

Hass ist kein Markenzeichen der Konservativen

Gleichzeitig dreschen die Massenmedien seit dem Attentat in Arizona auf die Bewegung ein und brandmarken die Tea Party als Brutstätte des Extremismus. Das ist aus zwei Gründen nicht glaubhaft. Erstens hat der mutmaßliche Schütze, Jared Lee Loughner, nicht mal im Entferntesten Interesse gezeigt an der Tea Party, Sarah Palin oder der Republikanischen Partei. Zweitens haben die Demokraten schon Poster mit George Bush in SS-Uniform gemalt, als Sarah Palin noch selbst die Schulbank gedrückt hat. Hass und aggressive Rhetorik sind kein Markenzeichen der Konservativen oder Alleinstellungsmerkmal der Tea Party. Der einzige Funken Wahrheit an der Geschichte ist, dass Extremisten in den USA eher libertär eingestellt sind. Das ist weder überraschend, noch sagt es etwas über die aktuelle Situation aus.

Was ihr Einfluss auf die politische Landschaft betrifft, ist die Tea Party eher ein Anhängsel der Republikaner als eine Partei für sich. Obwohl sie Demokraten und Independents zu ihren Anhängern zählt, besteht die Tea Party zum größten Teil aus desillusionierten Republikanern, die verzweifelt Ablenkung vom Schrecken der Bush-Regierung suchen. Die Tea Party hat keine durchdachten Alternativen. Doch ihre Kandidaten sind ungewöhnlich und unverbraucht, das gefällt dem Wähler.

Wir haben gesehen, welche maßgebende Rolle die Tea Party bei den Midterm-Elections gespielt hat. Und wenn genug Anhänger auch in Zukunft den Sprung nach Capitol Hill schaffen, dann könnte so mancher ihrer Träume wahr werden. Die Tea Party ist viel mehr als eine Eintagsfliege. In der Zukunft werden wir Amerikaner uns wohl ans Teetrinken gewöhnen müssen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Mark Noonan, Wolfram Eilenberger, Frank Bergmann.

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