Die Kraft, die Gutes will und Böses schafft

von Hasso Mansfeld19.03.2015Gesellschaft & Kultur, Wirtschaft

Die Gewaltausbrüche in Frankfurt kommen nicht aus dem Nichts. Denn neben einer strukturell antisemitischen Kapitalismuskritik bietet die Bewegung eigentlich nur noch Krawalltourismus.

Ausgebrannte Autos, mehrere Hundert Verletzte, eine Stadt in Aufruhr und, obwohl das gegen die Gefährdung der Gesundheit vieler Tausend Menschen kaum ins Gewicht fällt, Sachschaden wahrscheinlich in Millionenhöhe. Das ist die Bilanz der vollmundig von Blockupy International zum „Tag X“ ausgerufenen Proteste in Frankfurt anlässlich der Feierlichkeiten zur Eröffnung des neuen Hauptquartiers der Europäischen Zentralbank. Nun distanzieren sich die friedlichen Demonstranten einmal mehr traditionell halbherzig, viele Menschen, die in den letzten Jahren durchaus mit einigem Wohlwollen auf Occupy und alles was danach kam geblickt haben, sind überrascht und die Politiker der Alternativlosigkeit sehen sich bestätigt: Kritik kommt eben doch nur von Chaoten. Dabei ist es überhaupt nicht verwunderlich, dass die schon immer schwer zu fassende frühere Occupy-, nun Blockupy-Bewegung (man beachte, wie der Namenswandel die Eskalation vorwegnimmt) derart explodiert. Gewiss hatte das besetzerische Treiben vergleichsweise zivilisiert und manchmal gar so idealistisch-naiv begonnen, dass man die Protagonisten am liebsten hätte knuddeln wollen, doch dass innerhalb der Heterogenität von Occupy eine durchaus bedenkliche Gemengelage angemischt wurde, war abzusehen.

Tatsächlich schon dem Anspruch nach aggressiv war die von Anfang an vollmundig formulierte Überzeugung, für „99%“ der Bevölkerung zu sprechen und in deren Namen dem ominösen „einen Prozent“ den Kampf anzusagen, “während man etwa deutschlandweit noch nicht einmal ein Promille der Bevölkerung auf die Straße brachte”:http://www.welt.de/regionales/berlin/article13715208/8000-Bankenkritiker-umzingeln-das-Regierungsviertel.html. Mag die Wut der Protestierenden über die zweifelhaften Prioritäten, die im Krisenmanagement 2008 und 2009 gesetzt wurden, die Rettung „systemrelevanter“ Banken auf dem Rücken der Individuen und Steuerzahler, über die Ausweitung des Staatsdefizits zur Begleichung der Schulden großer Finanzmarktakteure, auch berechtigt gewesen sein, und mögen die ursprünglichen Forderungen des amerikanischen Originals, etwa die Wiederherstellung des unter Clinton aufgehobenen Trennbankensystems sowie ein höherer Eigenkapitalanteil auch einiges für sich gehabt haben: Sie traten bald um des Protestes willen zurück hinter den Protest, dessen konkrete Erscheinungsformen bei genauerem Hinschauen Ungutes ahnen ließen.

Ein Antikapitalismus, der Antisemitismus Vorschub leistet

Denn hinter dem wie eine Monstranz vor Occupy hergetragenen Pluralismus der Bewegung lauerte ein regressives Gemeinschaftsbedürfnis, das den rituellen Selbstvergewisserungen der frühen Proteste bereits aus jeder Pore triefte. Ihre Entscheidungen, zum Beispiel, trafen die Demonstrierenden in den ersten Jahren, wie man etwa in Jon Stewarts „Daily Show“ stolz erklärte, ausschließlich nach dem Konsensprinzip. Vielfältigen Gesten, mit denen die Occupier im „Plenum“ Zustimmung zu, Missfallen gegenüber, oder Unbehagen an einer Entscheidung ausdrückten, vermitteln auf heimelige Weise ein Gefühl von „basisdemokratischer“ Mitbestimmung. Natürlich machte dabei jeweils die abweichende Meinung auch nur eines einzelnen Aktivisten die Entscheidungsfindung unmöglich, was man eigentlich schon aus den Erfahrungen der K-Grüppler der Siebzigerjahre hätte gelernt haben können. In der Realität führte das dazu, dass sich diejenigen Aktivisten mit dem besten Sitzfleisch sprichwörtlich _durch-setzten_.

Die Überzeugung, im Namen einer überwältigenden Mehrheit die Welt zu verbessern, ein kuschelig romantisches Gemeinschaftsbedürfnis und im Hintergrund die reale Herrschaft eines kaum durch „Checks and Balances“ gestörten Rechts des Stärkeren: Diese Mischung kann schnell dazu führen, dass es knallt. Es brauchte nur den richtigen Zündstoff, um die Gewalt der zähesten Hintern durch die der Faust zu ersetzen.

Feinde hatte man von Anfang an zur Genüge ausgemacht. Die auch sechs Jahre später noch gern verdrängte und in jedem Fall zu diskutierende Frage, wie aus der Finanzkrise eine Weltwirtschaftskrise werden konnte, die in den USA mittlerweile als _Great Recession_ bezeichnet wird, war schnell zugunsten einfacher Feindbildbestimmungen fallen gelassen worden.

Schon 2011 rühmte sich der deutsche Ableger von „Occupy Wall Street“, unter dem Motto „Banken in die Schranken“ zusammen mit 9.000 Gleichgesinnten das Frankfurter Bankenviertel „umzingelt“ zu haben. Auch die Versuche, all die systemischen Probleme, die mit zur Krise beigetragen haben in einzelnen Personen und Personengruppen greifbar zu machen, wurden häufiger. Parolen wie „Spekulanten verpisst euch“, oder „Finanzjongleure an den Pranger“ leisteten, wie Samuel Salzborn in der „Jüdischen Allgemeinen“ analysierte, einem Antikapitalismus Vorschub, der antisemitische Affekte begünstigt. Die auf Schildern und online mehrfach zu lesende Parole „Dieses Land gehört uns, nicht den Plutokraten“ etwa gemahnte nicht zufällig an einen Jargon, mit dem in der Bewegungsphase des Nationalsozialismus gegen das „jüdische Kapital“ gehetzt wurde. Verwundert es da, dass sich mit der Zeit auch immer wieder offen antisemitische Töne den Protesten beimischten? „Google: Jewish Billionaires“, las man z.B auf dem Plakat eines Protestierenden in New York, andere Slogans lauteten: „Humanity vs. the Rothschilds“, oder „Its Yom Kippur – banks should atone“. Bis zum 21. Oktober 2011 fand man auf der offiziellen Website der Frankfurter Besetzer gar noch das folgende Statement: „Eine kleine mafiaartig organisierte Gruppe, deren Mitglieder sich wohl schon über Generationen hinaus gegenseitig die Posten zuschieben, missbrauchen die jüdische Glaubensgemeinschaft für ihre Ziele.“

Blockupy bleibt als Alleinstellungsmerkmal nur der Eventcharakter

Die heftigsten Verschwörungstheoretiker haben nach allem, was in den letzten Monaten zu beobachten war, mittlerweile in den Reihen der Montagsdemonstranten ein neues Zuhause gefunden, womöglich hat auch Pegida einige der ursprünglichen Wütenden integriert. Occupy/Blockupy bleibt als Alleinstellungsmerkmal gegenüber den vielfältigen Unmutsbezeugern neueren Datums seitdem vor allem der Eventcharakter ihrer Großdemonstrationen, um der eigenen Bewegung neues Leben einzuhauchen. Aus der Website “blockupy.org”:https://blockupy.org/, die sich teilweise wie die Broschüre eines Abenteuerreiseveranstalters liest, geht das deutlich hervor.

Die Auswüchse davon durften wir gestern in Frankfurt erleben, wo nicht zuletzt auch zahlreiche „Krawalltouristen“ wüteten. Menschen, die die Sehnsucht nach Gemeinschaft in eine vor allem durch ihr alternatives Image verführerische Opposition zur Restgesellschaft trieb, die natürlich das, was sie suchten, mit und innerhalb von Occupy/Blockupy auch nicht finden konnten, verlieren die Kontrolle oder stehen zumindest fassungslos vor der Gewalt, die sich Bahn bricht. Sie haben ihr so wenig entgegenzusetzen, dass es nicht einmal zu einer überzeugenden Distanzierung reicht.

Denn ich bin weiterhin überzeugt, dass der Großteil der Menschen, die am gestrigen Tag in Frankfurt auf die Straße gingen, keine schlechten Menschen sind. Dass sie als Einzelne berechtigte Ängste, Sorgen, Anliegen haben. Wenn ich unbedarfte junge Menschen auf dem Weg zur Demo sehe, kommt mir Goethes Mephisto in den Sinn, der sagt:

bq. Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.

Bei Blockupy ist es andersherum.

Letztendlich sind die Krawalle von Frankfurt ein schreckliches Ereignis. Einmal für alle, die direkt darunter leiden, ob Arbeitende, Anwohner, Polizisten oder friedliche Demonstranten. Und dann für alle, die der Meinung sind, „alternativlos“ dürfe tatsächlich kein Wort sein, das in einem politischen Vokabular etwas verloren hat. Sie sehen sich nach dem gestrigen Tag noch größerem Rechtfertigungsdruck ausgesetzt.

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