Essen, Schlafen, Sex

von Hasso Mansfeld13.03.2015Gesellschaft & Kultur, Medien

Trash-Formate wie „Newtopia” und Co. bringen das Schlechteste im Menschen hervor: laufend mit dem Finger auf andere zu zeigen.

In Thomas Manns „Zauberberg“ sinniert Protagonist Hans Castorp darĂŒber, wie besonders verlockend ein schöner Frauenarm doch erst erscheine, wenn er von feinen Stoffen umschmeichelt wird. Nicht die gnadenlose Offenlegung des Reizes, sondern das andeutungsreiche Spiel damit macht fĂŒr Castorp die Verlockung aus.

Das Spiel mit den Andeutungen hat die moderne Massenkultur, insbesondere das Fernsehen, grĂ¶ĂŸtenteils verlernt. Galt noch in den frĂŒhen Neunzigern die PrivatsphĂ€re als absolutes Tabu der Berichterstattung, so ist diese mittlerweile unmittelbar in den Fokus gerĂŒckt. Kaum ein Tag vergeht, in der nicht intime Bekenntnisse und persönliche Streitigkeiten medial zelebriert werden. Mit der Entgrenzung einher scheint eine dem eingangs AngefĂŒhrten vergleichbare Abstumpfung zu gehen, die allerdings nicht auf neue Wege der Sublimation, sondern auf immer mehr vom Gleichen zielt: Intellektueller Anspruch wird durch SexualitĂ€t, Aggression und exhibitionistische Zurschaustellung substituiert. Bedient wird eine Neigung zum Voyeurismus, sowie mehr und mehr zur herabwĂŒrdigenden Abgrenzung vom Objekt des Blickes, den fĂŒr alle Zuschauer erkennbar „unter uns“ stehenden, streitsĂŒchtigen, instinktgesteuerten, cholerischen „Asozialen“.

Sat.1 neue Reality-Show “„Newtopia“”:http://de.wikipedia.org/wiki/Newtopia soll laut Sender das Zeug haben, den Entwicklungen in Reality-TV und Scripted Reality in Deutschland die Krone aufzusetzen. Nicht weniger als die _Entwicklung einer neuen Form von gesellschaftlichem Zusammenleben_ soll der Zuschauer dort an 365 Ausstrahlungstagen bezeugen. Zu erwarten allerdings ist, dass vor allem wieder der sattsam bekannte Mix aus Sex, Streit und Erniedrigung geboten wird. Man ist geneigt, das als Analogie auf den Zustand unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens zu lesen.

Von der Traumhochzeit zu Newtopia

Als den ersten Schritt auf dem Wege zur Aufhebung des Privaten im Fernsehen erinnere ich mich an die Sendung „Traumhochzeit“. Vor dem gerĂŒhrten deutschen Fernsehpublikum konnten heiratswillige Paare einen der intimsten Momente ihrer Beziehung, den Heiratsantrag, öffentlich vollziehen. Doch bald war harmonische Zweisamkeit nicht mehr genug. Im nĂ€chsten Schritt galt es, persönliche Differenzen von Menschen in Fernsehformate wie „Verzeih mir“ zu pressen. Stand in diesen Sendungen mit der finalen Versöhnung immer noch die Harmonie im Vordergrund, wurden sehr bald Streit und Provokation zu eigenstĂ€ndigen Elementen der Unterhaltung. Auf Krawall gebĂŒrsteten Formaten folgten bald Gerichtsshows, in denen der verhandelte GesetzesĂŒbertritt ein zusĂ€tzliches Moment des Skandals generierte, und so den Zuschauer bei der Stange hielt.

Den vermeintlich logischen Endpunkt dieser Entwicklung stellte die 24-Stunden-Reality-Show „Big Brother“ dar. Konnten die bis dahin entwickelten Sendeformate nur einzelne Aspekte des Privatlebens behandeln, wurde nun der gesamte Alltag des Menschen öffentlich ausgestellt. Allerdings stieß man dabei auf ein unerwartetes Problem. Das alltĂ€gliche Leben der meisten unserer MitbĂŒrger ist, aus dramaturgischer Sicht, ĂŒberraschend langweilig. Essen, schlafen, Unterhaltungen ĂŒber dies und das, nackig duschen. Nicht gerade der Stoff, aus dem große Tragödien gestrickt werden. So musste der eintönige Brei dann wieder durch zusĂ€tzliche physische und psychische Stressfaktoren gewĂŒrzt werden. „Die Alm“, „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus“ und „Newtopia“ sind Ergebnisse dieser Einsicht. Dem voyeuristischen Fokus auf das Intimste folgt die bewusste Eskalation der Inhalte und Konfrontationsmomente.

Die andere Seite dieser Medaille sind die immer stĂ€rker aufkommenden Scripted-Reality- Programme, die das Risiko, sich mit echten Menschen herumplagen zu mĂŒssen, nicht mehr eingehen, ohne dabei auf IntimitĂ€t und Voyeurismus zu verzichten. Um pseudorealistische Szenarios wird in Serien wie „Berlin – Tag & Nacht“, das auf Facebook knapp viermal so viel Fans hat wie der in Deutschland mit Sicherheit nicht unbeliebte „Tatort“, ein ganzes Universum an Möglichkeiten der Identifikation, und wichtiger, der Abgrenzung, entwickelt. Anstelle der fĂŒr einen gesunden Menschen notwendigen Selbstreflexion ist die pure Ablenkung getreten. Fatal dabei ist, dass es nie zu einer echten Befriedigung kommen kann, da die wahre Ursache der Nachfrage nach Ablenkung die Unzufriedenheit des Menschen mit sich selbst, seiner Lebenssituation, seinen Perspektiven ist. Solange das nicht erkannt und angegangen wird, sind der Spirale der Eskalation wenig Grenzen gesetzt: Neue TV-Szenarios von der “Geburt in der Wildnis bis hin zu Kannibalismus vor laufender Kamera”:http://www.bild.de/regional/berlin/newtopia/krasseste-tv-shows-39987982.bild.html stehen schon in den Startlöchern.

Ich-SchwÀche, Voyeurismus, GehÀssigkeit

Mir bereitet diese Entwicklung Sorge. Dass kulturelle Formate entstehen, die eher an unsere niederen Instinkte appellieren, die eher zerstreuen und emotional bewegen wollen, als anzuregen oder aufzuklĂ€ren, ist normal. Das hat es immer gegeben und ist vielleicht sogar notwendig. Einer der meistgelesenen Dichter zu Zeiten Goethes und Schillers war der heute fast vergessene “Gottfried August BĂŒrger”:https://www.uni-due.de/lyriktheorie/texte/1791_schiller.html, seinerzeit ein enorm erfolgreicher Verfasser eher leichterer LektĂŒre. Aber dass sich ein so ĂŒberwĂ€ltigender Anteil der Unterhaltungsproduktionen nicht einfach dem leichten, dem Konsumierbaren widmet, sondern vor allem das BedĂŒrfnis bedient, sich an der ErbĂ€rmlichkeit des Lebens anderer Menschen selbst aufzubauen, das BedĂŒrfnis sich aggressiv abzugrenzen und auf den Mitmenschen herabzusehen, das ist neu. Und es verheißt nichts Gutes.

Denn diese Bedienung eines unreflektierten AbgrenzungsbedĂŒrfnisses haben so unterschiedliche Shows wie „Big Brother“ und „Berlin – Tag & Nacht“ gemein. Der Voyeurismus, den sie ansprechen, ist nicht mehr der sexuelle Hans Castorps, der gern hinter das weibliche Geheimnis der feinen Gaze kommen wĂŒrde. Es ist nicht mehr die ĂŒbersteigerte Neugier darauf, wie meine Mitmenschen eigentlich leben. Es ist die GehĂ€ssigkeit dessen, der sich versichert: „So weit immerhin ist es mit mir noch nicht gekommen.“

Aus dieser GehĂ€ssigkeit spricht eine zunehmende Unsicherheit der deutschen Mehrheitsgesellschaft. AbstiegsĂ€ngste, die zuletzt etwa im Zusammenhang mit den “Pegida”:http://www.theeuropean.de/hasso-mansfeld/9461-pegida-keine-bastion-westlicher-ideale- und “Montagsdemonstrationen”:http://www.theeuropean.de/hasso-mansfeld/8540-die-psychologie-der-montagsdemonstrationen analysiert wurden, vermischen sich mit dem BedĂŒrfnis der jetzt schon schlechter Gestellten, mit dem Finger auf jene zu zeigen, denen es noch schlechter geht. Allerdings: Auch Studenten und Menschen mit höheren BildungsabschlĂŒssen finden sich darin in irgendeiner Weise wieder, zum Beispiel in Sendungen wie „Bauer sucht Frau“, das in manchen akademischen Milieus beinahe zum Kult avanciert. Gewiss, man schaut dem Elend mit einem Augenzwinkern zu. Aber: Man schaut zu.

Mit Bildung zur MĂŒndigkeit

Ein selbstsicheres „Ich“ fĂ€llt nicht vom Himmel. Die FĂ€higkeit, sich selbst abzugrenzen, ohne auf andere herabzusehen, ist im Menschen angelegt. Doch um wirklich zur Entfaltung zu kommen, verlangt es nach einem gelingenden Prozess der Individuation. Erst dieser bringt den mĂŒndigen BĂŒrger hervor, der sich vom kategorischen Imperativ ansprechen lĂ€sst, und der in den meisten unserer Überlegungen zu gesellschaftlichem Zusammenleben und Demokratie implizit vorausgesetzt wird. Es ist die im Zusammenhang mit sogenannten wutbĂŒrgerlichen Manifestationen von rechts wie von links oft konstatierte Erosion der (bĂŒrgerlichen) Individuation, die meines Erachtens auch in unseren zunehmend voyeuristischen Sehgewohnheiten zum Ausdruck kommt. Ihr wĂ€re erzieherisch im Sinne einer BefĂ€higung zur MĂŒndigkeit entgegenzuwirken. Weil wir aus gutem Grund in familiĂ€re VerhĂ€ltnisse und individuelle Erziehungsmodelle nicht eingreifen, wĂ€ren hier die bestehenden Bildungseinrichtungen gefordert.

Doch gerade diese sind in einem desolaten Zustand. Gerade die öffentlichen Schulen mit ihren verbeamteten Lehrern, “die noch immer ihr Personal dreifach negativ selektieren”:http://www.theeuropean.de/hasso-mansfeld/8369-warum-unser-schulsystem-bessere-lehrer-braucht, die sicherheitsbedĂŒrftige, auf Altbekanntes fixierte und ĂŒberangepasste Bewerber wie magisch anziehen, haben sich lĂ€ngst so sehr von den Idealen des Humanismus entfernt, dass von dort kaum noch Impulse gegen eine gesellschaftliche Entwicklung zu erwarten sind, die unvermindert weiter wahlweise Apathie oder Missgunst zustrebt. Man macht Eimer voll, statt Fackeln anzuzĂŒnden. Man erweckt nicht die Interessen junger Menschen und fördert deren besondere FĂ€higkeiten, sondern verrichtet Dienst nach Vorschrift, um so viel „prĂŒfungsrelevanten“ Stoff wie möglich in kĂŒrzester Zeit abzuarbeiten. Mag sein, was die Schule betrifft, bin ich ein gebranntes Kind. Aber hĂ€tte ich nicht selbst, auch dank interessanter Anregungen von außen, mich aus diesem Sumpf gezogen und neue Perspektiven entwickelt, wer weiß, ob ich nicht heute auch das BedĂŒrfnis verspĂŒren wĂŒrde, mich vom alltĂ€glichen Trott vor dem Fernseher zu betĂ€uben und mich meines eigenen Wertes zu versichern, indem ich mich vor den Bewohnern des Dschungelcamps grusele oder auf die Protagonisten von „Hilf mir doch!“ herabschaue.

Bildung kann Menschen TĂŒren öffnen, kann anregen, kann sie fordern, ĂŒber sich selbst hinauszuwachsen. Man heißt das gern Idealismus, TrĂ€umerei. Der Mensch sei in der Breite eben nicht fĂ€hig zu Höherem, an nichts interessiert außer essen, schlafen und Sex. Daran könne man nicht rĂŒtteln.

Dazu abschließend eine kleine Anekdote. Vor gut einem Jahr veranstaltete ich in meiner beschaulichen Heimatstadt Bingen am Rhein eine Lesung mit dem “Lyriker Sören Heim”:https://soerenheim.wordpress.com/. Das sei zwecklos, sagte man mir, niemand hier tue sich Lyrik an, da habe doch kaum wer einen Zugang zu. Viele GĂ€ste kamen dennoch, waren aber skeptisch. Und verließen uns schließlich mit sichtbar zufriedenen Mienen! Noch Monate spĂ€ter gratulierte der ein oder andere zu dem gelungenen Abend.

Der Mensch ist fĂŒr so vieles aufnahmefĂ€hig, trĂ€gt in sich so viele Möglichkeiten. Damit diese zur Entfaltung kommen, braucht es Bildung statt „Big Brother“.

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