Es stört mich nicht, was meine Minister sagen, solange sie tun, was ich ihnen sage. Margaret Thatcher

Essen, Schlafen, Sex

Trash-Formate wie „Newtopia" und Co. bringen das Schlechteste im Menschen hervor: laufend mit dem Finger auf andere zu zeigen.

berlin fernsehen big-brother

In Thomas Manns „Zauberberg“ sinniert Protagonist Hans Castorp darüber, wie besonders verlockend ein schöner Frauenarm doch erst erscheine, wenn er von feinen Stoffen umschmeichelt wird. Nicht die gnadenlose Offenlegung des Reizes, sondern das andeutungsreiche Spiel damit macht für Castorp die Verlockung aus.

Das Spiel mit den Andeutungen hat die moderne Massenkultur, insbesondere das Fernsehen, größtenteils verlernt. Galt noch in den frühen Neunzigern die Privatsphäre als absolutes Tabu der Berichterstattung, so ist diese mittlerweile unmittelbar in den Fokus gerückt. Kaum ein Tag vergeht, in der nicht intime Bekenntnisse und persönliche Streitigkeiten medial zelebriert werden. Mit der Entgrenzung einher scheint eine dem eingangs Angeführten vergleichbare Abstumpfung zu gehen, die allerdings nicht auf neue Wege der Sublimation, sondern auf immer mehr vom Gleichen zielt: Intellektueller Anspruch wird durch Sexualität, Aggression und exhibitionistische Zurschaustellung substituiert. Bedient wird eine Neigung zum Voyeurismus, sowie mehr und mehr zur herabwürdigenden Abgrenzung vom Objekt des Blickes, den für alle Zuschauer erkennbar „unter uns“ stehenden, streitsüchtigen, instinktgesteuerten, cholerischen „Asozialen“.

Sat.1 neue Reality-Show „Newtopia“ soll laut Sender das Zeug haben, den Entwicklungen in Reality-TV und Scripted Reality in Deutschland die Krone aufzusetzen. Nicht weniger als die Entwicklung einer neuen Form von gesellschaftlichem Zusammenleben soll der Zuschauer dort an 365 Ausstrahlungstagen bezeugen. Zu erwarten allerdings ist, dass vor allem wieder der sattsam bekannte Mix aus Sex, Streit und Erniedrigung geboten wird. Man ist geneigt, das als Analogie auf den Zustand unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens zu lesen.

Von der Traumhochzeit zu Newtopia

Als den ersten Schritt auf dem Wege zur Aufhebung des Privaten im Fernsehen erinnere ich mich an die Sendung „Traumhochzeit“. Vor dem gerührten deutschen Fernsehpublikum konnten heiratswillige Paare einen der intimsten Momente ihrer Beziehung, den Heiratsantrag, öffentlich vollziehen. Doch bald war harmonische Zweisamkeit nicht mehr genug. Im nächsten Schritt galt es, persönliche Differenzen von Menschen in Fernsehformate wie „Verzeih mir“ zu pressen. Stand in diesen Sendungen mit der finalen Versöhnung immer noch die Harmonie im Vordergrund, wurden sehr bald Streit und Provokation zu eigenständigen Elementen der Unterhaltung. Auf Krawall gebürsteten Formaten folgten bald Gerichtsshows, in denen der verhandelte Gesetzesübertritt ein zusätzliches Moment des Skandals generierte, und so den Zuschauer bei der Stange hielt.

Den vermeintlich logischen Endpunkt dieser Entwicklung stellte die 24-Stunden-Reality-Show „Big Brother“ dar. Konnten die bis dahin entwickelten Sendeformate nur einzelne Aspekte des Privatlebens behandeln, wurde nun der gesamte Alltag des Menschen öffentlich ausgestellt. Allerdings stieß man dabei auf ein unerwartetes Problem. Das alltägliche Leben der meisten unserer Mitbürger ist, aus dramaturgischer Sicht, überraschend langweilig. Essen, schlafen, Unterhaltungen über dies und das, nackig duschen. Nicht gerade der Stoff, aus dem große Tragödien gestrickt werden. So musste der eintönige Brei dann wieder durch zusätzliche physische und psychische Stressfaktoren gewürzt werden. „Die Alm“, „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus“ und „Newtopia“ sind Ergebnisse dieser Einsicht. Dem voyeuristischen Fokus auf das Intimste folgt die bewusste Eskalation der Inhalte und Konfrontationsmomente.

Die andere Seite dieser Medaille sind die immer stärker aufkommenden Scripted-Reality- Programme, die das Risiko, sich mit echten Menschen herumplagen zu müssen, nicht mehr eingehen, ohne dabei auf Intimität und Voyeurismus zu verzichten. Um pseudorealistische Szenarios wird in Serien wie „Berlin – Tag & Nacht“, das auf Facebook knapp viermal so viel Fans hat wie der in Deutschland mit Sicherheit nicht unbeliebte „Tatort“, ein ganzes Universum an Möglichkeiten der Identifikation, und wichtiger, der Abgrenzung, entwickelt. Anstelle der für einen gesunden Menschen notwendigen Selbstreflexion ist die pure Ablenkung getreten. Fatal dabei ist, dass es nie zu einer echten Befriedigung kommen kann, da die wahre Ursache der Nachfrage nach Ablenkung die Unzufriedenheit des Menschen mit sich selbst, seiner Lebenssituation, seinen Perspektiven ist. Solange das nicht erkannt und angegangen wird, sind der Spirale der Eskalation wenig Grenzen gesetzt: Neue TV-Szenarios von der Geburt in der Wildnis bis hin zu Kannibalismus vor laufender Kamera stehen schon in den Startlöchern.

Ich-Schwäche, Voyeurismus, Gehässigkeit

Mir bereitet diese Entwicklung Sorge. Dass kulturelle Formate entstehen, die eher an unsere niederen Instinkte appellieren, die eher zerstreuen und emotional bewegen wollen, als anzuregen oder aufzuklären, ist normal. Das hat es immer gegeben und ist vielleicht sogar notwendig. Einer der meistgelesenen Dichter zu Zeiten Goethes und Schillers war der heute fast vergessene Gottfried August Bürger, seinerzeit ein enorm erfolgreicher Verfasser eher leichterer Lektüre. Aber dass sich ein so überwältigender Anteil der Unterhaltungsproduktionen nicht einfach dem leichten, dem Konsumierbaren widmet, sondern vor allem das Bedürfnis bedient, sich an der Erbärmlichkeit des Lebens anderer Menschen selbst aufzubauen, das Bedürfnis sich aggressiv abzugrenzen und auf den Mitmenschen herabzusehen, das ist neu. Und es verheißt nichts Gutes.

Denn diese Bedienung eines unreflektierten Abgrenzungsbedürfnisses haben so unterschiedliche Shows wie „Big Brother“ und „Berlin – Tag & Nacht“ gemein. Der Voyeurismus, den sie ansprechen, ist nicht mehr der sexuelle Hans Castorps, der gern hinter das weibliche Geheimnis der feinen Gaze kommen würde. Es ist nicht mehr die übersteigerte Neugier darauf, wie meine Mitmenschen eigentlich leben. Es ist die Gehässigkeit dessen, der sich versichert: „So weit immerhin ist es mit mir noch nicht gekommen.“

Aus dieser Gehässigkeit spricht eine zunehmende Unsicherheit der deutschen Mehrheitsgesellschaft. Abstiegsängste, die zuletzt etwa im Zusammenhang mit den Pegida- und Montagsdemonstrationen analysiert wurden, vermischen sich mit dem Bedürfnis der jetzt schon schlechter Gestellten, mit dem Finger auf jene zu zeigen, denen es noch schlechter geht. Allerdings: Auch Studenten und Menschen mit höheren Bildungsabschlüssen finden sich darin in irgendeiner Weise wieder, zum Beispiel in Sendungen wie „Bauer sucht Frau“, das in manchen akademischen Milieus beinahe zum Kult avanciert. Gewiss, man schaut dem Elend mit einem Augenzwinkern zu. Aber: Man schaut zu.

Mit Bildung zur Mündigkeit

Ein selbstsicheres „Ich“ fällt nicht vom Himmel. Die Fähigkeit, sich selbst abzugrenzen, ohne auf andere herabzusehen, ist im Menschen angelegt. Doch um wirklich zur Entfaltung zu kommen, verlangt es nach einem gelingenden Prozess der Individuation. Erst dieser bringt den mündigen Bürger hervor, der sich vom kategorischen Imperativ ansprechen lässt, und der in den meisten unserer Überlegungen zu gesellschaftlichem Zusammenleben und Demokratie implizit vorausgesetzt wird. Es ist die im Zusammenhang mit sogenannten wutbürgerlichen Manifestationen von rechts wie von links oft konstatierte Erosion der (bürgerlichen) Individuation, die meines Erachtens auch in unseren zunehmend voyeuristischen Sehgewohnheiten zum Ausdruck kommt. Ihr wäre erzieherisch im Sinne einer Befähigung zur Mündigkeit entgegenzuwirken. Weil wir aus gutem Grund in familiäre Verhältnisse und individuelle Erziehungsmodelle nicht eingreifen, wären hier die bestehenden Bildungseinrichtungen gefordert.

Doch gerade diese sind in einem desolaten Zustand. Gerade die öffentlichen Schulen mit ihren verbeamteten Lehrern, die noch immer ihr Personal dreifach negativ selektieren, die sicherheitsbedürftige, auf Altbekanntes fixierte und überangepasste Bewerber wie magisch anziehen, haben sich längst so sehr von den Idealen des Humanismus entfernt, dass von dort kaum noch Impulse gegen eine gesellschaftliche Entwicklung zu erwarten sind, die unvermindert weiter wahlweise Apathie oder Missgunst zustrebt. Man macht Eimer voll, statt Fackeln anzuzünden. Man erweckt nicht die Interessen junger Menschen und fördert deren besondere Fähigkeiten, sondern verrichtet Dienst nach Vorschrift, um so viel „prüfungsrelevanten“ Stoff wie möglich in kürzester Zeit abzuarbeiten. Mag sein, was die Schule betrifft, bin ich ein gebranntes Kind. Aber hätte ich nicht selbst, auch dank interessanter Anregungen von außen, mich aus diesem Sumpf gezogen und neue Perspektiven entwickelt, wer weiß, ob ich nicht heute auch das Bedürfnis verspüren würde, mich vom alltäglichen Trott vor dem Fernseher zu betäuben und mich meines eigenen Wertes zu versichern, indem ich mich vor den Bewohnern des Dschungelcamps grusele oder auf die Protagonisten von „Hilf mir doch!“ herabschaue.

Bildung kann Menschen Türen öffnen, kann anregen, kann sie fordern, über sich selbst hinauszuwachsen. Man heißt das gern Idealismus, Träumerei. Der Mensch sei in der Breite eben nicht fähig zu Höherem, an nichts interessiert außer essen, schlafen und Sex. Daran könne man nicht rütteln.

Dazu abschließend eine kleine Anekdote. Vor gut einem Jahr veranstaltete ich in meiner beschaulichen Heimatstadt Bingen am Rhein eine Lesung mit dem Lyriker Sören Heim. Das sei zwecklos, sagte man mir, niemand hier tue sich Lyrik an, da habe doch kaum wer einen Zugang zu. Viele Gäste kamen dennoch, waren aber skeptisch. Und verließen uns schließlich mit sichtbar zufriedenen Mienen! Noch Monate später gratulierte der ein oder andere zu dem gelungenen Abend.

Der Mensch ist für so vieles aufnahmefähig, trägt in sich so viele Möglichkeiten. Damit diese zur Entfaltung kommen, braucht es Bildung statt „Big Brother“.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Hasso Mansfeld: Die grüne Glyphosat-Lüge

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