Was darf Satire? Alles!

von Hasso Mansfeld13.01.2015Gesellschaft & Kultur, Medien

Der Anschlag auf Charlie Hebdo ist erst eine Woche her und schon wird bei uns diskutiert, ob Kunst nicht doch gewisse Grenzen akzeptieren muss. Es ist nicht zum Aushalten.

Es ist nicht zum Aushalten. Gerade eine Woche ist der grausame islamistische Anschlag auf die Redaktionsmitglieder von „Charlie Hebdo“ her, und keineswegs zufĂ€llig wĂ€hlte man ausgerechnet eine Satirezeitschrift aus. Gerade eine Woche ist es her, dass plötzlich jeder „Charlie Hebdo“ war, und Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Freiheit der Kunst wieder etwas zu bedeuten schienen. Nicht selten wurde an die so einfachen wie großen Worte Kurt Tucholskys erinnert: „Was darf die Satire? Alles.“

Gerade eine Woche ist all das her. Doch mittlerweile hĂ€ufen sich schon wieder die Stimmen, die ihrem Tucholsky verschĂ€mt ein „Aber“ hinterherschicken, wieder einmal wird darĂŒber diskutiert, ob Kunst nicht doch gewisse Grenzen akzeptieren sollte und auf die GefĂŒhle derer, die sie womöglich beleidigen könnte, RĂŒcksicht nehmen. Diese Haltung zielt geschichtsvergessen an der Wirkweise des Terrors vorbei, unterhöhlt das Prinzip der Demokratie, und gesteht den Islamisten zu, zumindest ein paar gute Argumente fĂŒr ihre Haltung zu haben. Wie gesagt: Es ist nicht zum Aushalten.

Die Satire legt ihren Finger in die Wunden der Hybris

Das Wesen der Demokratie ist der Wettbewerb, ihre AttitĂŒde ist der Streit. An dieser Stelle könnte man die Diskussion eigentlich abbrechen. Wenn in einer Demokratie im Anschluss auch vieles verhandelbar ist, die Grundlage, dass es keine Denk- und Sprechverbote gibt, ist es nicht. Gerade in der SphĂ€re der Kunst, und noch mehr, in der Satire, kann es keine Grenzen des Sagbaren geben, ohne dass die offene Gesellschaft sich unmittelbar selbst unterminiert. Im alten Rom, nach heutigen Standards keinesfalls ein besonders demokratisches Staatswesen, gab es die Tradition, den triumphierenden Imperator auf dem Triumphzug von einem Sklaven begleiten zu lassen, der diesen immer wieder erinnerte: „Sieh dich um. Denke daran, dass auch du nur ein Mensch bist.“ In etwa dieser Stellung befindet sich die Satire heute gegenĂŒber den MĂ€chtigen und der Öffentlichkeit. Nicht die Satire, wie beißend sie auch immer sein mag, ist Hybris, der Einhalt zu gebieten wĂ€re. Nein: Die Satire legt ihren Finger in die Wunden der Hybris. Auch wenn das manchmal wehtut. Ja, selbst mittelalterliche feudale Systeme kannten die „Narrenfreiheit“, die Freiheit, hinter der Maske des Narren Kritik an den Herrschenden zu ĂŒben. Jedes Aber, das Tucholsky angehĂ€ngt wird, fĂ€llt zurĂŒck hinters finsterste Mittelalter.

Werfen wir dennoch einmal einen genaueren Blick auf die Akteure im Westen, die nun wieder ihre Köpfe hervorstrecken, um im Fahrwasser brutaler Morde einmal mehr ausgerechnet die Debatte darĂŒber anzustacheln, was Kunst darf und was nicht.

Nicht zu ĂŒberraschen vermag, dass sich wie schon in der Vergangenheit neben “muslimischen”:http://www.zeit.de/politik/ausland/2015-01/charlie-hebdo-reaktionen-arabische-presse auch christliche Stimmen erheben, die den Anschlag zumindest “relativieren”:http://summa-summarum.blogspot.co.at/2015/01/ich-bin-nicht-charlie-hebdo.html, „Charlie Hebdo“ als “blasphemisches Blatt”:http://www.kreuz-net.at/index.php?id=475 angreifen, oder gleich Islamismus und Satire zu Armeen im Kampf des falschen Glaubens gegen den Unglauben “stilisieren”:http://www.katholisches.info/2015/01/08/das-attentat-auf-charlie-hebdo-kampf-zwischen-islam-und-relativismus-die-beide-das-kreuz-verachten/. Schon im Anschluss an die Fatwa gegen Salman Rushdie, die die bis heute andauernden Angriffe des radikalen Islam auf Kunst und KĂŒnstler im Westen einlĂ€utete, “befand”:http://www.zeit.de/1989/42/zum-tee-beim-erzbischof/komplettansicht unter anderem der damalige Erzbischof von Canterbury, Rushdie habe gewusst, worauf er sich einlasse. Er verweigerte darum wie so viele die SolidaritĂ€t. Erfreulich aber: Die religiösen Relativierer und Hetzer sind heute randstĂ€ndige Figuren, im Großen und Ganzen stehen die Kirchen fĂŒr Meinungsfreiheit ein.

Anders als GlĂ€ubige, die im Schatten des Islamismus Aufwind verspĂŒren, kommen „Kunstkritiker“ in den bĂŒrgerlichen Medien daher, die aus RĂŒcksicht auf verletzte GefĂŒhle ganz vorsichtig die QualitĂ€t der Karikaturen in „Charlie Hebdo“ infrage stellen, ohne damit natĂŒrlich in irgendeiner Weise das Attentat rechtfertigen zu wollen. Dieser Haltung wirkt so unschuldig, wie sie perfide ist. So teilt Meike BĂŒttner “im European”:http://www.theeuropean.de/meike-buettner/9444-warum-sind-ploetzlich-alle-charlie-hebdo mit:

bq. Ich fĂŒr meinen Teil kann und will mich nicht identifizieren mit dem Blatt. Zum einen lebe ich noch, zum anderen gefallen mir BlĂ€tter wie „Titanic“, „Charlie Hebdo“, „Mad“, „Raketa“ etc. einfach nicht. Tim Wolff, Chefredakteur der „Titanic“, mag recht haben, wenn er auf ntv.de schreibt: „Komik schafft Distanz zu bedrĂŒckenden Ereignissen, sie erlaubt, uneigentlich ĂŒber eigentlich UnertrĂ€gliches zu sprechen – und so den Schrecken zu bekĂ€mpfen.“ Aber das gibt ihr in meinen Augen nicht das Recht, gleich neue bedrĂŒckende Ereignisse zu erschaffen.

Und Wenke Husmann weist auf „Zeit Online“ gar nur auf eine “französische Debatte hin”:http://www.zeit.de/kultur/kunst/2015-01/charlie-hebdo-paris-karikaturisten-satire-zeichner/komplettansicht:

bq. „Das Wesentliche ist, dass man keine Meinung verbieten darf“, formuliert es Plantu, einer von Frankreichs renommiertesten Karikaturisten. Jeden Wochentag fasst er auf der Titelseite von „Le Monde“ seine Meinung zum Weltgeschehen in Linien. Er hat sichtlich wenig geschlafen und der Schweiß rinnt ihm an diesem Samstag nach dem Anschlag ĂŒber die Stirn. „Aber“, sagt er, „man muss diese Meinung dann in die richtige Form bringen.“ Wie die aussieht, das diskutieren die Zeichner in Frankreich gerade besonders heftig.

Dennoch schwingt fĂŒr den Leser in beiden (und unzĂ€hligen weiteren) AusfĂŒhrungen leise die Unterstellung mit – seht ihr, hĂ€ttet ihr mal nicht so schlechte und provozierende Karikaturen gezeichnet, vielleicht wĂ€rt ihr noch am Leben. Folgt daraus nun, dass ich fĂŒr meinen Teil der Kunstkritik, immerhin ebenso eine bedeutende Institution aufklĂ€rerischer Freiheit, ihrerseits einen Maulkorb verpassen möchte? NatĂŒrlich nicht. Aber wem als allererste Reaktion auf einen Mord, der mit einem angeblich beleidigenden Kunstwerk legitimiert wird, in den Sinn kommt, sich ĂŒber die QualitĂ€t dieses Werkes auszulassen, der handelt Ă€hnlich wie jener, der einem Vergewaltigungsopfer tadelnd vorhĂ€lt, es sei aber auch ganz schön aufreizend bekleidet gewesen. Und dieser Vorwurf gilt zu Recht als unerhört.

Satire darf alles. Auch schlecht sein.

Meine persönliche Aufmerksamkeit besonders geweckt hat zudem ein Aufsatz im European, “in dem Albert Wunsch den Versuch unternimmt”:http://www.theeuropean.de/albert-wunsch/9447-charlie-hebdo-auch-satire-muss-nicht-alles-machen, ausgerechnet den philosophischen Pionier der AufklĂ€rung Immanuel Kant in Dienst zu nehmen, um Satire Schranken aufzuerlegen. Wunsch schreibt:

bq. Mein Recht – beispielsweise auf freie MeinungsĂ€ußerung – wird immer durch die Rechte anderer begrenzt. Dazu hat uns Immanuel Kant mit dem kategorischen Imperativ eine unmissverstĂ€ndliche rechtlich-ethische Botschaft hinterlassen: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ VolkstĂŒmlicher und etwas leichter zu verstehen heißt es: „Was du nicht willst, das man dir tut, das fĂŒg auch keinem anderen zu.“

Und er folgert daraus:

bq. Denn nicht nur Kalaschnikow-Geschosse, sondern auch Worte und Bilder können schwer verletzen. Nur in der Folge einer gewissenhaften GĂŒterabwĂ€gung, dĂŒrfte ein Recht situativ ein anderes Grundrecht relativieren, was im Streitfall per Gericht zu klĂ€ren wĂ€re (
) Auch ist zu fragen, ob nun alles, was uns als Satire zu verkaufen gesucht wird, ĂŒberhaupt eine Satire ist und ob es dabei um eine wichtige Botschaft geht.

Auf den ersten Blick klingt das ĂŒberzeugend, allerdings nur, solange man die WidersprĂŒche eines auf diese Weise angewandten kategorischen Imperativs ausblendet. Hieße Wunschs Interpretation doch, dass man regelmĂ€ĂŸig vor einer Meinungsbekundung zu prĂŒfen hĂ€tte, ob es irgendwo auf der Welt jemanden geben _könnte_, der sich davon angegriffen fĂŒhlen _könnte_, dass ich meine Freiheit ausĂŒbe, zu sagen, was ich denke. HĂ€tte Kant sich selbst daran gehalten, hĂ€tte sein Hauptwerk, in dem immerhin die bedeutendsten Gottesbeweise der Scholastik zerpflĂŒckt werden, ebenso wenig erscheinen können wie viele andere seiner Schriften, die in letzter Zeit durch einige linke Sekten ja auch noch wegen angeblichem Rassismus unter Feuer geraten sind. Kann Kant das gewollt haben? Kann Wunsch das wĂŒnschen?

Diktatur der aggressiven Jammerlappen

Nein. Der Teufel liegt im Detail, in diesem Falle eindeutig in Wunschs Kant-LektĂŒre. „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde“, steht da. Nicht etwa: „Mache nur diejenigen Maximen zum allgemeinen Gesetz, von denen das _ein jeder wollen kann_.“ Und aus gutem Grund. Denn das Zweite hieße die Stilllegung des Streits zugunsten derer, die sich am leichtesten angegriffen oder beleidigt fĂŒhlen. Letztlich eine Diktatur der aggressiven Jammerlappen, eben genau das, was auch den Islamisten vorschwebt.

Der kategorische Imperativ ist eine Maxime fĂŒrs _eigene Handeln_, und man darf unterstellen, dass die Satiriker von „Charlie Hebdo“ ihn vorbildlich gelebt haben. Es darf bezweifelt werden, dass man sich in der Redaktion plötzlich beleidigt gezeigt hĂ€tte, hĂ€tten es Islamisten der Zeitschrift mit gleicher MĂŒnze, dem spitzen Bleistift, heimgezahlt. Wer austeilt, muss auch einstecken können. Mehr aber auch nicht. Womit wir wieder am Anfang wĂ€ren: Das Wesen der Demokratie ist der Wettbewerb, ihre AttitĂŒde ist der Streit. Die Satire will das Maximum an Wettbewerb – um Ideen. WĂ€re ja noch schöner, wenn erst Gerichte zu entscheiden hĂ€tten, welche Satire ĂŒberhaupt genehm ist.

Falsch an all den BeitrĂ€gen, die nun unter dem Mantel der Kunstkritik zwar nicht die Freiheit der Satire an sich, aber dann doch irgendwie die Freiheit schlechter Satire angreifen, ist zuletzt aber auch schon die PrĂ€misse, auf QualitĂ€t kĂ€me es den beleidigten Massenmördern irgendwie an. Einmal mehr lohnt es sich, auf die sogenannte Rushdie-AffĂ€re zurĂŒckzublicken. Dass „Die Satanischen Verse“ zu den ganz großen Werken der jĂŒngeren Literaturgeschichte gehören, ist heute zum GlĂŒck beinahe unumstritten. Doch wie oben bereits angefĂŒhrt: Einst musste sich auch Rushdie “Angriffen”:http://www.deutschlandfunk.de/lassen-sie-nicht-zu-dass-angst-ihr-leben-beherrscht.1310.de.html?dram:article_id=222086 sowohl der Kirche, der Thatcher-Regierung als auch der Labour-Opposition erwehren, er habe bewusst einen Skandal provoziert. Zahlreiche VorwĂŒrfe offenbarten dabei eindeutig, dass die Kritiker das Werk nicht gelesen hatten.

So stĂŒtzte sich etwa Rushdies Version der Geschichte, wie die satanischen Verse (Verse, die wohl aus politischen GrĂŒnden erlaubten, alte Götter der Stadt Mekka um Beistand anzurufen) ihren Weg in den Koran gefunden haben, stark auf Interpretationen dafĂŒr niemals angefeindeter bedeutender islamischer Gelehrter. Dennoch musste Rushdie sich fĂŒr Jahrzehnte verstecken und unter dauernder Bewachung leben. Dennoch verbrannte der Mob BĂŒcher und Rushdie-Puppen. Dennoch wurde ein Verleger ermordet, zahlreiche weitere Beteiligte starben. Und dennoch erblickte ein Gutteil der Öffentlichkeit in Rushdie den Provokateur.

In den Debatten darĂŒber, wie weit Kunst gehen darf, was Satire darf, geht es niemals um QualitĂ€t. Es geht um Freiheit.

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