Kalter Kaffee

von Hasso Mansfeld13.01.2015Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Noch erhält Pegida große Aufmerksamkeit. Doch der Bewegung droht schon bald das triste Schicksal einer deutschen Kaffeemarke.

Irgendwann Ende der Neunzigerjahre lief im Fernsehen eine Werbung für die Kaffeesorte „Gala“ von Eduscho: In Pastelltöne gekleidet, tummelt sich die bessere Gesellschaft am Strand und auf Yachten. Eine schon fast bemüht entspannte Atmosphäre. Danach gefragt, was ihr einziger Wunsch sei, erklärt eine elegante Dame: „Alles soll so bleiben, wie es ist“.

Bilder aus diesem Clip ziehen in letzter Zeit häufiger vor meinem inneren Auge auf. Immer wenn ich irgendwo von den Demonstranten der Pegida lese, muss ich an Eduscho Gala denken. Denn auch Pegida hat sich gewissermaßen diesen Slogan zu eigen gemacht: „Alles soll so bleiben, wie es ist“.

Nicht allzu lange, nachdem die Werbung ausgestrahlt wurde, war es Sense mit Eduscho, der Tchibo-Konzern schluckte die Marke. Heute können sich die Jüngeren unter uns kaum noch an Eduscho erinnern. Und so wird es, trotz derzeit noch steigenden Demonstrantenzahlen, auch mit Pegida laufen, insofern sich die Zivilgesellschaft nicht geradezu unsäglich dumm anstellt. Denn eigentlich ist Pegida ein relativ überschaubares, von Anfang an und sogar dem eigenen Selbstverständnis nach in der Vergangenheit verhaftetes Phänomen. Nur in Ostdeutschland bringt man eine nennenswerte Anzahl von Demonstranten auf die Beine, in der Größenordnung etwa, wie zum Höhepunkt der Occupy-Bewegung, auf die die Öffentlichkeit allerdings weit weniger hysterisch reagierte.

Erst die Gegner reden Pegida stark, indem sie hyperventilieren, als stünde der beschworene „Untergang des Abendlandes“ tatsächlich unmittelbar bevor. Über derartige Aufmerksamkeit hätten sich Occupy oder die notorischen Montagsdemonstranten des vergangenen Jahres sicherlich auch sehr gefreut. Aber ausgerechnet eine Bewegung, die wie wenige vor ihr auf Besitzstandswahrung abzielt, ein Wort, das interessanterweise weder im Englischen noch im Französischen eine Entsprechung findet, treibt uns derart den Schweiß auf die Stirn?

Misstrauen, Abstiegsangst und Spießigkeit

“„Panta rhei – Alles fließt“”:http://de.wikipedia.org/wiki/Panta_rhei, so ein platonischer Aphorismus, der die Erkenntnis des griechischen Philosophen Heraklit auf den Punkt bringt, dass wir nicht zweimal in denselben Fluss steigen können. Schon diese einfache Einsicht erklärt, warum politische Bewegungen, die partout den Erhalt des Bestehenden oder die Rückkehr in eine für gewöhnlich stark idealisierte „gute alte Zeit“ herbeiführen wollen, historisch meist zur Niederlage verdammt waren. Menschliche Gesellschaft strebt nach Veränderung, das ist ihre innerste Dynamik. Umso mehr die offene Gesellschaft, deren größte Konstante die Bereitschaft sein sollte, Veränderung produktiv aufzunehmen.

Vor Kurzem habe ich auf meiner Facebook-Seite eine kleine Umfrage gestartet, was eigentlich typisch deutsch, was womöglich originär deutsche Werte seien. Abseits des sprichwörtlichen deutschen Arbeitsethos, den berühmten „Sekundärtugenden“ Fleiß, Disziplin, Präzision kamen nur ein paar negative Klischees dabei heraus. Gerade die Sekundärtugenden werden heute natürlich längst ebenso von vielen Einwanderern hochgehalten.

Spezifisch deutsche Werte gibt es so wenig wie die gute alte Zeit. Das liegt im Begriff des Wertes, der immer universalistisch ausgerichtet ist. Im Gegensatz zu früheren Protestbewegungen scheinen das auch die Organisatoren der Pegida-Demonstrationen verstanden zu haben, drum bezeichnet man sich öffentlichkeitswirksam als „patriotische Europäer“. Versuche, Einblicke in die Demos zu gewinnen, förderten aber ganz anderes zutage. Hass und ein allgegenwärtiges Misstrauen, Abstiegsangst und eine Spießigkeit, die man sonst höchstens mit dem sprichwörtlichen Schrebergärtner assoziieren würde.

In den vergangenen Monaten hat es Versuche konservativ gesinnter Politiker gegeben, an den populistischen Erfolg der Bewegung anzuschließen. Doch das sture Beharren auf den vier Feindbildern „Islamisten, Wirtschaftsflüchtlinge, Politik und Medien“, die Pegida in großen Teilen ausmachen, hat es sogar der in solchen Dingen hartgesottenen Alternative für Deutschland nicht leicht gemacht, auf Tuchfühlung zu gehen. Pegida fährt, “das zeigen auch die Erfahrungen von Journalisten wie Deniz Yücel”:http://www.taz.de/!151378/, die sich unter die Demonstranten gemischt haben, auf den altbekannten Tickets Ausländerfeindlichkeit und Überfremdungsangst. Im immer wieder vehement skandierten Slogan „Lügenpresse – halt die Fresse“ kommt zudem eine aggressive Ablehnung der offenen Gesellschaft zum Ausdruck.

Ein für mich persönlich sehr zuverlässiger Prüfstein für die Fortschrittlichkeit einer politischen Bewegung ist die Frage, wie die Demonstranten es mit Israel halten. Zumindest in die allgegenwärtige antiisraelische Schlagseite der Leitmedien sollten Aktivisten, die eine christlich-jüdische Leitkultur hochhalten, doch nicht einstimmen, oder? Die heftigen Anfeindungen, “denen sich einige junge Menschen beim Tragen einer Israelfahne inmitten der Patriotischen Europäer ausgesetzt sahen”:http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/stiftung_pegida_test_mit_israel_flagge_in_dresden, legen das Gegenteil nahe. Es wirkt in diesem Zusammenhang keineswegs wie ein Zufall, dass Pegida sich in ihrer Selbstbezeichnung implizit positiv auf die Streitschrift des Antidemokraten Oswald Spengler, „Der Untergang des Abendlandes“, beziehen. Immer schon war das Abendland jener monolithische Block, den insbesondere kulturkonservative Deutsche nicht nur gegen den als Bedrohung wahrgenommenen Orient, sondern vor allem gegen “das liberale Konzept der „Zivilisation“ angelsächsischer Prägung”:http://de.wikipedia.org/wiki/Der_Untergang_des_Abendlandes#Kultur_und_Zivilisation aufrichteten.

Nicht nur verdammen

Wenn man auch die Gefährlichkeit von Pegida beileibe nicht übertreiben sollte, muss eines ganz klar sein: Die letzte Bastion eines westlichen Ideals sind die Demonstranten nicht. Im Großen und Ganzen hat man es mit der um die Themen Islam und Überfremdung erweiterten Aluhut-Fraktion der schon länger umtriebigen Montagsdemonstranten zu tun, mit deren Angst vorm globalisierten Kapitalismus, der USA als dessen Vorreiter, und wie es in den Verlautbarungen ihrer führenden Köpfe mehr als einmal durchschien, einer angeblich mächtigen jüdischen Lobby. Pegida und die Montagsdemos verhalten sich zueinander wie zwei Flügel einer Querfront, die noch nicht bemerkt haben, wie ähnlich sie sich sind. Kein Wunder, speisen sich doch beide Bewegungen, wie bereits im Artikel “„Sammelsurium des Schreckens“”:http://www.theeuropean.de/hasso-mansfeld/8540-die-psychologie-der-montagsdemonstrationen analysiert, aus denselben gesellschaftlichen Verwerfungen, die Globalisierung und Finanzkrise seit 2008 mit sich gebracht haben.

Gerade Letztere spülte diffuse Ängste vor der wiederentdeckten Unkontrollierbarkeit einer in den 1990ern noch überschaubar wirkenden Welt an die Oberfläche, wo sie sich seitdem mit jedem neuen Krisenschub Geltung verschaffen. Schon seit dem 11. September 2001 haben Theorien, die eine einfache Orientierung in der bedrohlich wahrgenommenen Realität ermöglichen, Hochkonjunktur. Wie die Montagsdemonstranten treibt Pegida dann auch die Sehnsucht nach einer einfachen Welt, die Suche nach simplen Lösungen und dem starken Mann in der Politik. Daher auch die in beiden Fraktionen geteilten Sympathien für Putin und Russland.

Alldem zum Trotz ist es nicht zielführend, die Pegida-Demonstrationen nun in Bausch und Bogen zu verdammen. Die Gründe der oben analysierten Ängste, die sich dann allzu populistisch Bahn brechen, sind zumindest in Teilen real und können nicht einfach vom Tisch gewischt werden. Zudem wäre wohl Pegida in seiner heutigen Form kaum denkbar ohne die Bilder von exekutierten Geiseln und abgeschnittenen Köpfen, überhaupt ohne das barbarische Massaker, das der „Islamische Staat“ in Syrien und im Norden des Irak veranstaltet, auch nicht ohne die Terrorakte der nigerianischen Islamisten von Boko Haram. All das kann nicht ohne Folgen bleiben.

Für Liebe steht Pegida nicht

Die islamistische Ikonografie des Grauens treibt viele Menschen, die ansonsten wahrscheinlich eher abwartend reagiert hätten, dazu, sich der Pegida-Bewegung anzuschließen. Man hat das Gefühl, irgendetwas tun zu müssen und geht mit denen auf die Straße, die sich Freiheit und westliche Werte auf die Fahnen geschrieben haben, ohne noch genauer zu prüfen, inwieweit diese Werte von den Demonstranten dann tatsächlich konkret vertreten werden. Auch in diesem Sinne ist der Erfolg von Pegida im Osten erklärbar. Und natürlich sind die Demonstrationen vom unhintergehbaren Recht auf Meinungsfreiheit gedeckt, das heute mehr denn je im Sinne Voltaires – „je déteste ce que vous écrivez, mais je donnerai ma vie pour que vous puissiez continuer à écrire“ – verteidigt werden muss.

Nicht zu verhandeln aber ist die Tatsache, dass auf deutschen Straßen und in der Politik kein Platz für Ressentiments und Rassismus sein darf. Nicht nur, weil Deutschland wie kaum ein anderes Land international vernetzt, und der Erfolg der deutschen Wirtschaft von einer gelingenden Partizipation an der Globalisierung abhängig ist, sondern viel einfacher: Weil die westlichen Werte, die großen Ideale der Aufklärung nur unteilbar und für jeden Menschen gültig gedacht werden können.

All jenen, die derzeit hoffen, mit Pegida für diese Werte zu streiten, müssen Alternativen aufgezeigt werden. Denn für all die wundervollen freiheitlichen Einfachheiten, die der lange verfolgte Schriftsteller Salman Rushdie einmal folgendermaßen auf den Punkt brachte: „Küssen in der Öffentlichkeit, Schinken-Sandwiches, offener Streit, scharfe Klamotten, Kino, Musik, Gedankenfreiheit, Schönheit, Liebe“, steht Pegida meines Erachtens nicht.

_Update: In der ursprünglichen Version dieses Textes stand fälschlicherweise, Ken Jebsen habe an einer PEGIDA-Veranstaltung teilgenommen. Diese Passage haben wir entfernt._

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