Dickens gegen den Strich gelesen

von Hasso Mansfeld1.01.2015Gesellschaft & Kultur, Wirtschaft

Dickens’ Weihnachtsgeschichte von Ebenezer Scrooge sagt viel darüber aus, wie unfair wir heute mit Unternehmern umgehen – und diese mit sich selbst.

Um die berühmte Weihnachtsgeschichte „A Christmas Carol“ von Charles Dickens kam man in den vergangenen Wochen kaum herum. Wer, wie ich, sich in den besinnlichen Tagen gern unter Leute mischt, den ein oder anderen Weihnachtsmarkt besucht, vielleicht nebst einer weihnachtlichen Lesung, wird auf diese oder jene Weise mit dem alten Ebenezer Scrooge konfrontiert. Der muss, so die Botschaft, von seinem Geiz geläutert werden, um wieder als ganzer Mensch unter Gott und Menschen leben zu können.

„Mickys Weihnachtserzählung“, „Die Geister, die ich rief“, „Die Muppets Weihnachtsgeschichte“ – die Verfilmungen sind Legion. Auch wer sich über Weihnachten zu Hause verschanzte, entkam Scrooge nicht. Ein kleines Detail fiel mir in diesem Jahr an Dickens’ großer Erzählung auf, das normalerweise leichthin übergangen wird und doch mehr Beachtung verdient. Von zwei wohltätigen Gentlemen zum Spenden gedrängt, fragt Scrooge eingangs der Erzählung, ob es denn keine Gesetze mehr zur Unterstützung der Armen gebe, und fährt fort:

bq. Ich trage meinen Teil zu den Anstalten bei, die ich genannt habe; sie kosten genug, und wem es schlecht geht, der mag dorthin gehen!

Man darf geteilter Meinung darüber sein, ob das reicht, um aus Scrooge einen guten Menschen zu machen. Gewiss, heute sind Abgaben idealerweise so bemessen, dass sich aus ihnen ein funktionierendes Gemeinwesen finanzieren lässt – manch einer wird sagen, sie sind sogar zu hoch – doch im England des frühen 19. Jahrhunderts lag zwischen Sechzehnstundentag, Kinderarbeit und dem Arbeitshaus so vieles im Argen, dass ich Scrooge nicht verteidigen möchte. Abgesehen davon ist er, man verzeihe mir den saloppen Ausdruck, auch auf persönlicher Ebene ein ziemliches Arschloch. Übler noch als seine Handlungen sind seine Ansichten.

A priori ist unternehmerische Tätigkeit etwas Negatives

Allerdings – da gerade in der heutigen Zeit das Bild des menschenfeindlichen Unternehmers allgegenwärtig ist, obwohl die Verhältnisse es im Großen und Ganzen keineswegs rechtfertigen, lohnt es, Scrooges Argumente noch einmal im veränderten Lichte unserer Zeit zu betrachten. Denn die Szene hat sich, wie meine Erfahrungen in gut 15 Jahren als Kommunikationsberater mich gelehrt haben, gewandelt: Während in westlichen Staaten heute tatsächlich den meisten Menschen nicht nur das Überleben, sondern auch ein gewisser Wohlstand gesichert ist, ziehen Unternehmer sich selbst viel zu bereitwillig den Schuh des finsteren Ebenezer an.

Symptomatisch für diese Haltung ist die Idee der sogenannten Corporate Social Responsibility. Diese definiert sich, dem Grünbuch der Europäischen Kommission von 2001 zufolge, als „Konzept, das den Unternehmen als Grundlage dient, auf freiwilliger Basis soziale Belange und Umweltbelange in ihre Unternehmenstätigkeit und in die Wechselbeziehungen mit den Stakeholdern zu integrieren“. Oder knackiger, nach der Formulierung von 2011: „CSR ist die Verantwortung von Unternehmen für ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft.“

Frei übersetzt: A priori ist unternehmerische Tätigkeit etwas Negatives und in sozialen Belangen im besten Fall Indifferentes. Erst wenn der Unternehmer in seinem Tagesgeschäft nicht nur die unmittelbar von ihm abhängigen Gruppen (Shareholder, Arbeitnehmer, Kunden) mit bedenkt, sondern sich dem diffusen Kollektiv der Stakeholder (Shareholder, Mitarbeiter, Kunden, Lieferanten, Gläubiger, Staat und Gesellschaft) unterwirft, erwirbt er Stück um Stück das Recht auf ein gutes Gewissen. So hat CSR etwas von Ablasshandel. Mit guten Taten erkauft man sich ein „Recht auf Gewinn“, gerade wie Scrooge sich zum Schluss der Weihnachtsgeschichte mittels Almosen und Geschenken wieder in die Gesellschaft einkauft.

Schmähung des eigenen Berufsstandes

Wäre dies nun nur eine Reaktion auf ein im Allgemeinen unternehmerfeindliches gesellschaftliches Klima, so wäre es strategisch zwar dennoch nicht besonders klug, aber zumindest verständlich. Doch im Bestreben, mittels CSR-Maßnahmen sich selbst als guter Unternehmer aus dem Kollektiv der bösartigen Kapitalisten herauszustellen, bastelt man von Unternehmerseite heiter mit an der Schmähung des eigenen Berufsstandes. Dabei wird gerade kleineren Unternehmen von großen eine Agenda aufgedrückt, die gar nicht in ihrem Interesse sein kann (“Details dazu hier()”:http://www.novo-argumente.com/magazin.php/novo_notizen/artikel/0001687). Die Folgen der unreflektierten Haltung zum Thema CSR konnte ich rund um die Weihnachtszeit und zum Jahreswechsel wieder vermehrt beobachten. Dann finden unzählige Spendengalas statt. Unternehmen versuchen noch einmal besonders, ihr Engagement für die Gesellschaft zu betonen.

Doch so erklecklich die gespendeten Beträge, so beispielhaft geförderte Projekte auch sein mögen, es finden sich immer wieder Kritiker, die darauf hinweisen, dass es erstens allein ums gute Gewissen ginge, und dass zweitens an den Unternehmensbilanzen gemessen ein paar 1.000 Euro ja doch nur ein Tropfen auf dem heißen Stein seien. Und wer will es den Kritikern verdenken? Isoliert betrachtet, haben sie gar nicht so unrecht. Nur ganz selten ist es mir in den vergangenen Jahren untergekommen, dass Unternehmer einmal stolz und selbstbewusst die soziale Bedeutung, die ihrer Tätigkeit an sich in einer modernen Gesellschaft zukommt, in den Vordergrund stellten.

Dass ohne das Steueraufkommen aus unternehmerischer Tätigkeit die zahlreichen Annehmlichkeiten eines modernen Lebens ebenso undenkbar wären wie weitreichende soziale Absicherungen; dass ohne die von innovativen Betrieben und Einzelpersonen angebotenen Waren und Dienstleistungen die Welt in materieller wie ideeller Hinsicht ein gutes Stück ärmer wäre, all das gerät hinter ein paar gut gemeinten, von interessierter Seite ohne viel Mühe als Heuchelei zu diskreditierenden CSR-Maßnahmen leicht in Vergessenheit. Dabei ist das auf langfristige Gewinnmaximierung ausgerichtete Kerngeschäft eines verantwortungsvoll geführten Unternehmens auch ohne Corporate-Social-Responsibility-Programme förderlich für den allgemeinen Wohlstand.

Natürlich möchte ich keineswegs vorschlagen, dass Unternehmer sich allein auf dieses Kerngeschäft beschränken. Spenden Sie, so viel Sie möchten, tun Sie Gutes, wie es Ihnen beliebt, fördern Sie Projekte, die Sie für zukunftsträchtig halten. Diesen Rat gebe ich auch meinen Kunden gern mit auf den Weg. Aber vermitteln Sie um Gottes willen nicht den Anschein, all das aus einem schlechten Gewissen heraus zu tun. Stellen Sie immer auch die gesellschaftliche Bedeutung ihrer unternehmerischen Tätigkeit in den Mittelpunkt. Zusätzliches Engagement ist dann eben genau das – Zusatz.

Und eben diese Haltung möchte ich allen mitlesenden Unternehmern als Vorsatz fürs neue Jahr nahelegen. Lassen Sie sich nicht in die Ecke eines Ebenezer Scrooge stellen. Und noch wichtiger: Stellen Sie sich nicht selbst in diese Ecke.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Dann mach doch die Bluse zu!

Frauen bestehen auf ihrem Recht, sexy zu sein – ganz für sich selbst, natürlich. Darauf reagieren darf Mann nämlich nicht, sonst folgt gleich der nächste #Aufschrei.

Diktatur des Feminismus

Die Frage nach einer Frauenquote ist eine Phantom-Debatte. Junge Frauen wollen ihre Karriere planen und nicht mit den alten Feministinnen mühsam über etwas diskutieren, das für sie keine Relevanz hat.

Rette sich, wer kann

Peter Singer glaubt, im Namen der Ethik die Grenzen des Menschseins neu definieren zu können. Er irrt gewaltig. Wer Grundrechte für Affen fordert und gleichzeitig die Tötung von Neugeborenen verteidigt, ist vor allem eins: verwirrt.

Männer, die auf Busen starren

Wer Sexismus noch nie erlebt hat, kann ihn auch nicht verstehen. Weiße Hetero-Kerle haben leicht reden.

Der Jude war’s

In Berlin wird ein Rabbiner brutal verprügelt, weil er Jude ist. Indes werfen Experten schon die Frage nach dem Warum? auf, die zielsicher zum Juden anstatt zum Antisemiten führt.

Amerika und die deutsche Seelenhygiene

Deutschland kämpft gerne für Toleranz und gegen Hass. Es sei denn, es geht um Amerika. Da macht jeder zweite Deutsche eine Ausnahme und suhlt sich in Amiphobie.

Mobile Sliding Menu