Sündenbock gesucht, Sündenbock gefunden

von Hasso Mansfeld8.12.2014Medien

Das Chaos beim „Spiegel“ zeigt: Hastige Trainerwechsel kaschieren mehr, als sie bringen. Besser sollte es um die langfristige Strategie gehen – auch wenn das kurzfristig den Abstieg bedeutete.

Das war es nun also schon wieder für „Spiegel“-Chefredakteur Wolfgang Büchner. Nach nur 14 Monaten setzt man den gerade erst im vergangenen Jahr mit dem Auftrag Berufenen, den kriselnden „Spiegel“ kräftig umzukrempeln, auf die Straße. Natürlich kommt die Entwicklung nicht unerwartet. Von Anfang an war die Stimmung beim „Spiegel“ vergiftet, Interna drangen nach außen; so hätten etwa die Alteingesessenen den Neuen als „intellektuelles Vakuum“ bezeichnet. Im Frühjahr bereits wurde Büchner von ehemaligen Mitarbeitern, die nun beim „Handelsblatt“ eine neue Heimat gefunden haben, geradezu gemobbt. Öffentlichkeitswirksame Proteste und Resolutionen bestimmten die Außenwirkung des „Spiegel“, der Leser stand vor einem Schlachtfeld, nicht vor einem seriösen Magazin.

Und nicht zuletzt war die Grundproblematik, der Büchner hätte Abhilfe verschaffen sollen, schon lange vor seiner Zeit beim „Spiegel“ angelegt. Die Probleme des „Spiegel“ sind nur in einer langfristigen konzentrierten Mannschaftsleistung zu überwinden. Die Berufung und Entlassung Büchners dagegen erinnert an die eines Fußballtrainers, der kurz vor Saisonende den fast sicheren Abstieg verhindern soll und bei Nichterfolg wieder gehen muss. In solchen Trainern finden Vereine regelmäßig einen Sündenbock, der es erlaubt, über die Fehler des Managements und grundlegende Schwächen von Mannschaft bzw. Produkt noch ein wenig länger hinwegzusehen. So auch beim „Spiegel“.

Abrechnungen haben beim „Spiegel“ Tradition

Dass man lieber weiter mauert anstatt dazuzulernen, zeigen die Nachtritte, die dem geschassten Büchner sogleich folgten. So schreibt der „Spiegel“-Redakteur Cordt Schnibben “in einem für die Öffentlichkeit zugänglichen Facebook-Eintrag”:https://www.facebook.com/cordt.schnibben/posts/498102280329405:0, Büchner sei der „falsche Mann am richtigen Ort gewesen“, und setzt hinzu: „Bekommen haben wir einen Chefredakteur, der Online und Print gegeneinander in Stellung gebracht hat, der Diskussionen mit Redakteuren großräumig vermied, der als journalistischer Inspirator weder bei Print noch bei Online auffiel, der sich um die Cover-Gestaltung (sic!) des Heftes nur in Viertelstündchen widmete“. Natürlich: Am Trainer liegt’s.

Solch persönliche Abrechnungen haben beim „Spiegel“ Tradition, erinnert sei nur an den Weggang von Matthias Matussek, der im Anschluss die ehemaligen Kollegen “als Nieten und Verräter titulierte”:http://meedia.de/2014/02/03/niete-grossmaul-verraeter-so-beschimpft-matussek-ex-spiegel-kollegen/. Man zahlte es ihm mit gleicher Münze zurück. Interessanterweise geht solch eine Verrohung wunderbar mit einem elitären Dünkel zusammen, den man in den Räumlichkeiten des „Spiegel“ schon immer pflegte. Als Angestellte des über Jahrzehnte wichtigsten deutschen Nachrichtenmagazins und gedeckt vom hervorragenden Ruf als „Sturmgeschütz der Demokratie“, blickten „Spiegel“-Journalisten ganz gern einmal auf weniger gut gestellte Kollegen herab, und schon lange bevor Büchner angeblich „Online und Print gegeneinander in Stellung brachte“, verlief dieser elitäre Graben auch innerhalb des Nachrichtenmagazins. Als etwa Rüdiger Ditz vom Chefredakteur der vielbeachteten Online-Redaktion zur Erfüllung einer Redaktionsleitungsaufgabe „befördert“ wurde, um das Zusammenwachsen von Print und Online voranzutreiben, meldeten sich prompt Printredakteure zu Wort: Ditz habe ihnen gar nichts zu sagen, denn er sei ja nur „Onliner“.

Es ist die vom System „Spiegel“ kultivierte Hybris, die den Schwierigkeiten des Magazins zugrunde liegt – nicht einzelne personelle Entscheidungen. Die Sturmgeschütze der Demokratie sind gegen sich selbst gerichtet. Ein Ausdruck davon, dass die Nerven blank liegen.

Denn wie viele andere Zeitungen und Magazine auch hat der „Spiegel“ den grundlegenden Wandel des Journalismus im Zeitalter des Internets im Großen und Ganzen verschlafen. Dabei hat er tatsächlich mit die besten Voraussetzungen, auch durch die Verzahnung von Online und Print langfristig zu reüssieren: Die Klickzahlen des Online-Ablegers sind enorm. Doch gerade die selbstgerechte Überzeugung, zur journalistischen Elite zu gehören, steht einer rosigen Zukunft im Weg. Standesdünkel schlägt in der derzeitigen krisenhaften Situation in Aggressivität und Autoaggressivität um.

Und gerade dieses Gemisch aus Dünkel und Territorialverhalten ist es, welches das einst so vorbildliche Nachrichtenmagazin stärker beschädigt, als es einzelne Redakteure je könnten. Wenn nämlich Menschen eines überhaupt nicht goutieren, ist es öffentlich ausgetragener Streit. Angesichts der eingangs zitierten Äußerungen dürfte sich auch bis zum letzten Leser herumgesprochen haben, dass es hier nicht um sachliche Diskussionen, um Inhalte geht. Von einem medialen Akteur der Bedeutung des „Spiegel“ erwartet der Leser gerade in schwierigen Zeiten große Souveränität. Aufgrund seines eigenen Selbstverständnisses ist beim „Spiegel“ die Fallhöhe besonders hoch. Wenn nun Redakteure, eigentlich Botschafter ihres Mediums, auftreten wie kleine Kinder, schadet der „Spiegel“ zuerst sich selbst – und dann der gesamten Branche, indem er als Aushängeschild den Berufsstand in Verruf bringt.

Keine zukunftsweisende Strategie

Doch noch vor der Belegschaft, derzeitiger wie vergangener, hätte das Management sich an die eigene Nase zu fassen. Denn die Querelen innerhalb des Magazins gingen tatsächlich nicht zuerst von den Redaktionen aus. Die Verantwortlichen sitzen auf Ebene der Geschäftsführung. Die Schieflage des „Spiegel“-Verlags ist ja keine neue Entwicklung. Nur beispielhaft genannt werden soll hier das auch in Schnibbens Nachtritt wieder demonstrierte krampfhafte Festhalten an „Spiegel TV“. Dieses Format war schon immer auf Boulevardniveau und ist eines anspruchsvollen Nachrichtenmagazins eigentlich unwürdig. „Spiegel TV“ ist zumindest zwischenzeitlich zu einer Millionenbelastung geworden. Das Wissenschaftsmagazin „New Scientist“ wurde von der Verlagsleitung dagegen von Anfang an so angegangen, dass die Einstellung mit Millionenverlust schon am Ersterscheinungstag des Magazins absehbar war.

Die Verlagsleitung hat bisher kein einziges erfolgreiches neues Produkt auf den Weg gebracht, sie war nicht fähig, eine erkennbare zukunftsweisende Strategie zu entwerfen, die auch den Mitarbeitern Halt und Orientierung gibt. Abseits regelmäßiger Entlassungen von Chefredakteuren lässt sich von außen keine klare Vorstellung erkennen, wie der „Spiegel“-Konzern zu führen sei.

Georg Mascolo, Matthias Müller von Blumencron, Rüdiger Ditz, Arno Balzer, Karsten Stumm, Martin Doerry – mittlerweile ist die gesamte Chefredaktion des Hauses bis auf eine Ausnahme ausgetauscht worden. Und solche hastigen Trainerwechsel bringen, um auf das fußballerische Bild zurückzukommen, selten etwas. Schon so mancher Verein tat besser daran, sich mit bestehendem Personal und einigen qualitativen und wohlüberlegt auf die Mannschaft abgestimmten Neuzugängen neu aufzustellen. Selbst wenn das kurzfristig den Abstieg bedeutete.

Dünkel und Hybris

Die sich auf kosmetische Korrekturen beschränkende Herangehensweise der Verlagsleitung – die Redakteurinnen und Redakteure über die Klinge springen lässt, ohne die grundlegende Problemstellung entschlossen anzugehen – begünstigt Grabenkämpfe. Schlimmer noch: Die Grabenkämpfe sind überhaupt erst dadurch ausgebrochen, dass die Verlagsleitung seit nun bald zwei Jahren wie wild um sich schlägt. Kein Wunder, dass die Stimmung in den Redaktionen sehr schlecht ist und jeder nach jedem tritt. Gerade Menschen, die sich einen großen Teil ihres Lebens ganz selbstverständlich einer besonderen Elite zugehörig fühlen, werden dünnhäutig, wenn sie um ihre Pfründe fürchten. Das Chaos beim „Spiegel“ ist die Kehrseite von Dünkel und Hybris. Nur wenn der Fokus fortan deutlicher auf die Verantwortung der Verlagsleitung gelegt wird, wenn deren unternehmerisches Versagen stärker in den Blick gerückt wird, kann auch in den Redaktionen wieder Ruhe einkehren.

Eine kleine Anekdote zum Schluss: Vor etwa 15 Jahren sagte mir jemand beim „Spiegel“, dass, wenn ich ihm eine E-Mail schreiben wolle, sie an „Leserbriefe“ adressieren solle, es gäbe jemand im Keller, der ihm die betreffende E-Mail ausdrucken und nach oben bringen würde. Natürlich ist das längst vergangen, und rückblickend nur eine Kleinigkeit. Für mich aber illustriert dieser buchstäbliche Fall eines „Internet-Ausdruckers“ noch heute plastisch, wie distanziert man sich im Print-Journalismus neuen Kommunikationsformen gegenüber zeigt. Es ist doch schon ein wenig idealisierend, wenn Schnibben den „Spiegel“ in seinem Facebook-Beitrag als Vorreiter neuer Medien inszeniert: „Als das Privatfernsehen erfunden wurde, erfand der SPIEGEL SPIEGEL TV, als das Netz kam, kam SPIEGEL Online.“ Sicher, die ungewöhnliche Praxis des E-Mail-Ausdruckens wird in den Redaktionen schon lange Geschichte sein. Dünkel, große Distanz gegenüber dem Leser, und eine unausgegorene Gesamtstrategie aber bleiben. Diesen Problemen hätte sich – nicht nur – der „Spiegel“ zu stellen.

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