Pornografie gibt es bereits, seit der erste Höhlenmensch anzügliche Bilder an die Höhlenwand malte. Cindy Gallop

Von einer Phrase und ihrem Gebrauch

Zersetzt zunehmender Egoismus unsere Gesellschaft? Man muss begründete Zweifel haben.

„Wir wollen gegen den zunehmenden Egoismus in unserer Gesellschaft ansteuern und Bus- und Bahnkunden mit einem Augenzwinkern dazu motivieren, an ihre Mitreisenden zu denken.“ Auf diese Weise versuchte kürzlich die Leiterin Kommunikation beim Kompetenzcenter Marketing NRW, Birgit Strecker, eine Marketingaktion des ÖPNV in Nordrhein-Westfalen als wegweisendes politisches Engagement zu verkaufen.

„Der zunehmende Egoismus in unserer Gesellschaft“ – ich kann es nicht mehr hören. Eine Google-Suche nach dieser Phrase ergibt mehr als eine Million Treffer, wann immer der Zustand unserer Gesellschaft kritisch beschrieben werden soll, taucht sie auf. Sonntags in der Kirche, auf Parteitagen, in Neujahrsgrußworten, beim Sommerfest der Caritas. Zunehmender Egoismus muss herhalten, wenn freiwillige Feuerwehrleute die eigene Bedeutung rühmen, NGOs zu Spenden aufrufen oder die weiblichen Mitglieder der Partnervermittlungsbörse Elitepartner keinen Mann finden, der sich beim Essen ordentlich benehmen kann. Ein zunehmender Egoismus, will unter anderem der notorische Heiner Geißler wissen, zeichne unsere Zeit aus und untergrabe die Fundamente der Gesellschaft.

Eine seit Ewigkeiten wiederholte Plattitüde

Die Sorge um den „zunehmenden Egoismus in unserer Gesellschaft" eint Marketingprofi Birgit Strecker mit dem Fußball-Idol Uwe Seeler, dem Erzbischof von München und Freising, Reinhard Marx, und natürlich mit großen Teilen des Führungspersonals der deutschen Parteienlandschaft. Das „Zunehmender-Egoismus“-Lamento ist dabei noch nicht mal eine neue Entwicklung. Wie es heute bei den Egoismus-Exegeten erschallt, steht es bereits in der Bibel, im Buch der Richter (21,25): „Zu der Zeit war kein König in Israel; jeder tat, was ihn recht dünkte.“ Und schon Arthur Schopenhauer, der Jammerlappen unter den deutschen Philosophen, klang bei diesem Thema gerade wie unsere Zeitgenossen:

„Der Egoismus ist, seiner Natur nach, grenzenlos: … „Alles für mich und nichts für die Andern“ ist sein Wahlspruch. Der Egoismus ist kolossal: er überragt die Welt. Denn, wenn jedem Einzelnen die Wahl gegeben würde zwischen seiner eigenen und der übrigen Welt Vernichtung, so brauche ich nicht zu sagen, wohin sie bei den Allermeisten ausschlagen würde.“

Auch der deutsche Revolutionär und vielleicht nicht zufällig glühende Nationalist Ernst Moritz Arndt stieß schon in dasselbe Horn und gab sich als zeitgenössischer Kritiker eines so wörtlich – Sie ahnen es – „zunehmenden Egoismus“. Was von derartigen Lamenti zu halten ist, merkte eine anonyme Kritik in der „Allgemeinen Literatur-Zeitung“ von 1806 ganz richtig an: „Solchen Strafpredigten hört das Publikum gerne zu. Wer dagegen zu einer ernsthaften Selbstbesserung nach vernünftigem Plane zurückzuführen trachtet, dem kehrt der große Haufen schnell den Rücken zu.“

Es ist offensichtlich: Die Rede vom „zunehmenden Egoismus“ ist ähnlich wie die Klage über die Jugend von heute eine seit Ewigkeiten wiederholte Plattitüde, die nicht viel mehr sagt als „früher war alles besser“. Und überhaupt: Gäbe es in unserer Gesellschaft tatsächlich gerade heute einen zunehmenden Egoismus zu verzeichnen, müsste doch mehr vorliegen als anekdotische Belege! Aber hat vielleicht irgendwann einmal ein großer Geist einen Egoismuskoeffizienten entwickelt, den wir durch die Geschichte zurückverfolgen könnten? Wenn ja, dann habe ich das wohl verpasst. Gibt es vielleicht ein Egoismus-O-Meter, das wir öfter mal konsultieren sollten? Kaum. Soweit man überhaupt belastbare Daten zum Thema „Egoismus“ findet, weisen diese, wie aktuell in einer Studie der Bertelsmann-Stiftung, in eine andere Richtung: Zusammenhalt und Toleranz nehmen in Deutschland tendenziell zu.

Wie also bestimmen die Klagenden eigentlich den Begriff „Egoismus“? Antwort: Egoismus ist immer das, was den Kritikern gerade in den Kram passt.

„Der zunehmende Egoismus in unserer Gesellschaft ist verantwortlich für [Übel Ihrer Wahl bitte hier einsetzen].“ Der so viel zitierte und viel kopierte Satz erspart es, nachzudenken. Je nach Perspektive (s. o.) ist Egoismus die Bereitschaft, die ganze Welt zu zerstören – ebenso wie schlechte Umgangsformen und Tischmanieren. Wenn sich Menschen von Institutionen abwenden, liegt es am Egoismus, aber auch, wenn ganze Staaten einer Neuordnung des Währungssystems kritisch gegenüberstehen. Dass Menschen und Gruppen vielleicht auch gute Gründe für ihre Positionen haben könnten, wird von vornherein verworfen. Im privaten Rahmen können so hinter der Phrase vom „zunehmenden Egoismus“ eigene Defizitgefühle und Enttäuschungen gesellschaftlich rationalisiert werden. Positionen, die nicht den eigenen entsprechen, werden so systematisch pathologisiert.

Christlich-antiegoistisches Politikverständnis

Gern auch nutzt man den „zunehmenden Egoismus“, wie etwa am Beispiel der Feuerwehrleute zu sehen, um sich selbst als positives Beispiel gegen den ach so maroden Zeitgeist zu profilieren. Noch konkreter wird das Ganze, blickt man auf die politische Ebene. Hier geht die Phrase vom zunehmenden Egoismus ritualisiert mit der Klage über gesellschaftliche Entsolidarisierung einher. Ob Banker oder Schwarzarbeiter, Steuerhinterzieher oder „faule Arbeitslose“, die Schwäche des Sozialstaates wird je nach politischer Couleur personalisiert und den moralischen Verfehlungen einzelner Gesellschaftsmitglieder angelastet. Über zunehmenden Egoismus zu klagen, heißt dann unbeirrt dem Kollektivismus das Wort zu reden. So muss man politische Fehlentscheidungen oder inhärente Schwächen des Systems nicht reflektieren. Exemplarisch für derartige Verdammung des Egoismus war sicherlich die Kampagne „Das Wir entscheidet“ im Bundestagswahlkampf der SPD 2013. Im Europawahlkampf springt die Linkspartei auf den gleichen Zug auf.

Auffällig oft in solchen Fällen beziehen sich Politiker heute gar nicht mehr auf politische, sondern auf christliche Vordenker. Heiner Geißlers Katholizismus ist weithin bekannt, der letzte sozialdemokratische Kanzlerkandidat Peer Steinbrück hat vor einiger Zeit zum Christentum zurückgefunden, verehrt Luther und lobt den EKD-Ratspräsidenten Nikolaus Schneider. Linksaußen-Politiker wie Oskar Lafontaine sehen Christentum und Sozialdemokratie als in der Nächstenliebe verwandt an, und die konservativen Christdemokraten-Sozialen halten es ebenso. Man muss nicht Nietzsche darin folgen, dass das Christentum der Totengräber antiker Tugenden und Ursprung aller „Sklavenmoral“ sei, aber die Nähe von heutiger christlicher Moral und Egoismuskritik (oft in Wirklichkeit Kapitalismusschelte) ist auffällig. Und im Zentrum eines solchen christlich-antiegoistischen Politikverständnisses steht stets die „Nächstenliebe“, nach Lafontaine etwa gleichbedeutend mit der sozialdemokratischen Solidarität.

Indes: All diesen Positionen gemein ist eine grobe Verzerrung des christlichen Ideals. Man solle seinen Nächsten lieben wie sich selbst, erklärt Jesus in der Bergpredigt. In Markus 12.31 wird das verstärkt: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Es ist kein anderes Gebot größer denn dieses.“ Während der erste Teil des Gebotes jedoch noch heute große Beachtung findet, wird der Nachsatz „wie dich selbst“ komplett ignoriert, und so das Ideal der Nächstenliebe in Richtung eines kuschelig-selbstlosen Altruismus pervertiert, dessen Widersacher der Egoismus sei.

Doch gerade der Nachsatz ist bedeutend. Er gibt die notwendige Bedingung der Möglichkeit von Nächstenliebe an. Denn wie wäre Nächstenliebe ohne Selbstliebe möglich? Wer, wenn nicht derjenige, der sich selbst liebt, soll zur Liebe gegenüber anderen fähig sein? Zu lieben heißt sich selbst zu verschenken. Und verschenken kann man nur das, was man besitzt. Sich selbst zu besitzen, bedeutet erst mal zu wissen, was man ernsthaft will. In diesem Sinne stellte einstmals auch das Christentum den Einzelnen in den Mittelpunkt seiner Ethik. Besonders der Protestantismus des 16., 17. und 18. Jahrhunderts leistete so einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung der modernen kapitalistischen Gesellschaft und des Liberalismus. Selbstverwirklichung und Hilfe zur Selbsthilfe waren dann auch die Ideen einer von Aufklärung und Liberalismus geprägten Sozialpolitik.

Ein Versuch, eigene Schwächen zu überspielen

Gewiss, jedes Ideal kann derart übersteigert werden, dass es zum Selbstzweck verkommt oder geradezu krankhaft erscheint. Auch mangelt es heute – wie zu jeder Zeit –, nicht an Beispielen übertriebener Selbstbezogenheit. Doch jeglichen Egoismus zum absoluten Übel zu stilisieren und diesem einen ebenso krankhaften Altruismus entgegenzustellen, kann nicht die Antwort sein. Es gilt, zwischen gesundem und krankem Egoismus zu unterscheiden; genauso zwischen gesundem und krankem Altruismus. Nur wenn die Gesellschaft so eingerichtet ist, dass das je persönliche, egoistisches Streben des Einzelnen und das, was der Allgemeinheit zugute kommt, eine Synthese eingehen, kann das Zusammenleben von Individuen funktionieren. Der Ausgleich zu einem kranken Egoismus ist somit mitnichten der kranke Altruismus, sondern der gesunde Egoismus. Und einen für sich isolierten Altruismus kann es nicht geben, denn niemand macht etwas ohne Grund.

Eine Studie der amerikanischen Psychologen Eric J. Pedersen, Robert Kurzban und Michael E. McCullough von der Universität Miami legt zudem nahe, dass Prediger des Altruismus regelmäßig vor allem ihrem eigenen Neid nachgeben. Die alltägliche private Egoismuskritik wäre dann vor allem ein Versuch, eigene Schwächen zu überspielen; politische Egoismuskritik nur eine weitere Variante, durch die eine Gruppe von Machtmenschen ihren ganz eigenen Egoismus in besonders verlogener Weise auslebt. Dagegen ist aufrechtzuerhalten, dass nur der Einzelne, der sich selbst verwirklicht und mit sich selbst im Reinen ist, überhaupt auch den anderen wertschätzen und am Aufbau eines funktionierenden Gemeinwesens mitwirken kann. Mit den Worten von Rainer Maria Rilke:

„Wonach die Zeit am sehnlichsten verlangt, das sind immer wieder die großen Individualitäten – die anders sind. Denn immer ist mit ihnen die Zukunft gewesen! Das Große lässt sich niemals erringen es schenkt sich denn … Aber nur Ernsten und Einsamen gibt es sich hin. Denen die still den schweren Weg zu sich selber gehen, nicht die Promenadenallee zum Publikum hin.“

Diesen stillen Weg zu sich selbst zu gehen, den schon der anonyme Kritiker von 1806 den Jüngern Ernst Moritz Arndts anempfahl, stünde all jenen gut an, die sich bei jeder sich bietenden Gelegenheit über zunehmenden Egoismus echauffieren. Wenig ist egoistischer, als die eigenen Interessen hinter einer solchen leeren Phrase zum Verschwinden zu bringen und was den Einzelnen antreibt, anderen Mitgliedern der Gesellschaft in die Schuhe zu schieben. Wenn es einen „zunehmenden Egoismus“ tatsächlich gibt, dann wohl bei denen, die ständig wohlfeil tadelnd von ihm reden.

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