Ich!

Hasso Mansfeld2.06.2015Gesellschaft & Kultur, Medien, Wirtschaft

Die Presse geißelt das „große Ego“ des Ferdinand Piëch und bringt damit ein ganzes Konzept in Verruf. Das ist gefährlich, denn das Ego ist die Grundvoraussetzung für erfolgreiches Unternehmertum.

In der Berichterstattung der vergangenen Wochen über den Machtkampf an der Spitze des Volkswagen-Konzerns hatte es wieder seinen schillernden Auftritt: das „große Ego“ der Wirtschaftsbosse und Manager, oder zumindest das, was die Presse damit verbindet. Als ein Machtkampf zweier solcher „Egos“ wurde die Kraftprobe zwischen dem Aufsichtsratsvorsitzenden Ferdinand Piëch und dem Vorstandsvorsitzenden Martin Winterkorn inszeniert, insbesondere mit Blick auf den stur und nicht gerade glücklich agierenden „Patriarchen“ Piëch wurde die Phrase gern bemüht. Ein „großes Ego“, das ist in der Wirtschaftsberichterstattung geradezu zum geflügelten Wort geworden, man verbindet es mit Rücksichtslosigkeit, Engstirnigkeit und Gier. Doch die mediale Kasteiung des sogenannten „großen Egos“ ist in mehrfacher Hinsicht schädlich. Sie rückt jede Art von erfolgreichem wirtschaftlichem Agieren in ein schlechtes Licht, stellt unternehmerisch tätige Menschen unter Generalverdacht, und bringt vor allem ganz zu Unrecht das Ego in Verruf, das seit der cartesianischen Wende im Mittelpunkt aufklärender bürgerlicher Philosophie steht.

Unter dem „Ego“, beziehungsweise dem Selbstwert, “so Wikipedia”:http://de.wikipedia.org/wiki/Einstellung_%28Psychologie%29, verstehe die Psychologie „die Bewertung, die man von sich selbst hat“. Ein meines Erachtens dem eigentlich Gemeinten noch besser Rechnung tragender Begriff ist daher „Selbstbewusstsein“ – das Bewusstsein also darüber, was und wer ich bin. Es bezeichnet einen reflektierten Prozess des sich selbst Begreifens, des sich selbst Einschätzens. So verstanden ist ein starkes Selbstbewusstsein nichts Schlechtes, sondern die notwendige Voraussetzung einer stabilen, in sich ruhenden Persönlichkeit. Die affektive Verknüpfung von Selbstdarstellern und Blendern mit dem „großen Ego“ attackiert so letztlich das bürgerliche Streben nach Glück, das doch den Kern unserer Gesellschaft ausmacht.

Das starke und das neurotische Ego

Dem wohlverstandenen starken Ego des in sich ruhenden Individuums, das in erster Linie auf gelungener Eigenvalidierung beruht, steht das „große Ego“ der Presse gegenüber. Ein Ego, das sich nicht fragt: „Wer bin ich selbst? Wie kann ich mein bestmögliches Selbst werden?“ – sondern in die Runde blickt und wissen möchte: „Wie werde ich wahrgenommen? Wie schaffe ich es, dass die Außenwelt mich als starke Persönlichkeit sieht?“ Derartige Fremdvalidierung ist zugegebenermaßen eine der entscheidenden Triebfedern von „Erfolg“. Ob sie die wichtigste ist oder einfach nur die lauteste, vermag ich nicht zu sagen. In jedem Fall ist es die, die am deutlichsten wahrgenommen wird. Doch kein starkes Ich wird hier ausgebildet, sondern ein schwaches kaschiert, eine Maske, die die Sucht nach Anerkennung verdeckt. Das „große Ego“ der Piëchs und Winterkorns grenzt ans Neurotische, geht leicht in dieses über. Fraglos aber haftet ihm etwas Pubertäres an, das nie abgelegt wurde. Man sieht sich dauerhaft gezwungen, sich mit anderen zu vergleichen – „mein Haus, mein Auto, mein Boot“. Wie das Nesthäkchen, das immer mit den älteren Geschwistern ums Essen kämpfen musste, hat man nicht gelernt, sich innere Schranken zu setzen und schlägt sich den Bauch voll, ob es nun nützt oder schadet.

bq. „Das Große lässt sich niemals erringen es schenkt sich denn … Aber nur Ernsten und Einsamen gibt es sich hin. Denen die still den schweren Weg zu sich selber gehen, nicht die Promenadenallee zum Publikum hin.“

So mahnte der Dichter Rainer Maria Rilke seine Gefolgschaft. Das sogenannte „große Ego“ ist dagegen ganz auf der Promenadenallee zu Hause. Das Publikum, die Konkurrenz, sind alles. Sich selbst lernt es kaum kennen.

Ein derartiges, regelmäßig ins Neurotische spielendes Ich mag immer wieder der Garant für schnelle und auch beeindruckende Erfolge sein, es ist allerdings ebenso oft der Garant für vollumfängliches und gern auch spektakuläres Scheitern.

Altruismus – das andere Extrem

Nicht erst in den Extremen, bereits im Alltag gefährlich wird es, wenn die Neurose zur treibenden Kraft der Bemühungen um Anerkennung und Erfolg wird. Der neurotische Typus des „großen Egos“ ist nur in einem geringen Maße fähig, sich vom Bild, das die Gesellschaft von ihm hat, abzugrenzen. Sein Ich existiert nur im Blick des Anderen. An Kritikfähigkeiten mangelt es ihm. Und weil es immer jemanden geben wird, der in dieser oder jener Hinsicht „mehr“ hat, gibt es irgendwann kein Halten. So ist wohl auch zu erklären, dass immer wieder Fälle bekannt werden, in denen solche „großen Egos“ auch vor kriminellen Handlungen nicht zurückschrecken. Das sogenannte „große Ego“ verlangt dabei zudem ein steigendes Maß an Selbstbetrug, ein gewaltsames Unterdrücken der zunehmenden Dissonanz zwischen aufrechterhaltenem Bild und Eigenwahrnehmung. Ein irrendes Gewissen sei „ein Unding“, nahm Immanuel Kant an. Folgen wir ihm darin, wird einsichtig, welche Gewalttaten sich selbst gegenüber manches „große Ego“ fortwährend vollbringen muss. Und die traurige Leere, die ein Millionärs-Trash-Format wie „Die Geissens“ nun auch täglich in die Wohnzimmer der weniger begüterten Bevölkerung spült, wird verständlicher.

Nichts wäre nun aber falscher, als solch krankhaften „großen Egos“ einen bedingungslosen Altruismus gegenüberzustellen, wie es christliche, linke und umweltbewegte Aktivisten, befeuert durch die zahlreichen Berichte übers schädliche Ego, gerne tun. Altruismus, besonders mit großer Geste beschworener Altruismus, ist nicht selten nur die Kehrseite eines krankhaften Egoismus, und oft genug selbst Deckmantel der Eigeninteressen von Individuen, die kein starkes selbstbewusstes Ich ausgebildet haben und ihre Interessen nicht offen zu vertreten wagen. „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“, lautet das von Parteigängern des Altruismus gern nur halb zitierte berühmte Wort der Bergpredigt. Doch die Selbstliebe, diese unhintergehbare Voraussetzung gelingender Nächstenliebe, das „wie dich selbst“, unterschlägt man leichtfertig. Sie verweist gerade auf das starke Ego, das gesunde Selbstbewusstsein, die Voraussetzung allen selbstbestimmten Handelns.

Neurotisches Verhalten erhöht die schädliche Risikobereitschaft

Und dieses auf den ein oder anderen vielleicht antiquiert wirkende Ideal, das etwa in Thomas Manns Kaufmannsepos „Die Buddenbrooks“ der alte Konsul mit seinen steten Mahnungen an die „Contenance“ und dem Insistieren, „nur solche Geschäfte bei Tage“ zu machen, „dass man in der Nacht gut schlafen kann“, so exemplarisch verkörpert, ist aktueller, als man denkt. So legen “neuere Studien zur Unternehmenskultur”:http://www.handelsblatt.com/politik/oekonomie/nachrichten/studie-spitzenmanager-wenn-das-ego-die-bilanz-belastet-seite-2/3530084-2.html nahe, dass das neurotische Verhalten von Spitzenmanagern mit einer Neigung zu letztlich schädlichen Hochrisikogeschäften einhergeht.

Das starke, sich selbst validierende Ego mag weniger spektakulär daherkommen und oft unter dem Radar der Öffentlichkeit segeln. Langfristig aber steht es für den stabileren Erfolg.

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