Affektierter Pazifismus

Hasso Mansfeld7.05.2015Gesellschaft & Kultur

Auch 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs ist der Nationalsozialismus allgegenwärtig.

Am heutigen Tag vor 70 Jahren endete mit der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht der Zweite Weltkrieg in Europa. 70 Jahre. Beinahe eine Ewigkeit. Die längste Phase des Friedens in Mitteleuropa seit Menschengedenken. Eine Zeit, die uns alle, wie Botho Strauß in seiner jüngsten Novelle „Herkunft“ schreibt, zu Pazifisten aus Gewohnheit machte. Wir können uns gar nichts anderes mehr vorstellen als Frieden. Und andererseits: 70 Jahre – ein Nichts. Fast jeder von uns kennt noch Menschen, die den Krieg hautnah miterlebt haben, und hat den ein oder anderen Verwandten, der von den Gräueln des Nationalsozialismus zu berichten weiß oder, auch das nicht so selten, von nichts gewusst haben will.

Die Geister des Überwundengeglaubten suchen uns heim

In meiner Jugend, ich bin Jahrgang ’62, schien mir der Zweite Weltkrieg weitaus ferner als heute. Krieg, das war etwas, wovon man im Geschichtsunterricht lernte, es fand ausschließlich in Schwarz-Weiß statt und hatte mit meinem Leben nur bis zur nächsten Prüfung zu tun. Der Eindruck wurde sicher verstärkt durch die ungeheure gesellschaftliche Verdrängungsleistung, die mangelnde Bereitschaft, sich mit der Vergangenheit überhaupt auseinanderzusetzen (die frühesten „Schlussstrichdebatten“ fanden bereits in den späten 40ern statt). Mit zunehmendem Alter und angeregt unter anderem durch mein lokalpolitisches Engagement schärfte mein Blick sich zusehends.

Nun entdecke ich Spuren des Nationalsozialismus allenthalben. In der Art, wie wir miteinander umgehen. In Architektur und Stadtgestaltung. Und auch in meiner eigenen Kindheit und Jugend. Auf ein interessantes Detail wies mich ein befreundeter Architekt erst vor Kurzem hin: Der weitgehende Verzicht auf Naturstein und der breite Einsatz massiven Stahlbetons nämlich seien auf die Scheu zurückzuführen, an im Nationalsozialismus favorisierte Natursteinbauten anzuknüpfen. Dank dieser kurzsichtigen Tabuisierung eines gewöhnlichen Baustoffes bleiben uns nun also zahlreiche Nachkriegskonstruktionen erhalten, die, wo einst alte Bürgerhäuser die Innenstädte zierten, unangenehm an Bunkersysteme erinnern. Eine List der Geschichte, die durchaus symbolisch zu lesen ist: Man hat es, gesellschaftspsychologisch, nicht geschafft, gewisse Elemente der Vergangenheit, die für diese gar nicht konstitutiv waren, zu entwerten. So suchen uns die Geister des Überwundengeglaubten bis heute heim.

Sehr viel entscheidender als hässliche architektonische Sünden ist allerdings der Niederschlag, den Krieg und Nationalsozialismus bis heute in der Architektur unserer Seele finden. Ich selbst stamme aus einer schlesischen Familie, die in ihrer früheren Heimat weitläufige Güter besaß, ein großbürgerliches Leben führte, und viel wichtiger: sich in erster Linie über diesen Status definierte. Über den Verlust ihrer privilegierten Stellung, immerhin nicht zuletzt dem deutschen Vernichtungskrieg im Osten geschuldet, kamen viele Familienmitglieder ihr Leben lang nicht hinweg. Selbst in meiner Generation ist bis heute diese Realitätsverweigerung verbreitet. Im besten Fall wurde und wird der Vergangenheit in kauzigen Marotten gehuldigt, man schmückt(e) sich mit alten Siegelringen und Familienwappen. Doch auch aggressiver Dünkel, ein stetes Herabsehen auf die neuen Mitbürger in der Bundesrepublik, war eine oft beobachtete Begleiterscheinung. Mein Vater, als Soldat aus der Kriegsgefangenschaft mit kaum mehr 40 kg Körpergewicht heimgekehrt, tat sein Möglichstes, die vergangenen Jahre nicht an sich heranzulassen.

Narben der Seele

Wie verdrängte Gewalt sich als offene Gewalt in der nächsten Generation Bahn bricht, durfte ich dann regelmäßig und überaus schmerzhaft am eigenen Leib erfahren. Ich bin mir sicher, dass ich nicht der Einzige war, und gehe davon aus, dass aus der Gewaltspirale auch in der Folge- und Folgegeneration nicht jeder ausbrechen konnte. Denn wenn wir uns schon an solchen Lappalien wie Naturstein jahrzehntelang aufhängen konnten, wie viel schwieriger ist es, Erfahrungen zu überwinden, die uns im Persönlichsten prägten? Wir sollten es uns als unsere ureigenste Aufgabe ansehen, die Kette der Gewalt zu durchbrechen, damit nicht auch noch unsere Kinder unter den Folgen des Krieges leiden müssen.

In kaum zu überblickender Weise hat die Zeit zwischen 1939 und 1945 Niederschlag in unserer Erziehung und Persönlichkeitsbildung gefunden. Denn auch die heute vor allem mit dem Jahr 1968 verbundene Gegenbewegung ist in erster Linie Reaktion auf, und versuchte Verarbeitung der Erlebnisse der Elterngeneration. Wenn sonst auch im jugendlichen Überschwang weniges klar war, eines war sicher: Wie Die wollte man auf keinen Fall sein und werden. Entsprechend vehement der „verspätete Antifaschismus“, der gar den von den „68ern“ verehrten linken Philosophen Theodor W. Adorno dazu hinriss, vor der „Gefahr des Umschlags der Studentenbewegung in Faschismus“ zu warnen. Entsprechend akribisch und ausufernd auch die Suche nach Wiedergängern des NS, die von Vietnam bis ins heutige Israel, das noch immer von allen Seiten von Feinden bedroht wird, die sich ganz offen die Vernichtung der Juden auf die Fahne geschrieben haben, reihenweise identifiziert und bekämpft werden. Entsprechend auch die Überhöhung eines antiautoritären Erziehungsideals, welches dem als besonders autoritär vorgestellten des Nationalsozialismus und der Elterngeneration entgegengestellt wurde.

Lippenbekenntnisse und Abwehr statt Auseinandersetzung

Auch im zeitgenössischen Politaktivismus sind die Spuren der unentwerteten NS-Erfahrung noch deutlich enthalten. Zwar haben sich die 68er-Ideale längst in einer Weise verselbstständigt, dass die große Masse der Bundesbürger nicht nur Pazifisten aus Gewohnheit, sondern ebenso Antiautoritäre und Antifaschisten aus Gewohnheit sind. Doch bleibt die Abwehr regelmäßig eine affektierte, keine reflektierte. Man gewinnt den Eindruck, dass je länger der Nationalsozialismus zurückliegt, er umso mehr (indirekten) Einfluss ausübt. Nicht zuletzt wurde das in der Heftigkeit anschaulich, mit der bis ins vergangene Jahr die akademische Linke darum bemüht war, die Ehrenrettung des Philosophen Martin Heidegger zu betreiben, der nun wirklich oft und bis 1945 offen genug (später, z.B. im “berühmten „Spiegel“-Interview verklausuliert”:http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/heideggers-spiegel-interview-hundert-minuten-huettenzauber-12833513.html) seine NS-Sympathien bekannt hatte. Kein Wunder, lieferte Heidegger doch die Blaupause der heute so beliebten postmodernen Denkrichtungen. Den Faschismus hat man hassen gelernt, doch tritt er in unerwartetem Gewand auf, erkennt man ihn nicht.

Sigmund Freud spricht von der Verkehrung eines „untragbaren affektiven Bedeutungsinhaltes“ ins Gegenteil als Reversion. Diese stehe dem Verdrängten für gewöhnlich näher, als der Verdrängende sich eingestehen könne. Es ist diese “Reversion”:http://flexikon.doccheck.com/de/Reversion, die in unzähligen Lippenbekenntnissen zum Antifaschismus immer wieder zum Ausdruck kommt, in Lichterketten ebenso wie in einer bemüht antiautoritären Erziehung, die unfähig ist zu unterscheiden zwischen nur angemaßter Autorität, etwa der eines Lehrers, der sich an ihm schutzbefohlenen Schülern vergreift, und der des Lehrers, der aufgrund seines Wissens und seiner pädagogischen Fähigkeit sich Autorität erworben hat. Sie ist wohl auch der Kern solch “hilfloser verspäteter Aufarbeitungen der Shoa”:http://www.theeuropean.de/heinrich-schmitz/10058-prozess-um-ehemaligen-ss-mann-oskar-groening, wie dem jüngsten Prozess gegen den 93-jährigen Oskar Gröning, dessen individuelle Schuld durch Verstrickung in das System ebenso wie die Schuld zu vieler anderer, die niemals vor Gericht gestellt wurden, doch in einem Prozess nicht aufzuwiegen ist.
Gerade auf regionaler Ebene wurden die Chancen zu einer ernsthaften Aufarbeitung reihenweise verpasst. Ursprüngliche Verdrängung und Abwehr durch affektierten Antifaschismus gingen dabei Hand in Hand.

Nazizombies? Nazizombies!

Von den Erfahrungen des Nationalsozialismus und des Krieges können wir uns nur lösen, wenn wir die Geister des Vergangenen, den Naturstein ebenso wie die Gewalterfahrungen mit der Elterngeneration, psychisch entwerten. Das gelingt allein durch Anerkennung und Akzeptanz, auch der verpassten Chancen. Wehren wir die Einsicht in die Bedeutung des Vergangenen gerade auch für unseren persönlichen Seelenhaushalt weiterhin ab, wird uns die Lebensgeschichte der mittlerweile merklich ausgedünnten Täter- und Opfergeneration auf ewig in der Form Nazizombies entgegentreten.

Nazizombies? Ja. Und das meine ich ganz real und anschaulich: Rund um den Nationalsozialismus hat sich mittlerweile eine ausgedehnte Ikonographie des absoluten Bösen entwickelt, die von den klassischen Hollywood-Nazis, die nur einige wenige Worte Deutsch brüllen können und die Hacken zusammenschlagen, über elegant-gruselige Bösewichte wie Timothy Dalton in „The Rocketeer“ bis hin zum allgegenwärtigen Übervater Hitler in Guido Knopps Infotainment-Dokumentationen reicht. Dass auf diese Weise die Vergangenheit begreiflicher wird, ist beinahe ausgeschlossen. Stattdessen nähert sich der Nazi als Chiffre immer mehr anderen historisch tief verwurzelten Chiffren des anlasslosen, quasi natürlichen „Bösen“ an, die wie eine Plage über die Menschheit kommen und deren Ursprünge man lieber im Dunklen lässt. Mein Freund, der Regisseur Uwe Boll, hat schon den richtigen Riecher, wenn er seine Nationalsozialisten im Film „BloodRayne: The Third Reich“ an einer Möglichkeit forschen lässt, Hitler mittels Vampirblut Unsterblichkeit zu verleihen.

So weit sollten wir es nicht kommen lassen. Vielleicht ist es ein sinnvoller Anfang, sich zum 70. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges noch einmal genauer zu vergegenwärtigen, welche Spuren dieser und der Nationalsozialismus in unseren je eigenen Biografien und in unsrem Umfeld bis heute hinterlassen haben. Und sich bewusst zu machen, was genau das je für uns selbst eigentlich bedeutet. Für uns als Individuum, wie auch für die Gesellschaft. Denn ob nun Pazifist oder nicht Pazifist, ob Antifaschist oder Kritiker des heutigen Verständnisses von Antifaschismus: Man sollte eine solch weitreichende Haltung niemals aus Gewohnheit einnehmen.

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