Die große Mehrheit der Menschen steht hinter der Occupy-Bewegung. Joseph Stiglitz

Die Schau der Presseschau

Die journalistische Aufarbeitung der Ereignisse um den Absturz der Germanwings 9525 mag kritisch zu bewerten sein. Dabei sollten wir aber nicht mit zweierlei Maß messen.

Einer der meistgelesenen Artikel im Netz zum Absturz des Germanwings-Fluges 9525 kam von Sascha Lobo. Ein vielschichtiges Stück „über die Medienreaktionen“ verfasste dieser für „Spiegel Online“, genauer eine Auseinandersetzung mit den Paradoxien auch rund um die Reaktionen auf Reaktionen. Ein zentraler Satz, der die Debatte prägnant zusammenfasst: „Beschwerden über die Verlogenheit … folgen ihrerseits Beschwerden über die Pietätlosigkeit der Beschwerden.“ Lobos lesenswertes Stück zeigt: Der Absturz, die vielen Toten, das Unglück geht uns nahe. Wir wollen begreifen, und wir wollen begreifen, wie wir begreifen. Von verlogenem Mitleid, wie es der Kollege Wolfgang Brosche in seiner Kolumne für The European zu identifizieren glaubt, kann daher keine Rede sein. Auch und gerade weil es im Trauern, im Suchen nach Antworten, im Mit-Leiden immer ebenso um uns selbst geht wie um andere, ist das Mitleid echt. Wie sonst wäre Mitleid möglich?

Ein Phänomen sticht aus den Umgangsweisen mit dem Unglück heraus: die Aggression, die teils heftig werdende Suche nach Sündenböcken. Jene umkreist auch Lobos Artikel in mehreren Anläufen, ohne ihr tatsächlich zu Leibe zu rücken. Irgendetwas ist, das spürt man nicht nur in Lobos Text, unheimlich an dieser Aggression. Vielleicht scheint sie dem, der möglichst rational über das Geschehene nachzudenken sucht, fremd, schmutzig, gerade weil sie uns allzu nahe steht. Denn was den Germanwings-Absturz von all den anderen schrecklichen Ereignissen der letzten Tage und Monate unterscheidet, gegen die der Umgang mit dem Absturz manchmal, unberechtigt, ausgespielt wird – den mörderischen Kämpfen in Jemen, sogar dem Attentat auf „Charlie Hebdo“ – ist, dass er aus dem Nichts in unseren unmittelbaren Nahbereich hereinbrach.

Aus Alltäglichem und Verklärtem bricht der Tod

Den Menschen treibt stets ein starkes Bedürfnis nach Bestimmtheit, das heißt nach Planbarkeit und Sicherheit darüber, was sein wird. Und während wir die Bedrohung des Terrors zumindest ahnen konnten, und an Grausamkeiten in ferneren, immer näher rückenden Regionen der Welt uns schon lange gewöhnen mussten, um überhaupt weiterleben zu können, kratzt der Absturz eines Urlaubsfliegers, noch dazu mit Kindern an Bord, als ein tatsächlich wie Schicksal über uns kommendes Ereignis an diesem Verlangen nach Bestimmtheit. Ein Flug von Barcelona nach Düsseldorf, darin hätte beinahe jeder von uns sitzen können, Südfrankreich die Unglücksstelle, für viele Deutsche heute ein ähnliches Idyll wie für Goethe Italien.

In dieses Zusammenspiel aus Alltäglichem und Verklärtem bricht der Tod, und wem unter uns war beim Fliegen nicht schon mal mulmig? Und alle Zeichen deuten darauf hin, dass der Tod gebracht wurde von einem, dem wir uns guten Gewissens ausliefern in einem Vertrauen, das wir so sonst höchstens noch Ärzten entgegenbringen (müssen). All das ist so überraschend, wie erschreckend, wie frustrierend. Und Aggression ist tatsächlich erst einmal die ganz natürliche und in Maßen durchaus gesunde Reaktion auf derartige Frustration. Von der Notwendigkeit eines funktionierenden „geistig-seelischen Immunsystems“ schreibt Rüdiger Safranski eingangs seiner großen Goethe-Biografie. Die Aggression ist in Extremsituationen ein unverzichtbarer Teil eines solchen Immunsystems.

Nachfrage bedienen. Aber wie?

Aus der Notwendigkeit, die Aggressionen zu überwinden, nicht zwingend aus dem Bedürfnis, sie fortzuschreiben, erklärt sich die fieberhafte Suche nach Ursachen, die auch unschöne Konsequenzen zeitigt. Es existiert ein hungriges Interesse nach Aufklärung, das gefüttert werden will. Stark wurde, teils fundiert, teils regelrecht hysterisch, der sensationslüsterne und oft spekulative Umgang der Presse mit dem spärlichen Wissen in den ersten Tagen nach dem Unglück kritisiert. Oftmals übergangen wurde dabei die eigentlich banale Tatsache, dass Journalisten, von denen wir doch jene Informationen erwarten, die uns helfen, die Ereignisse zu ordnen, schwerlich nicht auf ein solches Unglück reagieren können, dass die Katastrophe also den Journalismus per se vor ein Dilemma stellt. Wie etwa im Falle des Selbstmordes einer bedeutenden Persönlichkeit es einerseits gilt, den sogenannten Werther-Effekt zu vermeiden, andererseits aber das Verschweigen von Fakten ebenso kritikwürdig ist, so war es auch im Falle des Germanwings-Absturzes beinahe unmöglich, den einen journalistisch absolut tadellosen Umgang zu finden.

Gewiss, Exzesse wie das Bedrängen von Angehörigen oder das implizite Bedrohen eines Kritikers sind unbedingt zu kritisieren, auch treibt der ökonomische Zwang, der Konkurrenz immer einen Schritt voraus zu sein, zeitweise erschreckende Blüten. Insbesondere heizen die nicht erst seit dem Absturz in allen Medien wild sprießenden Liveticker zu Ereignissen, zu denen es eigentlich überhaupt nichts im Minutentakt zu berichten gibt, haltlose Spekulationen an (so tickerte man etwa 2008/9 auf dem Höhepunkt der Wirtschaftskrise jegliche und sei sie auch komplett aus dem Zusammenhang gerissene Wirtschaftsnachricht als Krisennachricht). Doch ehe man hier den ersten Stein wirft, fasse man sich an die eigene Nase: Wer von uns ist nicht zumindest versucht, wenn er auf der Autobahn eine Unfallstelle passiert, abzubremsen, sich zu vergewissern, was geschehen ist?

Aus dieser so nachvollziehbaren wie neugierigen Haltung heraus fördern wir alle den Sensationsjournalismus, über den wir uns mokieren. Der in diesen Tagen ebenfalls oft gelesene Stefan Niggemeier zitiert den Medienethik-Professor Alexander Filipović: „Medienkritik im Modus der Empörung oder Verachtung ist nicht hilfreich. Sie wird damit selbst zum Element einer von ihr kritisierten Medienwelt.“ Dem ist wenig hinzuzufügen. Ebenfalls einen Gang zurück schalten sollten übrigens alle, die Politiker aufgrund ihrer „geheuchelten Anteilnahme“ unter Beschuss nehmen. In der Frühzeit meiner Tätigkeit als Kommunikationsberater ereignete sich eine schreckliche Gasexplosion in Sachsen-Anhalt mit zahlreichen Schwerverletzten. Damals entschied sich die amtierende Umweltministerin Heidrun Heidecke, um keine Angriffsfläche zu bieten, bewusst gegen einen Besuch des Unglücksorts. Diese Entscheidung hing ihr während ihrer gesamten Amtszeit nach.

Journalismus ist keine Rechtswissenschaft

Merke: Den ewigen Meckerern, die sich in erster Linie darauf spezialisiert haben, immer ein Haar in der Suppe zu finden, kann man es nicht recht machen. Dieser Problematik entkommen Politiker wie Journalisten gleichermaßen nicht, man ist gezwungen, sie auszuhalten. Und all die anderen, für die die Kritik der Presse möglicherweise auch einfach ein Modus der Verarbeitung des Geschehenen, der Regulation des geistig-seelischen Immunsystems ist, sollten nicht vergessen: Obwohl Journalisten idealerweise mit professioneller Distanz und einem größerem Maß an Überlegtheit an die Katastrophe herangehen sollten, treibt sie die gleiche Sehnsucht nach Bestimmtheit um wie die Konsumenten, die vom Journalisten in diesen Tagen das Unmögliche verlangen. Man trage darum denen, denen man vorwirft, dass sie sich erbarmungslos auf jede Schwäche und jede noch nur scheinbare Nachricht stürzen, nicht ewig ihre eigene Schwächen nach.

Entsprechend ist es ebenso wenig sinnvoll, aus dem tragischen Einzelfall nun allgemeine Regeln für den medialen Umgang mit Katastrophen formulieren zu wollen, wie es falsch und gefährlich ist die Katastrophe zur Legitimation neuer Sicherheits- und Überwachungsmaßnahmen zu instrumentalisieren. Zumal solche „Regeln“ letztendlich doch nur für diesen Einzelfall Geltung haben können.

Insbesondere problematisch ist der wiederkehrende Versuch, juristische Prinzipien eins zu eins auf die Prinzipien des Journalismus zu übertragen. Man bezieht sich dabei auf Ziffer 13 des Kodex des Deutschen Presserates, die da lautet: „Der Grundsatz der Unschuldsvermutung gilt auch für die Presse.“ Diese Direktive ist meiner Meinung nach nicht praktikabel: Nähmen wir sie tatsächlich beim Wort, so könnte etwa über zahlreiche Größen des Nationalsozialismus nur im Modus der mutmaßlichen Täterschaft berichtet werden, immerhin wurden die Betreffenden niemals abgeurteilt.

Der nächste Shitstorm ist vorprogammiert

Natürlich ist jeder Journalist angehalten, die eigenen Vorgehensweisen bei der Recherche ebenso zu reflektieren wie die Sinnhaftigkeit und Notwendigkeit gewisser Spekulationen. Doch eine der Jurisprudenz entlehnte Scheinethik suggeriert nur absolute Sicherheit, wo keine ist. An ihr muss der Journalist scheitern, der nächste Shitstorm ist vorprogrammiert, die vermeintlich sichere Warte der Rechtswissenschaft macht es den Übelwollenden besonders leicht, zu wüten.

Im Gegensatz zum frustrierten, trauernden Einzelnen, der, wie oben dargelegt, gerechtfertigterweise seine Frustration auch aggressiv zu verarbeiten sucht, können wir von Journalisten professionelle Distanz erwarten. Damit diese sichergestellt wird, müssen wir uns jedoch erst über die Gründe der Aggression klar werden, die in so viele Facetten des Umgangs mit dem Absturz des Fluges 9525 hineinspielen. Wir müssen einen gesunden Umgang mit dem Umgang entwickeln. Vielleicht hilft ja diese kleine Schau der Presseschau ein wenig, dazu beizutragen.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Hasso Mansfeld: Die grüne Glyphosat-Lüge

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