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Fukushima ist überall

Bevor nicht alle Reaktoren abgeschaltet sind, droht überall auf der Welt die Katastrophe. Wir haben es versäumt, die Lehren aus Tschernobyl und dem Unfall auf Three Mile Island zu ziehen – nun stehen die Menschen in Japan vor der größtmöglichen Katastrophe.

Die Japaner zahlen einen furchtbaren Preis für den Traum der friedlichen Atomnutzung. Ein halbes Jahrhundert lang wurde ihnen versichert, dass so etwas wie die aktuellen Ereignisse in Fukushima unmöglich sei. Nun sind wir verpflichtet, alles zu tun, um ihre Schmerzen zu lindern und dort auszuhelfen. Zudem müssen wir sicherstellen, dass etwas Ähnliches nie wieder geschieht.

1980 berichtete ich aus Pennsylvania über die Folgen des Three-Mile-Island-Unfalls. Ich führte dort Interviews mit Amerikanern, die aufgrund der Strahlenbelastung erkrankt waren und starben. Der Ausspruch „niemand starb auf Three Mile Island“ ist schlichtweg eine Lüge.

Es sterben immer mehr Menschen

Heute, 25 Jahre nach Tschernobyl, gibt eine Studie über die Opfer des Desasters die Todeszahl mit 985.000 an. Auch ein Ende des Desasters in Japan ist nicht abzusehen. 50 mutige Arbeiter versuchen im Kraftwerk verzweifelt, die Kernschmelze abzuwenden. Sie erinnern an 800.000 sogenannte Liquidatoren, sowjetische Wehrpflichtige, die für jeweils 60 oder 90 Sekunden in die Ruine von Tschernobyl geschickt wurden, um dort kurze Reparaturarbeiten durchzuführen. Man hatte ihnen versprochen, sie würden keine gesundheitlichen Schäden davontragen. Doch tatsächlich starben immer mehr von ihnen.

Die Opferzahlen von Fukushima sind schwer einzuschätzen, denn nie zuvor gab es die Chance von mehreren Kernschmelzen. Einer der Reaktoren nutzt Mischoxid-Brennelemente. Diese verwenden radioaktive Materialien von alten Kernwaffen für die zivile Stromerzeugung. Auf den ersten Blick ist dies eine gute Idee, doch es hat eine fatale Konsequenz: Im Falle eines Unfalls kann die Anlage Plutonium freisetzen, eine der tödlichsten Substanzen der Welt. Schon das Einatmen eines kleinsten, unsichtbaren Partikels kann Lungenkrebs verursachen.

Seit 25 Jahren heißt es, dass Tschernobyl nicht relevant sei, da es sowjetische Technologie war, die dort versagte. So etwas könne hier nicht passieren. Heute besitzen japanische Eigentümer die Nuklearabteilung von General Electric und die Baupläne von 23 amerikanischen Reaktoren sind beinahe identisch mit denen in Fukushima.

Fukushima ist überall

Oft wird die Energiepolitik als Wahl zwischen Kern- und Kohlekraft dargestellt. Dies überzeugt seit Jahren viele von der Kernkraft, da sie den Klimawandel als das ultimative Chaos betrachten. Doch vor dem Hintergrund aktueller Ereignisse ist dieses Argument nichtig: Kernkraftwerke sind schwer zu bauen, teuer und verursachen Probleme mit Verschmutzung, Müll und Sicherheit. Die zentralisierte und lukrative Industrie gefährdet zudem die Demokratie an sich. Gleichzeitig steigen die Kosten für Öl und Kohle, besonders für die Umwelt. Und „Zwischenlösungen“ wie Erdgas werden immer schwieriger zu gewinnen.

Wir brauchen einen richtigen Mix von alternativen Energien. Solarenergie ist nachweisbar günstiger, sauberer und Anlagen zur Gewinnung sind einfacher zu bauen als die für Kernkraft. Wind-, Wasser- und Wellenenergie, sowie Erdwärme zusammen mit nachhaltigen Biokraftstoffen, höhere Effizienz und eine Förderung des öffentlichen Nahverkehrs haben auch Nachteile. Aber gemeinsam sind sie eine Lösung für das Überleben unseres Planeten.

In Deutschland hat die Kanzlerin angesichts der Proteste ein Moratorium der Laufzeitverlängerung angekündigt. In Indien und China überdenkt man die Wahl der Energieversorgung.

Dennoch ist das, was augenblicklich in Japan geschieht, das Schlimmste an der Katastrophe. Und bevor nicht alle Reaktoren abgeschafft wurden, wird Ähnliches sicherlich irgendwann noch einmal geschehen.

Eine englische Version dieses Textes erschien auf http://blog.buzzflash.com/node/12494

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Christoph Burger, Ortwin Renn, Florian Keisinger.

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