Wir brauchen viel mehr Resonanzbeziehungen!

von Hartmut Rosa25.10.2017Wissenschaft

Hartmut Rosa ist einer der bekanntesten deutschen Soziologen und Politikwissenschaftler. Stefan Groß sprach mit dem Jenaer Professor ĂŒber den Neoliberalismus, ĂŒber die Entschleunigung und darĂŒber, wie man wieder glĂŒcklich sein kann.

__Herr Rosa, soziologisch gesehen, in welchem Zeitalter leben wir, im Postfaktischen?__

Dieses ‚Postfaktische‘ scheint mir eher etwas Politisches oder eine politikwissenschaftliche Kategorie zu sein als eine soziologische. Wir leben nach wie vor im Zeitalter der Moderne, welches durch die Tatsache gekennzeichnet ist, dass sich moderne kapitalistische Gesellschaften nur durch Steigerung erhalten können. Dass wir also zur Aufrechterhaltung der Institution, die wir haben, permanente Steigerungsleistungen erbringen mĂŒssen.

__Die virtuelle Welt suggeriert NÀhe, liefert aber im Umkehrschluss in den sozialen Netzwerken eine abstrakte AnonymitÀt. Was bedeutet dies aus Sicht des Soziologen?__

Ich glaube, dass wir tatsĂ€chlich fast suchtförmig in virtuelle Welten getrieben werden, vor allen Dingen in soziale Medien, weil wir das Verlangen haben – und ich glaube das dies ein zutiefst menschliches Grundverlangen ist – nach Resonanz, nach Antwort, nach Beziehung. Wir wollen gehört, gesehen, wahrgenommen werden und wir wollen auch eine Spur hinterlassen im Internet. Aber diese Resonanz, die wir in der virtuellen Welt erfahren, scheint irgendwie nicht nachhaltig zu sein. Wir sind permanent darauf angewiesen, auch in schneller Folge gestaltete RĂŒckmeldung zu kriegen, sonst fĂŒhren wir uns einsam und verloren.

__Hat der Kommunitarismus in Zeiten des Neoliberalismus ĂŒberhaupt noch eine Chance? __

Ich bin vom Begriff etwas abgerĂŒckt, weil Kommunitarismus erstens aus der Mode geraten ist und zweitens vielleicht auch von falschen Kreisen aufgegriffen worden ist. Ich glaube aber, dass die Sehnsucht nach Gemeinschaft im Sinne von wechselseitiger Verbundenheit, durchaus stark ist. Ich glaube, dass man das tatsĂ€chlich auch bei den gegenwĂ€rtigen populistischen Bewegungen sieht –also von Trump ĂŒber Brexit bis hin zu Pegida. Die Menschen haben nicht mehr das GefĂŒhl, dass die politische Welt mit ihnen lebendig verbunden ist. Das kommt auch immer wieder zum Ausdruck, wenn Menschen sagen, die Politik hört mich nicht, sie sieht mich nicht, sie geht mich nichts an, sie scheint mir fremd und steht sogar feindlich gegenĂŒber. Ich denke diese Erfahrung, die man bei Pegida hören kann oder bei den Leuten, die fĂŒr Brexit auf die Straße gegangen sind, dies kann durchaus eine reale Erfahrung sein, nĂ€mlich eine Entfremdungserfahrung. Allerdings glaube ich, dass dafĂŒr nicht die paar AuslĂ€nder oder Immigranten schuld sind – die Attribuierung scheint mir völlig falsch zu sein. Aber das Verlangen, sich Welt wieder anzuverwandeln, als gemeinsam gestaltete politische Welt, sehe ich deutlich und es scheint wichtiger denn je zu sein. Dies mĂŒsste aber als republikanische Idee umgesetzt werden, bei dem man sich nicht gegen andere durchsetzt und alles was nicht passt ausschließt oder beseitigt, sondern als eine Art in-Beziehung-setzen zu Anderem und Anderen im Modus des Hörens und Antwortens, welches immer eine Verwandlung ins Gemeinsame hin meint und nicht einfach eine Durchsetzung des Althergebrachten.

__Wir leben in beschleunigten Zeiten, Paul Virilio entwarf dafĂŒr das Kunstwort Dromologie. Geschwindigkeit ist der entscheidende Faktor, der die Gesellschaft bestimmt, transportiert im Umkehrschluss aber, quasi als Dialektik, einen Effekt der Selbstblockade und damit Stillstand. Was bringt uns Ihre Entschleunigung in Zeiten, wo sich diese keiner mehr leisten kann?__

Mir ist bewusst, dass ich in den Medien oft als Entschleunigungs-Papst oder Entschleunigungs-Guru oder Entschleunigungs-Prophet bezeichnet wurde, sie werden aber kaum etwas von mir finden, bei dem ich jemals etwas gesagt hĂ€tte ‚Ich stehe fĂŒr Entschleunigung‘. Ich glaube nicht, dass wir einfach langsam tun können. Wir bewegen uns im Prinzip in einem kollektiven Hamsterrad, wenn wir da als Einzelne langsam tun, dann werden wir untergetrampelt oder wir fallen heraus. Wir können vielleicht rausspringen, allerdings zu dem unbestimmten Preis, da wir nicht wissen können, ob und wie wir jemals wieder zurĂŒckkommen. Und wenn wir das Kollektiv tun wollen, ist das eine LĂŒge. Denn man kann nicht sagen, dass wir langsamer machen können und damit den Rest dabei aufhalten.

Also wer sagt, dass wir mehr Wettbewerb brauchen, um das Wachstum wieder anzukurbeln, der muss sich bewusst sein, dass er mit den Mechanismen Wachstumskreation oder Wachstumserzeugung und WettbewerbsverschĂ€rfung immer schon an der Zeitschraube dreht. Also wir können nicht langsamer machen und den Rest lassen, wie er ist. Und ich glaube ĂŒbrigens auch gar nicht, dass Entschleunigung oder Langsamkeit ein besonders attraktives Ziel ist. Wir haben nichts davon, wenn die Dinge einfach langsamer gehen – langsame Internetverbindungen sind tödlich, und eine langsame Schlange im Supermarkt macht auch niemanden glĂŒcklich, ein langsames Feuerwehrauto wĂ€re auch ziemlich schlecht. Also Langsamkeit ist nur zu einer Chiffre fĂŒr eine andere Form des in-der-Welt-Seins geworden. Und dies brauchen wir schon, also eine Idee davon, wie wir auf andere Weise mit Menschen und Dingen verbunden sein könnten. Allerdings hĂ€lt die Weise unserer Weltbeziehung – deshalb heißt mein Buch im Untertitel „Die Soziologie der Weltbeziehung“ – die Art unserer Weltbeziehung nicht nur von uns ab, sondern auch von dem institutionellen Kontext, in dem wir uns bewegen. Wenn wir also von einem anderen Leben trĂ€umen, können wir bei uns anfangen, mĂŒssen aber auch auf die Welt, in der wir leben, selbst achten und uns dort Alternativen ausdenken.

__Ataraxie , die Seelenruhe des GemĂŒtes und Apathie empfahlen schon die Griechen als Voraussetzung der Einkehr in das Ich. Wie gewinnen wir uns als autonome Wesen zurĂŒck?__

Ich bin der Meinung, dass möglicherweise dieser Versuch, uns als autonome Wesen zu konzeptualisieren und das anzustreben, ein Teil des Problems und gar nicht der Lösung ist. Man sieht es auch bei der Achtsamkeitsbewegung, die uns ja eigentlich suggeriert, wenn du nur die richtige innere Seelenruhe hast, die nötige Gelassenheit, die richtige Achtsamkeit, dann wird dein Leben in Ordnung sein, völlig unabhĂ€ngig von der Frage, in welcher Welt du dich bewegst. Ich glaube aber, dass die wirklichen Momente gelingenden Lebens und die gelingende Form des in-der-Welt-Seins nicht die ist, in der wir vollstĂ€ndig selbstbestimmt sind und eigentlich von gar nichts berĂŒhrt oder bewegt werden da draußen, sondern es sind Momente, in denen wir Autonomie verlieren, weil wir von etwas ĂŒberwĂ€ltigt werden. Denn danach sehnen wir uns. Auch die Liebe wird natĂŒrlich so wahrgenommen. Wenn wir uns in jemanden verlieben, dann werden wir von einem anderen so ĂŒberwĂ€ltigt, dass wir sagen, da konnte ich gar nicht mehr anders. Da verwandelt sich alles, unsere ganze Art des in-der-Welt-Seins. Solche Erfahrungen machen wir aber auch in anderen Kontexten, wenn wir von einer Idee berĂŒhrt werden, dass wir sagen „und dann habe ich dieses Buch gelesen und dann musste ich etwas anderes machen“ oder „ich war in dieser Landschaft und als ich zurĂŒckkam war ich ein anderer“.
Alles das sind Momente – oder „ich habe mich von einer Melodie berĂŒhren lassen –, in denen wir Autonomie verlieren. Deshalb steht bei mir im Mittelpunkt meiner Überlegungen die Idee von Resonanz. Und das ist nicht ein emotionaler Zustand der Seelenruhe, sondern das ist eine Form der Beziehung, des in-Beziehung-Tretens zu einem Anderen. Ich denke, dass es heute mindestens so sehr, wie an der FĂ€higkeit zu Autonomie, daran fehlt, dass wir nicht mehr in der Lage sind, da draußen etwas zu hören, uns wirklich berĂŒhren und bewegen zu lassen. Und ich glaube Autonomie, das freie Schwingen des Subjekts, ist ein wesentlicher Bestandteil von Resonanz. Genauso wichtig ist aber die FĂ€higkeit, offen genug zu sein fĂŒr etwas Anderes und auch in einer Welt sich bewegen zu können, in der es erkennbare und andere Stimmen gibt. Solange wir immer nur auf Autonomie und Seelenruhe setzen, fehlt uns womöglich diese andere Seite.

__Sie haben es schon einmal angedeutet, ich wiederhole die Frage doch noch einmal: Sie sprechen immer wieder vom Begriff „Weltenbeziehungen“ und grĂŒnden darauf eine ganze, Ihre Soziologie. Ist dies Heideggers „In der Welt sein“?__

Es gibt in der Tat eine gewisse NĂ€he in der Fragestellung, ja es gibt eine phĂ€nomenologisch gemeinsame Basis. Wie erfahren wir uns als in die Welt gestellte Subjekte. Und die Frage der Weltbeziehung, des in-der-Welt-seins, ist eine Frage, die tatsĂ€chlich Heidegger auch motiviert hat. Mein eigenes Denken ist nicht sonderlich stark von Heidegger beeinflusst, mein Ausgangspunkt sind eher Leute wie Merleau-Ponty beispielsweise und natĂŒrlich auch Charles Taylor, der eine Rolle spielt. Also es gibt eine gewissen Gemeinsamkeit in der Fragestellung und in der phĂ€nomenologischen Herangehensweise, es ist aber nicht eine Heidegger’sche Philosophie, die dabei herauskommt.

__In Ihrem Buch „Resonanz“ ziehen Sie einen Bogen auch zur PĂ€dagogik, zur Erziehung. Welche Rolle kommt dem Begriff in diesem Kontext zu?__

Ich glaube, dass Bildung tatsĂ€chlich ein zentraler Vorgang fĂŒr den Prozess der Weltbeziehung oder fĂŒr das Ausbilden einer Weltbeziehung ist. Bildung ist eigentlich Weltbeziehungs-Bildung. Bildung stiftet, wenn sie gelingt, vibrierende Beziehungen zwischen dem Subjekt und bestimmten Weltausschnitten. Politische Bildung bedeutet, dass ich ein Subjekt werde, das sich zur Welt der Politik in Beziehung setzen kann, das eine eigene Stimme entwickelt, eine Position und Überzeugung, die sich aber immer wieder in Beziehung setzt zu anderen Stimmen, zu anderen Menschen, sich von diesen berĂŒhren und bewegen lĂ€sst, ĂŒber alle Felder hinweg. Das gilt auch fĂŒr die Naturwissenschaften oder fĂŒr die Geschichtserfahrungen zum Beispiel. Bildung bedeutet das in Beziehung-Setzen zu einem bestimmten Weltausschnitt, der dadurch sprechend gemacht oder zum Klingen gebracht wird. Und wenn Bildung misslingt, dann scheinen uns alle Sinn-Provinzen des Lebens irgendwie tot und gleichgĂŒltig nebeneinander zu stehen. „Literatur sagt mir irgendwie gar nichts“ und „Ach, Politik geht mir am Allerwertesten vorbei“ – , das sind lauter solche AlltagssprĂŒche, die wir immer wieder hören. Wo Bildung misslingt ist das Ergebnis, dass uns der entsprechende Weltausschnitt stumm gegenĂŒbersteht.

__Soziale Netzwerke schĂŒren Neid, Missgunst und SelbstgefĂ€lligkeit, es weht der Hauch des Banalen und die Suche nach Sinn und Anerkennung bleibt oft auf der Strecke und wird enttĂ€uscht. Welche RealitĂ€t spielt das Internet bei der Selbstbestimmung des Menschen?__

Wenn man wissen will, welche Rolle Technik in unserem Leben spielt, kann man nie nur von der Technik allein ausgehen, sondern von der Frage, wie wir sie benutzen. Deshalb glaube ich, dass das Internet verschiedene Möglichkeiten hat, die in ihrer Wirkung durchaus ambivalent sind. Ich glaube, dass das Internet zu einer zentralen Achse unserer Weltbeziehung geworden ist, wir arbeiten mithilfe des Netzes, wir informieren uns mithilfe des Netzes, wir kommunizieren ĂŒber das Netz. Es ist eine zentrale Quelle von Selbstbestimmung und Selbstbesinnung, aber eben auch von Weltbeziehung geworden. Selbstbeziehung und Weltbeziehung lassen sich nicht voneinander trennen. In der Art und Weise, wie wir das Internet bewirtschaften oder bewohnen, kommt sehr deutlich zum Ausdruck, dass wir es auf resonante Weltbeziehungen hin anlegen. Wir möchten uns da sichtbar machen, hörbar machen, wahrnehmbar machen, eigenen Stimme gewinnen und wir möchten von Anderen erreicht und berĂŒhrt werden – und wir möchten gesehen werden. Aber man sieht auch, dass es ganz hĂ€ufig eben nicht zur Resonanz kommt, eher zu dem, was ich eine Echo-Beziehung nenne. Das heißt, es fehlt ein wesentlicher Teil von Resonanz. Resonanz bedeutet, dass mich etwas so berĂŒhrt, dass ich mich dabei verwandle und auch verĂ€ndere. DarĂŒber hinaus habe ich die FĂ€higkeit, andere so zu berĂŒhren und zu bewegen, so dass sie sich dabei verĂ€ndern und sich zwischen und so etwas wie ein vibrierender Resonanzdraht entsteht.

Im Gegensatz dazu ist es hĂ€ufig so, dass wir im Internet unsere Posts hinterlassen, dann aber eigentlich nur auf quantitative Zustimmung, auf möglichst viele Likes oder Follower, angelegt sind und uns dabei weder berĂŒhren lassen noch es selber schaffen, andere zu berĂŒhren. Wir tauschen Kommunikationen aus und versuchen Sichtbarkeit zu schaffen, ohne wirklich in diesen Verwandlungsprozess in irgendeiner Form hineinzutreten. Und natĂŒrlich ist die große Gefahr dabei, dass wir uns dabei in Echo-RĂ€umen verfangen, bei denen wir eben nicht mehr einen Anderen oder eine andere Stimme hören, sondern nur uns selbst verstĂ€rken. Das Internet birgt gewiss auch eine große Gefahr, dass sie Echo-SphĂ€ren statt Resonanzfelder erzeugt.

__„Wir steuern auf einen kollektiven Burn-out zu“ haben Sie jĂŒngst betont. Wie weit sind wir vom Netz abhĂ€ngig, dieses suggeriert Heil und verspricht Resonanz, also Weltbeziehung. Wie kommen wir aus dem Dilemma von Anerkennung und Resonanzverweigerung wieder raus? Dass wir Anerkennung suchen und letztendlich doch nicht kriegen – bleibt das unser lebensweltliches Dilemma?__

Ja, wahrscheinlich gibt es keine einfachen Auswege. Selbstbeobachtung kann da durchaus helfen. Die allermeisten Menschen die Netzbewohner sind, stellen an sich zwei ambivalente Verhaltensweisen fest. Erstens: es macht irgendwie Spaß sich darin zu bewegen, es ist mir auch wichtig, ich will das aus freien StĂŒcken rein, und trotzdem bleibt ein Moment des Unbefriedigt-Seins zurĂŒck. So bin ich auf den Entfremdungsbegriff geradezu gekommen, als ich feststellte: Ich kann ewig surfen oder mich von Seite zu Seite klicken – irgendwie scheint es mir doch defizitĂ€r zu sein. Deshalb habe ich Entfremdung definiert als eine Situation, in der ich aus freien StĂŒcken, also aus eigenem Antrieb etwas tue, das ich nicht wirklich tun will. Und das große philosophische Problem besteht in dem „wirklich“ – was will ich denn wirklich tun? Dass kann uns leider kein Philosoph sagen, denn dass wĂ€re irgendwie paternalistisch, irgendwie von außen autoritĂ€r bestimmt. Aber wir alle kennen manchmal auch Handlungs- und Begegnungsweisen, wo wir sagen wĂŒrden, das ist es, wie es wirklich sein soll. Und ich glaube, wenn wir solche Erfahrungen des „Wirklichen“ genauer analysieren, dann haben Sie diese Struktur der Resonanzbeziehung, des BerĂŒhrt-Werdens und auch des andere BerĂŒhrens. Und das Dilemma, in dem wir uns verfangen haben, hĂ€ngt vielleicht tatsĂ€chlich mit der Anerkennungsnotwendigkeit zusammen, wir mĂŒssen wertgeschĂ€tzt und berĂŒhrt werden, wir mĂŒssen wertgeschĂ€tzt und vielleicht sogar geliebt werden, aber wir haben auch dort eine gewisse Akkumulationstendenz und auch eine gewisse Beherrschungstendenz.

Ich glaube es gibt zwei Arten von Selbstwirksamkeitserfahrung und die verwechseln wir miteinander. Resonanz bedeutet einerseits berĂŒhrt zu werden, andererseits sich als wirksam zu erfahren, dass ich Andere auch erreichen kann. Selbstwirksamkeit kann dabei einerseits die Form haben, dass ich mich durchsetze und meine Leistung steigere, andererseits, wenn es Resonanz ist, ist es nicht ein Durchsetzen, sondern es ist ein in Verbindung setzten, denn da begegnet mir ein Anderes auf das ich reagiere. Wenn wir es schaffen könnten, auch kollektiv, auch in der Netzkultur, ĂŒberzugehen von dem „sich durchsetzen“ hin zu „Ich erreiche jemanden als mein mir antwortendes GegenĂŒber“, dann hĂ€tten wir vermutlich Einiges erreicht. Aber dass uns das so schwerfĂ€llt und dass wir das Netz derzeit anders bewohnen, hĂ€ngt mit der Gesamtverfassung unserer Gesellschaft zusammen, die auf einem Kampfmodus gestellt ist, auf einem Wettbewerbsmodus geeicht ist, der einen permanent zwingt, sich selbst zu optimieren und seine Reichweite zu vergrĂ¶ĂŸern und seine Ressourcen zu akkumulieren. Solange das der Grundmodus unseres Seins, unseres Denkens und Handelns ist, wird es uns schwerfallen, eine andere Netzkultur zu realisieren.

__Internet: Segen oder Fluch?__

Die naheliegende Antwort, die fast jeder, der bei Sinnen ist, geben wĂŒrde, ist: beides.
Unter den gegebenen VerhÀltnissen, die wir realisiert haben, ist es eher ein Fluch.

__Die Resonanzbeziehung und die „libidinösen Weltbeziehung“, ist das das gleiche oder gibt es eine Differenzierung in der Begrifflichkeit?__

Ich unterscheide mindestens drei versale Formen von Weltbeziehung. Das Eine sind resonante Weltbeziehungen, die ich als Entgegenkommen der antwortenden Weltbeziehungen verstehe, das Zweite wĂ€ren Indifferenz-Beziehungen, wo mir die Welt einfach schweigend und gleichgĂŒltig entgegenliegt, und das Dritte sogar repulsive Weltbeziehungen, wo ich die Welt als feindlich oder bedrohlich erfahre. Und „libido“ ist ein Element von Resonanzbeziehung, dass ich nĂ€mlich ein wirkliches Interesse an der anderen Seite habe, dass ich eine Art von positiver emotionaler Bezugnahme zu einer Seite herstelle, deshalb wĂŒrde ich sagen „libido“, „libidinöse Weltbeziehung“ ist ein Moment von Resonanzerfahrung. Dazu gehört aber auch die Selbstwirksamkeitserfahrung, also dass ich die FĂ€higkeit und auch die Überzeugung habe, die andere Seite zu erreichen zu können, plus das transformative Geschehen, dass ich mich dabei verwandle. Und dass ist in dem Begriff der „libidinösen Weltbeziehung“ alleine noch nicht angelegt.

__Es wird immer wieder darĂŒber diskutiert, Soziale Netzwerke unter das Kuratel zu stellen, weil diese zum einen falsche Informationen liefern, infame Hetze betreiben und dem Rechtspopulismus als religiöse Alternative zum Rechtsstaat verklĂ€ren. Wo bleibt da die Freiheit der User? Ist unsere Freiheit am Ende? Sind Sie dafĂŒr, dass der Staat in die Freiheitsrechte des Netzes eingreift?__

Nein dieser Meinung bin ich tatsĂ€chlich nicht. Ich glaube, wir befinden uns da in einem kulturellen Lern- und Experimentierprozess, bei dem noch keiner die perfekten Lösungen hat. Jeder, der sich jetzt hinstellt und sagt „Ich weiß was ich tun muss“, der macht sich aus meiner Sicht verdĂ€chtig. Aber ich bin skeptisch dagegen, dass man mit Zensur und Verbot und Bestrafung besonders weit kommt. Ich glaube, wir mĂŒssen tatsĂ€chlich alle kollektiv an der Kultur arbeiten, an der Netzkultur und ich hoffe, dass es ein kultureller Lernprozess ist, bei dem wir insbesondere lernen, den Echobeziehungen zu entgehen. Das Hauptproblem scheint mir zu sein, dass das Netz das Gegenteil von dem tut, was es eigentlich könnte, ich beschreibe ja Resonanzbeziehungen als Antwortbeziehungen – Hören und Antworten, das wĂ€re das Zentrale. Stattdessen scheint es aber gerade diese Haltung zu untergraben. Wir wollen das Andere gar nicht hören, sondern gießen kĂŒbelweise Hass auf den politischen oder auf den kulturellen oder weltanschaulichen Gegner aus. Das ist eine extrem unglĂŒckliche Entwicklung, dass man das Andere gerade nicht hören will, sondern dass man es anschreit. Der Wutschrei, der Empörungsschrei oder das höhnische GelĂ€chter dominieren und untergraben diese Haltung von Hören und Antworten. Dem Anderen in einer sinnvollen Weise antworten, ist etwas Anderes, als ihn mit Hatemails zu ĂŒberziehen. Aber diese Umstellung in der Kultur erreichen wir nicht durch Repulsion, durch Verbieten und Bestrafen, sondern durch geduldiges Üben und Überreden und auch durch das EinfĂŒhren einer anderen Art von Kultur. Wir brauchen daher Foren, bei der nicht Hass, sondern der Resonanzmodus dominiert. Ich bin kein großer Fan von Verbieten und Bestrafen.

__Sie haben mal betont, dass der Mensch in seiner Lebenszeit sein eigenes Sinnpotential nicht mehr einlösen kann, weil er sich permanent in die technische Welt verstrickt und von dieser determiniert wird. Sterben wir alle unglĂŒcklich? DarĂŒber hinaus hatten Sie einmal betont, dass der Mensch immer gehetzt ist, dass er sich gar nicht mehr sich selbst findet, bzw. so getrieben wird, dass er eigentlich das, was er erleben kann, nur noch nach Außen hin verschiebt. Ist das nicht eine Form von UnglĂŒcklichsein?__

Max Weber schreibt in seinem Buch „Wissenschaft als Beruf“, dass wir nicht mehr als und lebensgesĂ€ttigt sterben, sondern immer unvollendet, eigentlich in der Mitte eines Rennens, das wir nicht mehr zu Ende fĂŒhren können. Das stimmt. Menschen verschieben ihre Hoffnungen immer auf ein nie eingelöstes Jenseits. Wir leben immer von der Hoffnung einer in die Zukunft verschobenen ErfĂŒllung. Das ist etwas anders, als die Figur, das Leben in seiner GĂ€nze ausgekostet zu haben. Durch die verschiedenen Stadien des Lebens gelaufen zu sein, wie FrĂŒhjahr, Sommer, Herbst und Winter. Bei Weber heißt es: „Der alte und lebensgesĂ€ttigte Bauer§, der dann auch das GefĂŒhl hat, dass es vielleicht an der Zeit fĂŒr ihn ist zu sterben. Ich möchte aber grundsĂ€tzlich diese Frage ein bisschen von der Sinnfrage lösen. Das Hauptproblem ist nicht, ob wir eine gute und ĂŒberzeugende Weltdeutung haben oder nicht, sondern die Frage, ob wir glĂŒcklich oder unglĂŒcklich gelebt haben. Aber diese hĂ€ngt von der QualitĂ€t der Beziehungen ab, die wir zu Menschen und Dingen und zu uns selbst hergestellt haben. Das ist die Botschaft, die ich mit dem Resonanzbuch verbinden wollte und da will ich nicht sagen, wir sterben alle unglĂŒcklich, weil wir keine Resonanzbeziehung mehr aufrechterhalten. Es gelingt uns immer noch und immer wieder und auch gegen widrige UmstĂ€nde, aber es gibt definitiv Verbesserungsbedarf.

__Wie können wir wieder glĂŒcklich werden? Wenn wir alle auf eine einsame Insel ziehen? Ist das eine Alternative?__

Wir haben unser Leben systematisch auf die VergrĂ¶ĂŸerung von Weltreichweite angelegt. Wir wollen möglichst viel Welt erreichbar haben, mit schnellen Verkehrsmitteln, mit Technologien wie dem Internet. Die Idee ist immer, viel Welt erreichbar zu haben. Und dann trĂ€umen wir davon, unsere Weltreichweite systematisch zu verengen, auf die einsame Insel zu fahren, kein Internet, kein Flugzeug, ganz wenige Dinge. Und manche machen das im Kloster. „Ich geh ins Kloster“, oder „Ich geh wenigstens fĂŒr vier Wochen ins Kloster“ – wo wir systematisch Weltreichweite einschrĂ€nken, wo wir all das nicht haben, was wir bisher als Luxus erfahren. Gehen wir in diese verengten Welten, werden wir frĂŒher oder spĂ€ter wieder davon trĂ€umen, mehr Welt in Reichweite zu haben.
Wir brauchen genĂŒgend Weltreichweite, um immer wieder Welt zum Sprechen bringen zu können, dass sie uns nicht als stumpf, gleichförmig, gleichgĂŒltig gegenĂŒbersteht. Aber die Weltbeziehung muss eng genug sein, dass wir zu einzelnen Dingen eine wirkliche, lebendige und dauerhafte Beziehung herstellen können. Was wir also brauchen, sind Balancebeziehungen. Aber wir sind im Moment aus der Balance geraten, durch eine Explosion an Verpflichtungen, durch die Explosion unserer To-Do-Listen, die mit der Explosion unserer Weltreichweite einhergeht, da könnte tatsĂ€chlich eine gewisse Reduktion der Weg sein, aber ich finde die Reduktion, also die EinschrĂ€nkung von Weltreichweite darf nicht das Ziel sein, auf das wir uns zubewegen. Uns muss eine andere BeziehungsqualitĂ€t als Vorbild vorschweben. Einfach nur zu sagen, ich geh auf die einsame Insel oder in den einsamen Bauernhof, das haben Menschen ĂŒber mehrere Generationen hinweg immer wieder versucht, es hat nicht geklappt.

Fragen: Stefan Groß

Prof. Dr. Hartmut Rosa lehrt an der Friedrich-Schiller-UniversitĂ€t Jena. Er steht dem Max-Weber-Kolleg der UniversitĂ€t Erfurt als Direktor vor und gibt die Fachzeitschrift Time & Society mit heraus. Rosa zĂ€hlt zu den bedeutendsten Soziologen und Politikwissenschaftlern der Bundesrepublik. Zu seinen bekanntesten Veröffentlichungen der letzten Jahre zĂ€hlen seine BĂŒcher: „Beschleunigung. Die VerĂ€nderung der Zeitstrukturen in der Moderne“ „Beschleunigung und Entfremdung – Entwurf einer kritischen Theorie spĂ€tmoderner Zeitlichkeit“ und „Resonanz: Eine Soziologie der Weltbeziehung“. 2016 erhielt er den Tractatus-Preis.

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