Demokratie ist mehr als ein Betriebssystem. Sabine Leutheusser-Schnarrenberger

Das Schlechteste aus beiden Welten

In Deutschland und Europa finden sich die sogenannten Gutmenschen nicht nur im linken politischen Spektrum. Vielmehr ist auch konservativen und libertären Kreisen eine zunehmende Verachtung für wirklich freiheitliche Gesellschaftssysteme zu eigen.

Eines zeigten sowohl die Reaktionen auf diese Kolumne von voriger Woche als auch jene auf die der Kollegin Heather De Lisle auf Facebook deutlich: Es wurde ganz offenkundig in den vergangenen Monaten sträflich versäumt, herauszuarbeiten, dass gestandene Sozialist_innen und Gutmenschen sich nicht nur auf der linken Seite des politischen Spektrums wiederfinden, sondern dass diese auch zumindest in Deutschland und Europa in der sogenannten „rechten Ecke“ den Regelfall darstellen.

Wie fließend die Übergänge zwischen marxistischen, nationalistischen und ökologistischen Weltbildern stets waren und vor allem nach wie vor sind, illustrieren nicht nur die Stasi-Verwicklungen des Genossen Kamerad Horst Mahler oder die antisemitischen Gewaltfantasien eines bayerischen Nachwuchspolitikers der SED-Fortsetzungspartei.

Die „Blaue Narzisse“, die sich selbst als „neurechts“ einstuft und ihre Basis zu einem nicht unerheblichen Teil im Bereich der Burschenschaften hat – von denen böse Zungen behaupten, die meisten Mitglieder könnten es bei einer gemischten Bier- und Weinmensur mit dem Sänger der Pogues und Margot Käßmann aufnehmen -, bat kürzlich ihre Leserschaft um Lektüretipps.

Die Gutmenschen von Rechts

Heraus kam ein Blick in ein Paralleluniversum, wie es George Romero nicht besser hätte ersinnen können. Statt zu überlegen, wie es Konservativen, Klassisch-Liberalen und Libertären gelingen könnte, eine gemeinsame politische Plattform als Partei auszugestalten oder zumindest nach dem Vorbild der Tea Party zu einem Faktor werden zu lassen, der Druck auf Union, FDP oder die vernünftigen Teile der SPD ausüben könnte, gilt die Aufmerksamkeit den Konvertiten von Linksaußen.

Eine geradezu magische Anziehung übt dabei die „Volksinitiative gegen das Finanzkapital“ aus. Wie der Name schon sagt, hat man in deren Reihen von Wirtschaft keine Ahnung, aber davon sehr viel. Alle Unbill auf Erden, so wird dort seitens des früheren Redakteurs des FDJ-Traditionsblattes „Junge Welt“ ad nauseam doziert, gehe von Komplotten aus, die Zionisten, Freimaurer und Neokonservative im Umfeld des Bilderberger-Treffens geschmiedet hätten.

Persönlichkeiten wie Saddam Hussein, Gaddafi, Kim Jong-Il oder Mugabe wären hingegen eigentlich ganz dufte Typen und treusorgende Bewahrer ihrer Völker, die nur ihrer Unbotmäßigkeit gegenüber den Hintergrundmächten wegen zu Schurken erklärt würden. Selbstverständlich wäre auch der 11. September kein islamofaschistischer Anschlag gewesen, sondern George W. Bush hätte die Türme eigenhändig gesprengt. Und hinter Norwegens antiislamischem Attentäter Breivik stünden natürlich die NATO-Geheimarmee „Gladio“ und die CIA.

Der Ex-Bundesbanker Thilo Sarrazin, der unter anderem durch seine zotigen Sprüche über „Kopftuchmädchen“ und sein lautes Denken über staatliche „Bevölkerungspolitik“ Aufsehen erregte, wurde für die Gutmenschen von Rechts trotz oder gerade wegen seiner sozialistischen Lösungsvorschläge zum Säulenheiligen.

Dass Forderungen wie die nach einem Verbot religiöser Bekleidung in der Öffentlichkeit oder nach einer vom Staat administrierten Geburten- und Bevölkerungskontrolle zu den wesentlichsten Eigenarten totalitärer, sozialistischer Unrechtsstaaten gehörten und immer noch gehören, hindert viele derjenigen, die sich im Deutschland „rechts“ oder „konservativ“ nennen, nicht daran, sich diese zu eigen zu machen.

Verachtung für wirklich freiheitliche Gesellschaftssysteme

Der Anti-Islam-Blog „Politically Incorrect“ setzte kürzlich sogar noch eins drauf und belehrte seine Leserschaft darüber, dass nicht etwa mangelnde politische und wirtschaftliche Freiheit, Korruption oder Diktaturen, sondern die angebliche „Überbevölkerung“ das größte Problem der Menschheit wäre. Dass PI mit dieser Auffassung im rechten und konservativen Spektrum Deutschlands nicht alleine dasteht, sondern wohl sogar mehrheitsfähig ist, zeigt, dass die sozialistischen Narrative seit dem 19. Jahrhundert mittlerweile selbst von jenen, die sich gerne als die größten Kämpfer gegen den Kulturmarxismus gerieren, vollständig verinnerlicht wurden.

Dass Kinderlachen in unseren Breiten von vielen bereits als Lärmbelästigung betrachtet wird und die Märchen von der „menschengemachten Erderwärmung“ und der „Überbevölkerung“ gerne als pseudomoralische Begründungen dafür angeführt werden, stört sie nicht mehr, solange man nur durch Hass auf Familien und Kinder auch den meist kinderreichen Muslimen eins auswischen kann.

Der rechte Rand in Deutschland und weite Teile des sich selbst als „konservativ“ und „islamkritisch“ definierenden Spektrums sind mindestens genauso rot wie die linksgrünen Eliten. Gemeinsam ist ihnen allen die Verachtung für wirklich freiheitliche Gesellschaftssysteme, für den Kapitalismus, für die Vertragsfreiheit und Privatautonomie sowie für die Idee, dass der Einzelne selbst und ohne staatliche oder „gesellschaftliche“ Gängelung bestimmen sollte, was für ihn im Leben erstrebenswert wäre und dieses darauf ausrichten könne.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Harry Tisch: Befreiung des Stoffwechsels

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