Als die Mauer fiel, hatte ich einen Kloß im Bauch. Paul van Dyk

Wenn die Kurie die Wall Street okkupiert

Ausgerechnet aus dem Vatikan könnte die neue Welle der linken Kapitalismuskritik kommen. Auch dort leidet man in bitterer Armut unter der Finanzkrise.

Die ruhmreiche „Nationale Front für das Demokratische Deutschland“ ist ja leider – bedingt durch die konterrevolutionären Umtriebe von 1989 – Geschichte. Umso erfreulicher ist es jedoch, dass der Sozialismus durch den Zusammenbruch der antifaschistischen Staaten nicht geendet hat, sondern die Zeit genutzt hat, um einen neuen Anlauf zu nehmen.

Das Gebot der Stunde ist nunmehr die „Globale Front für die postdemokratische Welt“, in der – in bester Tradition des aufgeklärten Absolutismus in Europa – kritische Eliten aus der intellektuellen Oberschicht bestimmen, wo’s langgeht und demokratische Souveränität nur noch ein Gnadenrecht darstellt, das den Massen in jenem Rahmen gewährt wird, in dem sie keinen Schaden anrichten können.

Vatikan ist Teil der Weltrevolution

Zwar beharren renitente Staaten wie die USA und Israel nach wie vor auf ihrem engstirnigen Verständnis von Souveränität, das von der irrigen Vorstellung ausgeht, der Normalbürger wäre auch ohne Anleitung durch fortschrittliche Eliten in der Lage, richtige Entscheidungen zu treffen, aber die Idee der Global Governance lässt sich nicht durch uneinsichtige Kapitalisten und Zionisten aufhalten.

Erst recht nicht, wenn diese prominente Mitstreiter für sich gewinnen können, die man vor 1989 noch klar im feindlichen Lager antreffen konnte.

Auch wenn – den positiven Ansätzen, wie sie etwa der Weltbild-Katalog offenbart, zum Trotz – die Katholische Kirche immer noch nicht höchst offiziell die säkular-humanistischen Gesslerhüte in Moral- oder Genderfragen gegrüßt hat: Dass der Vatikan längst Teil der Weltrevolution ist, beweist er insbesondere durch seine offiziellen Verlautbarungen zu Fragen des Klimaschutzes oder der Wirtschafts- und Finanzpolitik.

Mit der Forderung nach einer „Globalen Öffentlichen Instanz“ und „Welt-Zentralbank“, die an die Stelle bestehender Finanzinstitutionen treten soll und die im Zeichen des Kampfes gegen die „Marktvergötzung“ und „neoliberales Denken“ vorgehen soll, offenbart die Römische Glaubensgemeinschaft eine Tiefe des Klassenstandpunkts, der selbst dem einen oder anderen Gewerkschaftsführer schon abhanden gekommen zu sein scheint.

Unisono mit anderen verarmten, unterprivilegierten Proletariern wie dem Dunklen Lord großen Philanthropen George Soros oder dem windigen Propaganda gefeierten Dokumentarfilmer Michael Moore verurteilt auch die traditionell in bitterer Armut vegetierende Katholische Kirche, unisono mit der nordkoreanischen Nachrichtenagentur KCNA, „Selbstsucht und kollektive Gier“ und verleiht jenen 99%, die weltweit versuchen, die Wall Street zu okkupieren, eine Stimme.

Das „Globale Finanzmanagement“, das auch eine universale Jurisdiktionsgewalt aufweisen soll, möge nach dem Willen des Vatikans zuerst unter dem Dach der UNO Platz finden und sich in weiterer Folge verselbstständigen, sodass die Industriestaaten auch keine Möglichkeit mehr finden sollten, „exzessive Macht“ über andere Länder auszuüben.

In der Tat ist es nicht hinnehmbar, dass die kapitalistischen Länder, die durch Gier und Ausbeutung Wohlstand geschaffen hatten, der nur dazu dient, die in ihnen lebenden Menschen vergessen zu machen, wie arm und benachteiligt sie sind, erfolgreichen Volkswirtschaften wie Nordkorea – wo soziale Gleichheit herrscht – oder Simbabwe – wo es dank erfolgreicher Verteilungspolitik jeder Bürger zum Multimillionär bringen konnte – Vorschriften machen können, wie sie ihr Finanzsystem organisieren. Im Gegenteil: Der Westen könnte gerade von ihnen Entscheidendes lernen. Nicht umsonst sind es in erster Linie die kapitalistischen westlichen Ausbeuterstaaten, in denen Tausende junge Menschen aus der kritischen Intelligenz gegen die allgegenwärtige Ungerechtigkeit ihres Systems protestieren, während es in sozial gerechten Staaten wie beispielsweise Simbabwe völlig ruhig bleibt.

Einheit von Thron und Altar

Es wird zwar vielleicht noch eine Weile dauern, bis sich die ersten Bischöfe in ihren Talaren unter die Demonstranten auf Plätzen und in Parks mischen, in den Occupy-Zelten nach zarter Bande mit ebenso zarten Knäblein suchen und die Zugänge zu den Läden der kleinbürgerlichen Bourgeoisie als öffentliche Toiletten nutzen. Dennoch ist es für die progressive Sache von unschätzbarem Wert, dass sich auch die Römische Kurie jene Argumente zu eigen macht, die seit Beginn der Proteste begierig von deutschen Qualitätsjournalisten und der staatlichen nordkoreanischen Presseagentur KCNA aufgegriffen werden.

Und wer weiß? Wenn Rom noch an der einen oder anderen politisch unkorrekten Position in Moralfragen feilt und stattdessen den Kampf für Klimaschutz und soziale Gerechtigkeit intensiviert, könnte es in einem künftigen sozialistischen Vereinten Europa am Ende sogar noch mit der Einheit von Thron und Altar und der Renaissance des Staatskirchentums klappen …

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Harry Tisch: Befreiung des Stoffwechsels

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