Die Kunst ist, einmal mehr aufzustehen, als man umgeworfen wird. Winston Churchill

Einfalt in Vielfalt

Von Multikulti wollen die einstigen Reaktionäre nichts mehr wissen. Und zwar schon gleich überhaupt nicht, wenn die einstigen Gastarbeiter am Ende noch ohne Fußball-WM stolz auf Deutschland sind. Denn was wahr ist und was nicht, haben sie längst ausgemacht.

Das besonders Verwerfliche an den regressiven, fortschrittsfeindlichen Kräften im Lande ist, dass sie sich über das Denken – vor allem das kritische – lustig machen und im schlimmsten Fall das Hinterfragen selbst zu hinterfragen beginnen. Auf in höchstem Maße bedenklichen Plattformen wie dem Blog „Ahnungslosigkeit trifft Größenwahn“ wird bereits seit Jahr und Tag solcherart gegenaufklärerischen Praktiken gehuldigt.

Kein Wunder, dass auf diese Weise einer Verwirrung von Begrifflichkeiten Vorschub geleistet wird, die nur den Zweck haben können, den Massen das Auffinden und die Einnahme des richtigen Klassenstandpunktes zu erschweren und die Ausübung der Definitionshoheit seitens der progressiven bildungsbürgerlichen Eliten zu sabotieren.

Deutsche, schafft euch ab

Eine der größten Gefahren in diesem Zusammenhang ist die – zweifellos von US-Geheimdiensten, neoliberalen Rechtspopulisten und zionistischen Infiltranten vorangetriebene – gewandelte Einstellung vieler Reaktionäre zur „multikulturellen Gesellschaft“.

Während sich Massenorganisationen wie der „Zentralrat der Ex-Muslime“ und Vordenker_innen wie der PI-Redakteur Michael Stürzenberger nach dem Motto „Getrennt marschieren, vereint schlagen“ redlich darum bemühen, dass das kulturelle Leben in diesem unserem Lande nicht mehr multi- wird, als die paternalistische Gesellschaftsarchitektur der aufgeklärten Eliten verträgt, verweisen rückständige Elemente auf ein angeblich gut funktionierendes Miteinander von Kulturen in den USA und behaupten, es gäbe auch ein Recht auf das falsche Bewusstsein.

Endgültig dem Fass den Boden schlägt in diesem Zusammenhang ein Beitrag des früheren Bundesvorstandsmitgliedes der rechtsextremen F.D.P., Mehmet Daimagüler, in der „Welt“ aus, in dem dieser den 50. Jahrestag der Anwerbung von Gastarbeitern durch den westdeutschen Imperialistenstaat zu einem Rundumschlag gegen alle gesellschaftlichen Errungenschaften nutzt, die unser Land zu einem der Vorreiter einer nachhaltigkeitsfreudigen Selbstabschaffung gemacht hatten.

Von Country-Musik zum Faschismus

Während sich in unseren Breiten spätestens im Zuge der kritischen Studentenbewegung die Erkenntnis durchgesetzt hat, dass die bürgerliche Kleinfamilie neben dem Privateigentum, der Monogamie, dem Kapitalismus, der Religion und der Country- und Western-Musik zu den entscheidenden begünstigenden Faktoren für Ausbeutung, Faschismus und Krieg zählen und Kinderreichtum nicht nur die gesellschaftliche Emanzipation verhindert, sondern auch dem Planeten schadet, stänkert Daimagüler gegen die Kinder- und Familienfeindlichkeit innerhalb der autochthonen Bevölkerungsmehrheit.

Alleine schon, dass er von sich selbst behauptet, „gerne“ Deutscher zu sein und zu diesem Land auch dann ein positives Verhältnis zu haben, wenn nicht alle 2 Jahre für 3 oder 4 Wochen ein Fußball-Großereignis stattfindet, macht ihn verdächtig. Patriotismus ist schließlich etwas, das in rückschrittlichen Staaten wie den USA oder Israel beispielsweise immer wieder zu Renitenz gegenüber wohlmeinenden Ratschlägen aus Europa führt und beispielsweise die Erkenntnis behindert, dass die ungerechten Verteilungsstrukturen der kapitalistischen Wirtschaftsordnung und die imperialistische Politik der Yankees und Zionisten die alleinige Ursache für Flugzeuge in Bürotürmen oder Selbstmordattentate in Schulbussen darstellen.

Zu viel Vielfalt tut nicht gut

Kein Wunder, dass aufgeklärte Kräfte aus der Bildungselite das über lange Zeit hinweg nur noch von der NPD wach gehaltene Abstammungsprinzip wiederentdecken und dem im Siegerland geborenen Daimagüler im Kommentarbereich raten, wenn es ihm in Deutschland nicht gefiele, doch „nach Hause“ zu gehen.

Multikulturelle Gesellschaft kann nur bedeuten, dass Menschen verschiedener Hautfarben gemeinsam Angst vor Atomkraftwerken, Erderwärmung, dem Islam oder Fundichristen haben dürfen. Dass sie alle ohne Ansehen der Herkunft freundschaftliche USA- und Israelkritik üben, Europas Pleitestaaten retten, von 12 bis 50 pubertieren, dass alle die Freiheit haben, Kinderlärm, frühe Eheschließungen und Teenagerschwangerschaften für das Schlimmste neben Krieg und Neoliberalismus zu halten. Dass alle gemeinsam ihre Ideen zur noch gerechteren Verteilung des Wohlstandes einbringen dürfen und aufgefordert sind, Familie, Nachbarschaft oder Betrieb als Plattform für die eigene emanzipatorische Selbstverwirklichung zu nutzen. Dass jeder das Recht hat, seinem durch Religion, Elternhaus oder Nashville geprägten falschen Bewusstsein abzuschwören und so zu denken wie die progressiven Eliten – und wenn er es nicht ausüben sollte, machen es Leute wie Michael Stürzenberger eben irgendwann zur Pflicht.

Sie kann nicht heißen, dass abgesehen vom Beherrschen der Sprache und der Beachtung des Grundgesetzes keine Assimilation mehr stattzufinden bräuchte oder gar jeder nach seiner Fasson selig werden könnte. Wir sind doch nicht bei den Yankees oder was! Zu viel Vielfalt tut nicht gut. Deshalb gilt: Die Multikultur muss deutsch bleiben!

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Harry Tisch: Befreiung des Stoffwechsels

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