Ich habe als Bundesminister 80 Prozent meiner Kraft dazu verwendet, gegen Unfug anzukämpfen. Ludwig Erhard

Langsam, Jäger!

Lorenz Jäger hat sich in der FAZ vom Konservativismus losgesagt. Doch bis es zum Prädikat als aufrichtiger Klassenkämpfer reicht, dürfte noch etwas Zeit ins Land gehen.

Es mag ja ein netter Versuch des Genossen in spe Lorenz Jäger sein, sich wortreich in der „FAZ“ von seinen früheren „Kameraden“ loszusagen und sich selbst zum „Gutmenschen“ zu erklären. Allein: So billig ist dieses Qualitätsprädikat nicht zu ergattern und die progressive Öffentlichkeit in der Bundesrepublik Deutschland ist längst in der komfortablen Lage, nicht mehr jeden dahergelaufenen Renegaten nehmen zu müssen, sondern in der Wahl ihrer Mitstreiter durchaus wählerisch sein zu können.

Im Falle des selbsternannten Neu-Genossen Jäger würde es auch geradezu eine Beleidigung der kritischen Intelligenz darstellen, diesem nach nur einem, zudem auch mehr gewollten als gekonnten Beitrag jene Festigung des Klassenstandpunktes zuzubilligen, um die verdiente Genoss_innen in fortschrittlichen Parteien, NGOs und Aktionsbündnissen über Jahre hinweg gerungen hatten und von der Jäger offenbar meint, sie würde ihm so einfach in den Schoß fallen.

Noch gilt – und diesen Zustand haben Menschen erkämpft, die meist schon in ihrer Jugendzeit den Wert der Klassiker und des Wirkens der Genossen Mao, Lenin und Stalin zu schätzen wussten – in diesem Land der Grundsatz „Einmal Nazi – immer Nazi!“ Selbst die Union hat diesen verinnerlicht, zumal im Unterschied zu jener Zeit, als diese mit der SED darum wetteiferte, wer von beiden die meisten früheren NSDAP-Mitglieder für sich gewinnen könnte, heutige Heranwachsende die Möglichkeit haben, sogenannte „Jugendsünden“ auch in Form von Drogenerfahrungen, Alkoholismus und sexuellen Ausschweifungen zu begehen und deshalb auf Engagement im Sinne eines rechten Lumpensozialismus nicht mehr angewiesen sind. Und Blut- und Boden-Träume lassen sich auch problemlos direkt innerhalb der Partei der Grünen verwirklichen, sodass nicht mal das eine Entschuldigung sein kann.

Gerade deshalb aber machen ein paar – gewiss lobenswerte – Ergebenheitsadressen in Richtung Antiamerikanismus, Spitzen gegen die Reichen und die Aussprache der Shahada für Klimagläubige – „Es gibt eine Erderwärmung und sie ist vom Menschen gemacht“ – für sich allein aus einem langjährigen Büttel der reaktionären Klasse noch keinen progressiven Denker.

Wenn der Möchtegern-Genosse Jäger etwa die Finanzierung der Ausübung des Menschenrechts auf Abtreibung durch staatlich eingehobene Pflichtbeiträge zur Krankenversicherung immer noch als „wirklich problematisch“ bezeichnet, dann zeigt er damit, dass er beispielsweise das Prinzip des „Klimaschutzes“ überhaupt nicht verstanden hat. Es ist ja gerade der Clou an der These, der Mensch wäre gegenüber dem unter dem Joch des CO2 stöhnenden Planeten ein Schädling, dass infolgedessen auch jede Maßnahme, um die Bevölkerungszahl auf der Erde drastisch nach unten zu korrigieren, nur die konsequente und wünschenswerte Umsetzung der daraus folgenden Schlussfolgerung wäre.

Abgesehen davon braucht die progressive Bewegung nicht noch weitere Spalter. Und als solcher erweist sich Jäger, wenn er gegen die islamkritische Bewegung vom Leder zieht. Klar gibt es in dieser auch Elemente, die aus einem regressiven, etwa amerikafreundlichen oder gar zionistischen Blickwinkel heraus unsolidarisch mit den islamistischen Befreiungsbewegungen gegen die westlichen Aggressoren sind. Es ist auch schön und gut, wenn sich Beute-Antiamerikaner wie Jäger, der seine Bush-Kritik und seine pazifistische Käßmann-Logik reichlich spät entdeckt hat, hier klar positionieren.

Eine nicht unerhebliche Anzahl an Islamkritikern, bis weit in die sogenannten „rechtspopulistischen“ Parteien hinein, sind aber Sozialist_innen reinsten Wassers, die aus einer ehrlichen Ablehnung religiösen Aberglaubens, aus einer wahrhaften Überzeugung, der Staat wisse besser, was für den Einzelnen gut ist, als dieser selbst, oder aus einem wahrhaften Willen heraus handeln, die Errungenschaften der Gegenkultur gegen patriarchalische Zumutungen zu verteidigen, die aus der Tradition vieler Zuwandererfamilien kommen.

Diese Genoss_innen und Kamerad_innen könnte Lorenz Jäger mit seiner defätistischen Kritik an Geert Wilders und bald vielleicht auch noch an Alice Schwarzer oder Ayaan Hirsi Ali aber dauerhaft vergrätzen – was dem progressiven Gedanken mehr kosten würde, als er je durch einen einzelnen knieweichen „FAZ“-Feuilletonisten gewinnen könnte.

Aus diesem Grunde mag der Genosse in spe Jäger vielleicht einen Platz als das angemessen bekleiden können, was Lenin einst „nützlicher Idiot“ nannte. Aber zu mehr als zum Kombüsenhilfskoch im fortschrittlichen Kollektiv wird es nicht reichen. Dafür haben sich seine „Jugendsünden“ zu weit ins fortgeschrittene Alter gerettet.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Harry Tisch: Befreiung des Stoffwechsels

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