Wenn wir durch Zauberhand nicht mehr unter US-Recht fallen würden, wäre das großartig. Sergey Brin

Macht die 99% wieder zu 99,97%!

Die Occupy-Wall-Street-Bewegung wird von den Medien zum Großereignis hochstilisiert. Die Demonstranten jedoch träumen einen verklärten amerikanischen Traum, statt sich mit dem eigenen Materialismus zu beschäftigen.

Seit einigen Wochen erregen mehrere Tausend Menschen Aufsehen, deren Erkennungszeichen unter anderem Todesrunen auf der Kleidung sind, die Transparente mit kapitalismuskritischen Forderungen mit sich führen, Juden beschimpfen und schon mal die eine oder andere amerikanische Flagge verbrennen.

Kundgebungsteilnehmer wettern beispielsweise gegen die internationale Hochfinanz und dozieren, dass die Wall Street und selbst die Regierung Obama von Juden kontrolliert würden.

Wer jetzt denkt, es ginge um die NPD, die wieder einmal gegen die Wehrmachtsausstellung oder zum 1. Mai aufmarschiert, irrt. Es handelt sich vielmehr um die Bewegung „Occupy Wall Street“, die sich auf diese Weise in Szene setzt und über die man jetzt schon sagen kann, dass im Schnitt auf einen ihrer Demonstrationsteilnehmer in den USA mindestens ein europäischer Journalist oder Intellektueller kommt, der ihn bejubelt.

Es ist alles eine Frage des Bewusstseins

Zwar konnte kürzlich der Bischof von Rom allein im thüringischen Eichsfeld mehr Anhänger versammeln als die Wall-Street-Besetzer auf all ihren Kundgebungen zusammen, dennoch ist – durch konsequentes Doublethink – der Papstbesuch nach gängiger Lesart ein Flop gewesen, während die Occupier eine weltweit bedeutende soziale Bewegung darstellen.

Es ist eben alles nur eine Frage des richtigen Bewusstseins. Und da 2.000 „Occupy Wall Street“-Marschierer, wenn man alles addiert, im Regelfall mehr Jahre an Universitäten nachweisen könnten als Zehntausende Eichsfeld-Papstbesucher oder Tea-Party-Anhänger bei Glenn Becks Event am Lincoln Memorial, verdient auch deren Stimme mehr Beachtung als die der vielen kleinbürgerlichen Spießer, die religiöse Veranstaltungen besuchen oder beispielsweise fordern, mit ihrem selbst verdienten Geld machen zu dürfen, was sie selbst für richtig halten.

Letztere Vorstellung offenbart alleine schon für sich einen eingeschränkten Horizont, der aus jener konterrevolutionären Selbstabgrenzung herrührt, wie sie in den Häuserreihen mit gepflegten Vorgärten und hohen Hecken, wie man sie aus amerikanischen Vorstädten kennt, auch bildhaft kultiviert wird. Statt – wie es die kritische Intelligenz macht – die herrschenden Ausbeutungszusammenhänge zu hinterfragen, zieht man sich dort in eine von Religion, Waffen, Monogamie, Privateigentum, Patriotismus und Countrymusik geprägte Parallelgesellschaft zurück und bezweifelt – wie es etwa die „53%-Bewegung“ macht – auch noch den Weitblick derer, die von sich behaupten, „99%“ zu sein. Man flüchtet sich in den „Amerikanischen Traum“, statt sich mit der Realität des historischen Materialismus zu beschäftigen.

Dabei haben europäische Kapitalismuskritiker beispielsweise zu DDR-Zeiten bereits bewiesen, dass sie, wenn es darauf ankam, sogar 99,97% der Bevölkerung hinter sich zu scharen verstehen, etwa bei Volkskammerwahlen. Und das Geld, das die spießigen Kleinbürger meinen, durch Arbeit verdient zu haben, musste auch erst von der Notenbank gedruckt werden. Und die ist zumindest in Teilbereichen staatlich kontrolliert. Von wegen also „selbst verdientes Geld“.

Wie viel größer ist das Verständnis für die Zusammenhänge hingegen bei den gebildeten Eliten der Wall-Street-Besetzer, die noch nie eigenes Geld verdienen mussten, allenfalls einen sechsstelligen Kredit zur Finanzierung des Studiums der Sozial- oder Genderwissenschaften aufnahmen und deshalb Zeit hatten, intensiv darüber nachzudenken, wie das insgesamt im Land und auf der Welt Vorhandene besser und gerechter verteilt werden könnte. Der von Papi geschenkte Laptop erlaubt es den Konsumkritikern und Gegnern kapitalistischer Äußerlichkeiten, Hollywood-Schauspieler, europäische Journalisten, Michael Moore und weitere Ingenieure der Seele brühwarm mit den neuesten Forderungen und Weisheiten zu versorgen und bei dieser Gelegenheit auch gleich der Welt die neuesten Markenklamotten und digitalen Geräte vorführen zu können.

Revolutionäres Vollprogramm

Erfreulicherweise beschränkt sich die „Occupy Wall Street“-Bewegung nicht nur auf Forderungen wie jene nach Verstaatlichung von Banken, Versicherungen und anderen Finanzdienstleistungen, höheren Steuern, Brechung der Zinsknechtschaft, mehr und zentralerer Verteilungspolitik oder gleicher Armut für alle, auch für andere fortschrittliche Anliegen ist man durchaus offen.

Was dann immer noch nicht aus Gründen der Verteilungsgerechtigkeit platt gewalzt worden sein sollte, möge doch spätestens im Namen des „Klimaschutzes“ passend gemacht werden – der „Rat für nachhaltige Entwicklung“ wäre entzückt. Die USA sollten des Weiteren den Krieg gegen den Terror einstellen, da die Taliban und al-Qaida nur Opfer der imperialistischen Machtpolitik Washingtons wären. Und selbstverständlich sollte es keine Kritik mehr am Menschenrecht auf Abtreibung geben dürfen – in einer Zeit, da die progressivsten Elemente der kritischen Intelligenz bereits über die Beendigung der Diskriminierung zoosexueller Beziehungen diskutieren, ist das ja eigentlich auch das Mindeste, was man verlangen kann!

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Harry Tisch: Befreiung des Stoffwechsels

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